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Soli aktuell 6/2024

Das stärkt die Vielfalt

Ab sofort können sich auch Auszubildende für ein Stipendium bei den Begabtenförderwerken bewerben. Eine große Chance, sagt Ralf Richter.

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Ralf Richter ist Leiter der Abteilung Studienförderung bei der HBS.

Ralf, Auszubildende bekommen Vergütung. Warum sollen sie nun auch noch ein Stipendium bekommen?
Die Regierungsparteien haben im Koalitionsvertrag vom November 2021 vereinbart, dass sie eine Exzellenzinitiative Berufliche Bildung auf den Weg bringen wollen. Dazu gehört auch die Öffnung der 13 akademischen Begabtenförderungswerke für die berufliche Bildung, darunter die Hans-Böckler-Stiftung (HBS) mittels verschiedener Pilotprojekte. Ziel ist es, akademische und berufliche Ausbildung gleichwertig zu behandeln. Das Stipendium dient dabei nicht dem Lebensunterhalt, sondern soll zusätzliche ausbildungsbezogene Vorhaben unterstützen.

Wie viel Geld wird das sein und gibt es noch andere Formen der Unterstützung?
Die Höhe des Stipendiums beträgt monatlich 300 Euro für die Dauer der Ausbildung. Der Kern unserer Förderung ist aber ein auf die Zielgruppe abgestimmtes modulares Seminarprogramm. Unterstützt werden die Auszubildenden auch in ihrer Perspektive auf die eigene Karriere, hier bieten wir Coachings an. Im Besonderen wird die Innovationsfähigkeit im eigenen Beruf eine wichtige Rolle spielen. Darüber hinaus fördern wir die Vernetzung begabter und engagierter Auszubildender auf Bundesebene.

Wer kann sich bewerben – und wer sollte es unbedingt?
Bewerben kann sich jede*r Auszubildende am Ende des ersten Ausbildungsjahrs – egal ob er/sie aus dem Einzelhandel, dem Gesundheitswesen, dem Handwerk oder der Industrie kommt oder eine Ausbildung zum/zur Erzieher*in macht. Besonders interessieren uns begabte Auszubildende, die sich über die eigene Ausbildung hinaus engagieren, z.B. in der Jugend- und Auszubildendenvertretung. Aber auch andere Formen des gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Engagements werden bei der Auswahl besonders gewürdigt.

Wie viele Menschen werden gefördert – und wie lange?
In der Pilotphase werden 50 Auszubildende pro Jahr aufgenommen und jeweils für drei Jahre gefördert. Insgesamt werden es zunächst drei Kohorten sein, sodass die Gesamtzahl der Geförderten bei 150 Auszubildenden liegen wird. Dabei reicht die Förderdauer über die eigentliche Ausbildungsphase hinaus.

Welche Seminare werden angeboten? Und brauchen die Auszubildenden diese Inhalte wirklich?
Unser modulares Seminarprogramm reicht von Konfliktmanagement- und Diversitätsseminaren über ein Planspiel zu einer partizipatorisch und nachhaltig gestalteten Stadt als gemeinsames Projekt, in welches die Auszubildenden die verschiedenen Perspektiven ihrer Branche einbringen, bis hin zu einer Auslandsakademie in San Francisco mit Intensivsprachkurs.

Mit der Vertiefung von Kenntnissen und Fähigkeiten zu Methoden, Lernverhalten, Kommunikation und Sprache wollen wir eine Perspektiv- und Kompetenzerweiterung ermöglichen. Themen wie "New Work", Nachhaltigkeit am Arbeitsplatz oder Umgang mit Diversität sind oft nicht Teil des Curriculums der Berufsschulen, wohl aber eine Anforderung in den Berufsbildpositionen, wie Schulen sie vermitteln sollen. Wir unterstützen hier mit erweiterten Angeboten, die Zukunftsthemen markieren und unsere Geförderten zu mitbestimmenden, handlungsfähigen Persönlichkeiten in der Arbeitswelt ausbilden sollen.

Grundsätzlich bleibt aber festzuhalten, dass unser Programm nicht dem Ausgleich von eventuellen Defiziten in der Berufsausbildung dient, sondern weit über die eigentliche Berufsausbildung hinausgeht. Das macht das Projekt so spannend!

Wann hat man festgestellt, dass Auszubildende diese Zusatzqualifikationen benötigen?
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat Ende Dezember 2022 die im Koalitionsvertrag vereinbarte Exzellenzinitiative Berufliche Bildung vorgestellt. Dabei fokussiert die Initiative durchgehend auf drei zentrale Handlungsfelder:

  • die Verbesserung der individuellen Chancenförderung,
  • den Ausbau innovativer und hochwertiger Bildungsangebote sowie
  • die Ausweitung der internationalen Ausrichtung in der beruflichen Bildung.

Unser Programm zur Förderung von Talenten in der beruflichen Bildung wird diesem Ansatz gerecht, indem es alle drei Handlungsfelder einbezieht.

Welche Hoffnungen verbindet ihr mit dieser neuen Art der Förderung?
Die HBS verfügt über große Erfahrung in der Integration von neuen unterrepräsentierten Gruppen in die Begabtenförderung. So haben wir in den Nullerjahren die Förderlinie "Böckler-Aktion Bildung" entwickelt, über die sozial benachteiligte Studierende aufgenommen werden. Mit dieser Maßnahme zur Diversitätssteigerung hat es die Stiftung auf über 40 Prozent Geförderte mit Migrationshintergrund geschafft. Die Förderung von Auszubildenden mit Abschlüssen verschiedener Schulformen wird die Vielfalt unserer Stipendiat*innenschaft weiter stärken. Dabei hoffen wir auf einen intensiven Austausch zwischen den Stipendiat*innen der beruflichen und akademischen Bildung. Denn mit den Auszubildenden rücken wir näher an die Arbeitswelt heran. Hier liegt ein großes Potenzial für den Austausch zwischen Theorie und Praxis.


Die Hans-Böckler-Stiftung hat eine Website für das Azubi-Stipendium freigeschaltet: www.tibb-boeckler.de

(Aus der Soli aktuell 6/2024, Interview: Soli aktuell)