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Soli aktuell 4/2024

Leben heißt wohnen

Wer arbeiten soll, braucht ein Dach über dem Kopf. Leonie Knoll zum 1. Mai mit der DGB-Jugend.

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"Löhne hoch, Mieten runter!" Steht am 1. Mai ganz oben auf der Agenda: das Thema Wohnen.

Fachkräftemangel ist in aller Munde und seit einiger Zeit wird er auch mit jungen Menschen in Verbindung gebracht: zu faul, zu anspruchsvoll – die Jugend bräuchte wieder mal so richtig "Bock auf Arbeit". Gutes Stichwort: Damit sollen die Jungen das ausbaden, was Generationen vor ihnen verbockt haben, und sich für das Wohl der deutschen Wirtschaft ausbeuten lassen.

Was dabei außer Betracht gelassen wird: Junge Menschen zwischen 18 und 25 Jahren sind die am stärksten von Armut betroffene Altersgruppe in Deutschland. Die Inflation tut ihr Übriges, die Jugend wird von ihr besonders getroffen. Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Situation müssen die Jungen eine drei- bis viermal höhere Teuerungsrate als Menschen mit hohem Einkommen verkraften.

Für viele junge Menschen sind Mieten in den Ballungsräumen nicht mehr finanzierbar. Während es für Studierende wenigstens Studierendenwohnheime gibt (wenn auch nicht ausreichend), findet sich so gut wie nichts für Auszubildende. Um ein Beispiel aufzumachen: Die durchschnittliche Miete für ein WG-Zimmer in Stuttgart liegt bei 560 Euro, die gesetzlich vorgeschriebene Mindestvergütung für Auszubildende derzeit bei 649 Euro – brutto! Rechnet gern mal nach – da bleibt nichts über.

Man muss es sehr deutlich sagen: Diese Situation ist für Auszubildende nicht auszuhalten. Ein selbstbestimmtes und gutes Leben können nur die führen, die wenigstens wissen, dass sie den Monat finanziell stemmen können. Und das ist das Problem: Man überlegt sich mehrmals, ob man eine Ausbildung anfängt, wenn man sich keine Wohnung leisten kann und im schlimmsten Fall die öffentliche Infrastruktur es nicht hergibt zu pendeln – und das ist ein Trauerspiel für Politik und Gesellschaft!

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Leonie Knoll ist DGB-Bezirksjugendsekretärin in Baden-Württemberg.

Die Regierung in unserem Bundesland Baden-Württemberg etwa hat sich hierbei auch nicht sonderlich mit Ruhm bekleckert. Anstatt genau diesem Missstand entgegenzusteuern, hat man die Chance verpasst, rechtzeitig eine Förderrichtlinie für das Bund-Länder-Programm Junges Wohnen zu erstellen – und die Gelder, die im Jahr 2023 für Azubiwohnen gedacht waren, kurzerhand in die Eigentumsförderung überführt. Bedeutet im Klartext: Man hat sich nicht darum geschert, was mit Wohnraum für junge Fachkräfte ist. Und jetzt können Privatpersonen mit den Mitteln gefördert werden, damit sie sich ein Eigenheim bauen können. Dieses Vorgehen steht stellvertretend für ein großes Problem: Es werden immer mehr Erwartungen an junge Menschen gestellt, allerdings wird nichts dafür getan, sie zu unterstützen. Die Politik muss handeln – und jetzt das Thema Azubiwohnen auf die Agenda setzen! Deshalb fordern wir zum 1.Mai: Ihr wollt mehr Bock auf Arbeit? Dann gebt uns Wohnraum!