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Soli aktuell 4/2024

Hier läuft nichts nach Plan

Ihr lernt zu wenig und die Stimmung ist mies? "Dr. Azubi" weiß, was du machen kannst, wenn dein Betrieb nicht richtig ausbildet.

Julia Kanzog
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Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog.

Immer dasselbe
Dir dürfen nur Aufgaben übertragen werden, die Inhalte deiner Ausbildung sind. Schnee schippen, Essen holen und Kaffee kochen dienen nicht deinem Ausbildungsziel. Ewiges Wiederholen der gleichen Ausbildungsinhalte auch nicht: zum Beispiel, wenn du drei Jahre als angehende Medizinische Fachangestellte nur am Empfang sitzt. Mit dem Ausbildungsrahmenplan prüfst du deine Ausbildung inhaltlich und qualitativ. Er legt für jeden Ausbildungsberuf genau fest, was du wann lernen musst. Er muss deinem Ausbildungsvertrag beigefügt werden. Vergleicht ihn mit den Inhalten im Berichtsheft!

Ich bin allein
Oft berichten junge Beschäftigte im "Dr. Azubi"-Forum, dass sie keine Ansprechperson haben (vgl. Soli aktuell 2/2024). Im stillen Kämmerchen oder mithilfe des Internets lassen sich Abläufe und Praxisinhalte schlecht erlernen. Auch Mitauszubildende oder Aushilfskräfte sind keine qualifizierten Ansprechpersonen, um einen Beruf zu erlernen. Die Ausbildung hat eine Person durchzuführen, die fachlich sowie persönlich geeignet ist und im Betrieb greifbar sein muss. Diese*r Ausbilder*in ist auch im Ausbildungsvertrag eingetragen.

Ausbilder*in brüllt
Malte, ein angehender Informationskaufmann, schreibt uns: "Ich wurde so fertig gemacht, dass ich zitterte und weinte, nur weil es nicht sauber genug in der Abteilung war."
Deine Ausbilder*innen müssen fachlich und pädagogisch geeignet sein, auszubilden. Es ist absolut nicht in Ordnung, dich anzuschreien oder sonst wie fertig zu machen. Leider sind cholerische Vorgesetzte keine Seltenheit.

Berichtsheft
Das Berichtsheft muss von deinem Betrieb kostenlos zur Verfügung gestellt, regelmäßig kontrolliert und unterschrieben werden. Dort schreibst du täglich oder wöchentlich, was du im Betrieb gelernt oder eben auch NICHT gelernt hast. Es dient als Lernzielkontrolle und als wichtiger Ausbildungsnachweis. Du brauchst es für die Zulassung zur Prüfung. Da es verpflichtender Teil der Ausbildung ist, darf man es während der Arbeitszeit schreiben.

Überstunden
Mehrarbeit entspricht nicht dem Zweck einer Ausbildung. Die Ausbildungsinhalte können in der vorgegebenen Zeit vermittelt werden. Daher braucht es keine oder nur im Ausnahmefall Überstunden für eine qualifizierte Ausbildung. Arbeitest du andauernd mehr, als es dein Vertrag vorschreibt, kann das ein Hinweis sein, dass du mehr Arbeitskraft als Auszubildende*r bist. Überstunden dürfen in der Ausbildung nicht verpflichtend sein. Wenn sie anfallen, müssen sie dir in Form von Freizeit oder zusätzlicher Vergütung ausgeglichen werden.

Achtung: Wer minderjährig ist, darf nicht mehr als 40 Stunden in der Woche arbeiten, Überstunden sind also überhaupt nur sehr begrenzt möglich.

Berufsschule
Die Berufsschule ist verpflichtender Bestandteil der Ausbildung. Der Betrieb muss dich für die Berufsschule freistellen und dies als Arbeitszeit anrechnen. Nur in Ausnahmefällen darf dich dein Betrieb von der Schule befreien lassen.

Urlaub
Wird dir dein Urlaub nicht gewährt oder umgelegt, dann ist das nicht in Ordnung. Urlaub dient der Erholung, du hast ein Recht darauf, deine Urlaubstage im laufenden Kalenderjahr zu nehmen. Mindestens zwei Wochen Urlaub am Stück sollten in einem Jahr drin sein. Stell deinen Antrag frühzeitig und hol dir Unterstützung, wenn dir dein Urlaub nicht gewährt wird.

Geld fehlt
Die Ausbildungsvergütungen können zwischen Branchen und Betrieben extrem schwanken. Dennoch müssen sie sich nach einem gültigen Tarifvertrag richten, wenn es ihn gibt. Ansonsten darf dein Betrieb die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung nicht unterschreiten. Bekommst du zu wenig Vergütung, kommt dein Gehalt unregelmäßig oder bleibt sogar komplett aus, stimmt etwas nicht und du solltet aktiv werden. Schließlich arbeitest du ja nicht für umsonst.

Unterstützung
Was ist, wenn keine gute Ausbildung gewährleistet wird? Das hängt natürlich immer von eurer individuellen Situation ab. Je nach Fortschreiten des Ausbildungsverhältnisses raten wir, zu Beginn in der Probezeit genau hinzusehen, ob sich noch etwas ändert im Betrieb oder nicht. Es ist es sinnvoll, zunächst die Probezeit abzuwarten, um dann das Gespräch mit dem Betrieb zu suchen.

Unterstützung gibt es bei der Jugend- und Auszubildendenvertretung, beim Betriebsrat und bei eurer zuständigen Gewerkschaft. Auch die Kammern haben Ausbildungsberater*innen, die dafür zuständig sind, die Betriebe zu kontrollieren. Bei Verstößen gegen die Arbeitszeit ist die zuständige Gewerbeaufsicht die richtige Anlaufstelle.

Sollte in letzter Konsequenz keine Änderung eintreten, ist ein Ausbildungsplatzwechsel sinnvoll. Sollte die Abschlussprüfung vor der Tür stehen, gilt es Strategien zu finden, die Ausbildung durch z.B. geeignete Nachhilfe abzuschließen. Oder, wenn es gar nicht mehr geht, eine externe Prüfung abzulegen.

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© DGB-Jugend/Andi Weiland
Streik kann zu Verzögerungen auf dem Weg zur Arbeit führen. Erst recht, wenn man selbst mitstreikt wie am Jugendstreiktag der ver.di Jugend 2023!

"Dr. Azubi"-Extra: Wenn gestreikt wird
Wenn die Kolleg*innen im ÖPNV streiken, Bahnen ausfallen oder nur Ersatzverkehr zur Verfügung steht, ist es in Ordnung, wenn du nicht pünktlich zur Arbeit erscheinst. Allerdings musst du dafür sorgen, dass du die schnellstmögliche Alternative findest. Wenn länger gestreikt wird, musst du eventuell früher los, um rechtzeitig anzukommen.

Wenn Streiks Pünktlichkeit nicht zulassen, gibt es bei der Bahn ein besonderes Formular. Damit kannst du dir bestätigen lassen, dass es wegen des Streiks für dich zu Verzögerungen kam. Keiner darf dir eine Abmahnung verpassen! Du bist nicht schuld daran, dass du nicht zur Arbeit gekommen bist. Wichtig ist aber, dass du deinen Betrieb frühzeitig über die Verspätung informierst.


(Aus der Soli aktuell 4-2024, Autorin: Julia Kanzog)