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Soli aktuell 3/2024

Die Branche hat geschlafen

Chiara Patricia von Alten Blaskowitz über die Aktivitäten von jungeNGG zum NGG-Gewerkschaftstag.

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Chiara Patricia von Alten Blaskowitz ist Hotelfachfrau und studiert Hotelmanagement. Sie verantwortet das Recruiting der Hotelmanager*innen für vier Länder bei einer großen Hotelgruppe. Sie ist Mitglied im Bundesausschuss von jungeNGG und hat 2023 jungeNGG Bayern auf dem Gewerkschaftstag und der Bundesjugendkonferenz vertreten.

Hallo Chiara, die Delegierten der NGG haben auf ihrem Gewerkschaftstag auch über Ausbildung gesprochen. Nun ist es in eurer Branche wie überall nicht mehr weit her damit, nur noch 20 Prozent der Betriebe bilden aus. Welche Perspektiven sieht man in eurer Gewerkschaft für mehr Ausbildung? Wie bringt ihr die Arbeitgeber dazu, für qualifizierten Nachwuchs zu sorgen?
Um die Ausbildungszahlen zu steigern, braucht es eine höhere Ausbildungsqualität, für die wir uns intensiv einsetzen. Dazu gehören unsere Forderungen nach kostenfreier Mobilität und Prüfungsvorbereitung sowie kostengünstigem Wohnen für Auszubildende. Damit geben wir auch konkrete Lösungsanweisungen, wie die Ausbildung attraktiver wird. Um die Arbeitgeber unter Zugzwang zu setzen, befürworten wir eine Umlagefinanzierung für Ausbildungsplätze.

Eure Branche hat ja gewöhnungsbedürftige Arbeitszeiten. Finden sich überhaupt junge Leute für die Ausbildung?
Die Ausgestaltung muss sich ändern: mehr Planbarkeit durch feste und weniger (Wechsel-) schichten, keine Überstunden und Teildienste, Achtung privater Termine. Die Arbeitszeiten bieten an sich viele Vorteile – wie azyklisches Reisen, ruhiges Einkaufen und Ausschlafen.

Zu lange geschlafen hat die Branche jedoch auch bei den Trends in Personalsuche und employer branding, den Aktivitäten des Arbeitgebers für mehr Attraktivität. Wer mit lachhaften Benefits über klassische Jobportale sucht, wird junge Leute nicht mehr ansprechen. Im war of talents ist der Obstkorb inzwischen verpönt, im Azubi-Recruiting jedoch noch nicht einmal angekommen.

Das Leben – nicht nur junger – Menschen ist durch hohe Kosten beeinträchtigt. Einige von euch haben auf dem NGG-Tag demonstrativ gezeltet, um auf die hohen Mieten hinzuweisen! Aus der Politik hört man da nicht viel an Verbesserungen. Wie sind deine Erfahrungen mit den wichtigen Themen Wohnen und Flexibilität?
Mit "von" im Namen und geregeltem Einkommen habe ich bessere Chancen auf einem sehr engen Wohnungsmarkt. Das gute Gewissen beschränkt sich für mich dabei aber auf das Heizen. Mit solchen Kriterien privilegiert zu sein, finde ich nicht hinnehmbar! Sicheres, warmes und bezahlbares Wohnen und inklusive Wohnprojekte müssen Selbstverständlichkeiten sein. Davon sind wir weit weg. Der Wohnungsmarkt schränkt auch Arbeitnehmer*innen und Auszubildende bei der Stellensuche ein. Entsprechend sollten Verbesserungen auch im Interesse der Arbeitgeber sein.

Die Meldungen aus dem Hotel- und Gastrobereich waren in der letzten Zeit durch harte Tarifauseinandersetzungen, wenn nicht sogar Streiks gekennzeichnet. Geht es der Branche so schlecht, dass ihr so intensiv für Verbesserungen kämpfen müsst?
Zu lange wurde sich auf niedrigen Löhnen ausgeruht. Als Servicekraft kommt man, je nach Betrieb, durch das Trinkgeld nicht schlecht weg. Das ist aber für die Sozialversicherungen irrelevant und zudem variabel. Es liegt in der Pflicht der Arbeitgeber, angemessen zu vergüten, nicht in der des Gastes. Auch bei den anderen Arbeitsbedingungen hat man sich auf die alten Strukturen verlassen. Die Arbeitswelt hat sich gewandelt – und das Gastgewerbe weiterhin eine Menge Nachholbedarf.

Welchen Stellenwert hatte jungeNGG auf eurem Gewerkschaftstag? Und waren die Delegierten eher alt oder eher jung?
Der Altersschnitt war auffällig hoch. Es war spannend zu sehen, wie sich verschiedene Generationen in Interessen unterscheiden und in Gemeinsamkeiten wieder zusammenfinden. Dank spannender Gespräche durften wir viel dazulernen. Wir stießen mit unseren Standpunkten auf offene Ohren. Demokratische Organisationen leben von Vielfalt, daher wollen wir weiter als jungeNGG und junge Arbeitnehmer*innen mit starken Stimmen präsent und überzeugend sein.

Die NGG will das aktive Ehrenamt in der Jugend fördern. Was macht ihr, damit Auszubildende und junge Beschäftigte beginnen, sich zu engagieren?
Durch unsere Präsenz bei Streiks, in Betriebsräten, in Jugend- und Auszubildendenvertretungen, in Tarifkommissionen, in denen wir Jugendthemen einbringen, zeigen wir, dass sich der Einsatz durch das aktive Ehrenamt lohnt. Ein großer Erfolg für uns ist, dass unser Antrag "Gewerkschaften an Berufsschulen" vom Gewerkschaftstag beschlossen wurde. Die Umsetzung braucht es dringend, um schon bei Eintritt in das Berufsleben über die Existenz und Relevanz der NGG aufzuklären und für das aktive Ehrenamt begeistern zu können. Zudem bespielen wir Onlinekanäle und akquirieren in unseren Betrieben.

Am 8. März ist Frauentag. Hat dieser Tag eine besondere Bedeutung für die Frauen in eurer Branche?
Weibliche Führungskräfte sind im Gastgewerbe unterrepräsentiert. Als Recruiterin sichte ich an die 15 Lebensläufe pro Tag. Auffällig dabei ist, dass Männer schnell in administrative Führungsebenen aufsteigen. Bei weiblichen Bewerber*innen begrenzt sich das oft auf das Housekeeping oder Human Ressources und endet bei der Assistenz des Managements. Zudem haben wir durch unseren Menstruationszyklus und Familiengründung andere Bedürfnisse, die bislang im Gastgewerbe kaum Beachtung finden. Und damit sind nur zwei von vielen Punkten genannt. Wir haben hier also noch viel für gleiche Bedingungen zu kämpfen!

Wie blickst du auf deine Gewerkschaft?
Selbst bin ich überglücklich mit meinen Arbeitsbedingungen und würde auch keinen Job mehr annehmen, in dem ich es nicht wäre. Damit bin ich im Gastgewerbe ein Einzelfall. Mit der NGG kann ich aktiv dabei mitwirken, die Arbeitswelt und das Gastgewerbes zukunftsträchtig und fairer zu gestalten und mir neue Blickwinkel verschaffen. Auch stellen wir uns gemeinsam gegen den erstarkenden Rechtspopulismus und verteidigen das "soziale" in "soziale Marktwirtschaft". Ich bin froh, Teil einer so starken und engagierten Gewerkschaft u sein und tatkräftig mitzuhelfen!


(Aus der Soli aktuell 3/2024, Autorinnen: Soli aktuell, Chiara Patricia von Alten Blaskowitz)