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Soli aktuell 5/2024

Die Interessen selbst bestimmen

Regina Görner über die Arbeit Volker Roßochas als DGB-Bundesjugendsekretär der 1990er Jahre.

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Regina Görner, 74, war von 1990 bis 1999 Mitglied des DGB-Bundesvorstands, dort für den Bereich Jugend verantwortlich und somit Roßochas Vorgesetzte. Nach Stationen als Ministerin in der saarländischen Landesregierung und im Geschäftsführenden IG Metall-Vorstand ist sie heute Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, BAGSO.

Regina, du warst mit Volker gleich nach der Wende in führenden Positionen beim DGB. Welche Aufgaben hattet ihr zu bewältigen?
Eine Gewerkschaftsjugend, wie wir sie kannten, gab es in Ostdeutschland ja nicht, keine Strukturen, keine Räume. Es hatte nur einen einzigen Jugendverband gegeben, die FDJ. Es gab einzelne junge Leute, die schon im DDR-Gewerkschaftsbund FDGB versucht hatten, so etwas wie Jugendarbeit zu etablieren. Die haben wir natürlich miteinbezogen.

Was hat Volker Roßocha als DGB-Bundesjugendsekretär unternommen, um die Jugendarbeit des DGB in den Osten zu bringen?
Jugend-Cafés eröffnet. Er hat einen alten Bus der Berliner Verkehrsbetriebe gekauft und ging auf Tour im Osten. Wir haben gesagt: "Nicht wir, sondern ihr seid die Gewerkschaftsjugend." Für ehemalige DDR-Verhältnisse war es ungewöhnlich, dass die Jugendlichen selbst bestimmen konnten, was sie wollten. Wir stellen den Apparat zur Verfügung, ihr organisiert euch selbst! Es gelang uns, tolle Leute zu finden. Wir haben damals im DGB-Bundesvorstand eine Million Mark für den Aufbau der Jugendarbeit in den neuen Ländern bereitgestellt. Nebenher fand das internationale Jugendtreffen in Jamaica statt. Wir organisierten Klappbetten und Zelte, die wir aus ehemaligen NVA-Beständen erwarben. Eine herausfordernde Zeit!

Wie schaute man in der Gewerkschaftsjugend auf die Wiedervereinigung Deutschlands?
Volker hat mir mal erzählt, in den allerersten Tagen, als die Mauer aufging, sei es kontrovers im Bundesjugendausschuss zugegangen. Bei einer Sitzung, die auch noch in Berlin stattfand, hatte es heftige Auseinandersetzungen darüber gegeben, ob man den Mauerfall überhaupt begrüßen sollte.

Aber recht schnell gingen wir nach Ostdeutschland und packten an. In den öffentlichen Verwaltungen wusste man zum Beispiel nicht, wie man Verträge für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen abschließt. Kurzerhand schickte ich einen der DGB-Sekretäre meiner Abteilung Öffentlicher Dienst nach Erfurt, der die Personalabteilung der Stadt qualifizierte.

Eine sehr direkte Unterstützung. DGB und Gewerkschaften haben sehr viel dazu beigetragen, dass die Menschen in den neuen Bundesländern nicht allein gelassen wurden und der Prozess friedlich verlaufen ist. Vieles ist der Öffentlichkeit gar nicht bekannt geworden.

Volker Roßocha war bei IDA e.V. bis zuletzt federführend. Wie habt ihr damals über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit diskutiert?
Für IDA entscheidend war, dass andere Jugendverbände gesehen hatten, dass sie ein Problem mit Diskriminierung hatten. Die Gründung von IDA war der Versuch, mit Verbänden im Deutschen Bundesjugendring ein übergreifendes Zentrum aufzulegen. Ich war viele Male in Ministerien, damit Unterstützung bereitgestellt wurde. Das hat gut funktioniert.

Heute reden wir immer noch über dieselben Themen.
Richtig. Aber ich möchte mir nicht vorstellen, wie es wäre, wenn es die gewerkschaftliche Antirassismusarbeit nicht gäbe. Wir können nicht sagen, dass Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter nicht für Rechtsextremismus empfänglich wären. Das hat sich aber nie massiv ausgedehnt. Und heute? Wer sich von der AfD distanziert, ist nicht isoliert, er findet sich mit 100.000 anderen zusammen. Das macht Mut, das ist sehr wichtig.

Würdest du sagen, dass die Jugendarbeit des DGB in den 1990er Jahren erfolgreich war?
Das war eine Zeit des Umbruchs. Ein wichtiger Prozess war, dass junge Leute aus anderen Arbeitsformen Zielgruppe der gewerkschaftlichen Jugendarbeit wurden. Angestellte und Menschen in Dienstleistungsberufen statt nur aus der Industrie. Volker hat diese Auseinandersetzung moderiert, sie erforderte auch eine Neudefinition der Jugendarbeit. Die Interessen junger Leute wurden nicht mehr von großen gewerkschaftlichen Apparaten bestimmt, das machten sie nun selbst. Heute würde niemand mehr was von oben diktieren, das ist völlig out.

Dass hier ein Konsens gefunden wurde, daran hatte auch das Jugendbildungszentrum in Oberursel entscheidenden Anteil. Volker war mein engster Mitarbeiter in dem Bereich, und viele Leute haben uns unterstützt. Man muss sich vorstellen: Auf dem DGB-Bundeskongress, bei dem ich in den DGB-Bundesvorstand gewählt wurde, wurde gleichzeitig über das Ende der DGB-Jugendarbeit diskutiert! In den großen Gewerkschaften war man der Meinung, man könne Jugendarbeit selbst besser machen. Das war, was uns eigentlich am meisten bedrückt hat in den 1990er Jahren. Dass wir um jede Kleinigkeit kämpfen mussten; kämpfen, dass Oberursel nicht geschlossen wurde usw.

Aus den kleinen Gewerkschaften kam aber Druck, die haben gesagt, wir brauchen die DGB-Jugend. An ihrem Erhalt hat Volker ganz erheblichen Anteil gehabt. Und heute? Steht sie da wie eh und je!

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Der ehemalige DGB-Bundesjugendsekretär Volker Rossocha.

Die DGB-Jugend nach dem Mauerfall
Der kürzlich verstorbene Volker Roßocha war von 1989 bis 1997 DGB-Bundesjugendsekretär. In die Amtszeit des gelernten Spezialbaufacharbeiters (mit anschließendem Studium der Bautechnik) fielen die großen Veränderungen im Anschluss an den Mauerfall. Die Integration junger Ostdeutscher in die Gewerkschaftslandschaft war eine große Herausforderung für die DGB-Jugend.

1990, zur Hochzeit rassistischer Übergriffe in Deutschland, war er an entscheidender Stelle im "Gelbe Hand"-Verein und bei der Gründung des Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit e.V., kurz IDA, aktiv – ein Dienstleistungszentrum der Jugendverbände u.a. auf den Themenfeldern Antisemitismus-, Rassismus- und Diskriminierungskritik. Heute wird es von 32 bundesweit tätigen Jugendorganisationen getragen, darunter der Deutsche Bundesjugendring.

Die DGB-Jugend dankt Volker für seinen Einsatz in schwierigen Zeiten. Wir sind in Gedanken bei den Angehörigen.


(Aus der Soli aktuell 5/2024, Autorin: Soli aktuell)