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Soli aktuell 6/2024

Eine sichere Zukunft

Wir müssen bei der Europawahl am 9. Juni über gute Ausbildung und Arbeit für die junge Generation sprechen und über politische Prozesse aufklären, sagt Finja-Lee Bethke.

© Privat
Finja-Lee Bethke, 26, begann 2018 eine Ausbildung bei der Bayer AG. Von 2019 bis 2022 war sie JAV-Vorsitzende, von 2022 bis 2023 Betriebsratsmitglied. Zurzeit stu-diert sie in Leipzig Biologie und Politik auf Lehramt. Seit 2020 ist sie in den Jugend-strukturen der IGBCE und des DGB aktiv, u. a. im Bezirksvorstand, in Bezirksjugend-ausschüssen und als Mitglied der Tarifkommission (Chemie Tarif Nordost für die Ju-gend). Seit diesem Juni vertritt sie die DGB-Jugend beim EGB-Jugendkomitee.

Finja, du bist die neue Vertreterin der DGB-Jugend beim Europäischen Gewerkschaftsbund EGB. Was hast du dort vor?
Eines der Ziele, das ich mir gesetzt habe, ist, in unseren Jugendstrukturen mehr Sichtbarkeit für internationale Gewerkschaftsarbeit zu schaffen. Ich komme gerne in die Bezirke oder Mitgliedsgewerkschaften und berichte über die Arbeit im EGB.

Wie blickst du auf deine Arbeit?
Ich verstehe mich selbst als Sprachrohr der DGB-Jugend auf europäischer Ebene, ich möchte unsere Themen stark machen. Die Jugend will sich nicht mehr auf die Art und Weise ausbeuten lassen wie unsere Elterngeneration, daher will ich mich mitunter in die Kampagne "Ban Unpaid Internships" gegen unbezahlte Praktika weiter einbringen. Die Arbeitgeber bieten diese immer häufiger an. Sie gefährden den Übergang von der Ausbildung ins Berufsleben.

Ich habe die letzten fünf Jahre in Berlin gelebt und während meiner Ausbildung – trotz Chemie-Tarifs! – zwei Drittel meines Azubi-Gehalts für meine Miete ausgegeben. Die europäischen Städte werden immer teurer; Leben an den Orten, wo die Jobs sind, können sich junge Menschen kaum noch leisten. Daher möchte ich mich zusammen mit der EGB-Jugend für bezahlbaren Wohnraum einsetzen.

Was ist das Besondere am EGB?
Internationale Vernetzung ist extrem wichtig, um die Probleme der globalisierten Arbeitswelt zu lösen. Arbeiten ist für EU-Bürger*innen in der ganzen EU möglich, daher sollten auch Gewerkschaften über Grenzen hinweg arbeiten.

Welche Aufgabe ist derzeit die dringendste für die EGB-Jugend?
So kurz vor der Europawahl am 9. Juni ist es das Wichtigste für uns, unsere jungen Mitglieder europaweit über die Relevanz dieser Wahl aufzuklären. Ihnen zu zeigen, welche Themen wichtig sind für eine erfolgreiche gewerkschaftliche Arbeit und mit welchen Parteien wir hier die besten Chancen haben, diese in Zukunft auf EU-Ebene umzusetzen. Momentan sehen die Prognosen leider so aus, als würde unsere Arbeit in Europa in Zukunft schwieriger werden. Aber noch wurde nicht gewählt – und wir tun, was wir können!

Der DGB-Bundesjugendausschuss hat sich bereits zur Europawahl positioniert, er steht für gute Arbeit und Ausbildung, faire Mobilität und sichere Migration. Welche Forderung wird deiner Meinung nach die größte Rolle spielen?
Ein sehr wichtiger Punkt ist die Arbeitsplatzsicherheit innerhalb der EU. Wir sehen einen stetigen Rückgang der Arbeitsplätze vor allem in den tarifgebundenen Industrien. Je weniger Arbeitsplätze in mitbestimmten Unternehmen vorhanden sind, desto weniger Möglichkeiten gibt es, in Zukunft für junge Menschen gut bezahlte, sichere Arbeit mit guten Bedingungen zu finden.

Wir haben viele Länder mit verschiedenen Voraussetzungen innerhalb der EU, aber was wir alle gemeinsam haben, ist, dass wir uns eine sichere Zukunft wünschen. Es geht darum, sichere Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu haben, die uns nicht krank machen, und die die Grundlage dafür bieten, ein gutes Leben führen zu können (ohne überteuerten Wohnraum); darum, nicht von Krieg bedroht zu werden – und einen gesunden Planeten zu haben, auf dem auch die nächsten Generationen noch leben können.

Du hast bereits Schwierigkeiten angesprochen: In vielen europäischen Ländern erstarkten rechte Parteien, sie sprechen auch viele oder vielleicht gerade junge Leute an. Wie ließe sich dieser Trend umkehren?
Mein Gefühl war in den letzten Jahren, dass einige junge Menschen sich nicht repräsentiert fühlen und die Politik für sie einfach zu weit weg ist. Hier haben die extrem Rechten uns leider etwas voraus, denn sie haben Medien wie TikTok vor uns für sich entdeckt, sie erreichen und beeinflussen mit diesen Internetplattformen viele junge Menschen mit, wie es scheint, einfachen, reißerischen Lösungen für komplexe Probleme. Ich denke, wir und die uns nahestehenden Parteien müssen vermehrt junge Menschen da abholen, wo sie eh schon viel Zeit verbringen. Wir müssen auf Augenhöhe kommunizieren, aufklären über politische Prozesse und Probleme und unsere Lösungsansätze mehr verbreiten.

Was erhoffst du dir von der Wahl?
Häufig geht das Thema Europäische Union in unserem Alltag ziemlich unter – obwohl wir überall im Alltag Dingen begegnen, die durch die EU geregelt werden, da müssen wir nur mal in unsere Portmonees gucken! Meine Hoffnung ist, dass die EU durch diese Wahl und unsere Veranstaltungen im Vorfeld wieder mehr Sichtbarkeit bekommt, denn die Entscheidungen, die mitunter in Brüssel getroffen werden, betreffen uns alle.


(Aus der Soli aktuell 6/2024, Interview: Soli aktuell)