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Soli aktuell 3/2024

Ich bin genervt!

Grundrechte vs. Gleichberechtigung – oder warum der 8. März so wichtig ist. Von Sophie Vossel

Sophie Vossel
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Sophie Vossel ist Mitglied im ver.di-Bundesjugendvorstand und aktiv bei der ver.di Jugend Niedersachsen.

Ich bin Sophie, studiere Rechtswissenschaften und stehe kurz vor meinem Examen. An unserer Uni wurde über den 8. März diskutiert und ob dieser noch "nötig sei". Es fielen Sätze wie "in Art. 3 Grundgesetz steht doch, dass aufgrund des Geschlechts kein Unterschied gemacht wird" und "Es gibt doch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, ihr Frauen seid doch gleichberechtigt".

Eigentlich schon Beweis genug, warum der 8.März so wichtig ist. Innerlich bin ich an die Decke gegangen, während ich äußerlich ruhig aufklärte: Am 8.März kommen Frauen zusammen und machen auf sich und ihre Situation aufmerksam. Darauf, dass sie zum Großteil das System am Laufen halten. Frauen leisten immer noch einen großen Teil der Care-Arbeit, sei es in der Mutterrolle oder in der Pflege von Angehörigen oder einfach als Managerin des gemeinsamen Haushalts. Zeit und emotionale Kapazität ist begrenzt. Die Chancen, auf dem Arbeitsmarkt in Positionen zu gelangen, in denen wir etwas verändern können, stehen schlechter als bei Männern. Geringeres Einkommen, häufiger Teilzeit, geringere Renten und vieles mehr sind Fakten, die wir seit Jahren kennen.

Unsere rechtliche Stellung ist zwar vor dem Grundgesetz gleich, aber unsere Lebenssituationen sehen meistens anders aus. Deshalb brauchen wir den 8. März als Bühne und als Plattform für unsere Kämpfe, für unsere Rechte und für unsere Zukunft.

Gefühlt bin ich in meinem Studium jeden Tag dem ausgesetzt, und auch deswegen gehe ich am 8. März auf die Straße. Einer meiner Professoren ist der Meinung, dass Frauen nicht Jura studieren sollten, da Schwangerschaften den Rechtsfluss stören würden. Oder der Kommilitone, der mir die Welt erklären möchte, da ich nur ein "naives Mädchen" sei.

Das raubt mir viel Energie und die Nerven! In meiner idealen Welt hat niemand so eine Meinung, Geschlechter(rollen) haben keine Bedeutung. Es sind noch viele Schritte, die wir als Gesellschaft gehen müssen. Aber als Gewerkschafterinnen gestalten wir diesen Prozess mit: Wir machen darauf aufmerksam, wie Frauen immer noch benachteiligt werden. Wenn es um Tarifverträge in Branchen geht, in denen größtenteils Frauen arbeiten, und wir streiken, ist das immer auch ein feministischer Streik. Denn wir wollen die Lebenssituationen von Frauen verbessern.

Gewerkschaft bietet den Rückhalt, dass der ganze Schei* eben doch nicht ertragen werden muss. Dass man sich gemeinsam wehren kann. Wer müde ist vom allein geführten alltäglichen Kampf, kann am 8.März gemeinsam mit anderen Kraft tanken und zeigen: Wir sind viele und wir erwarten, dass sich etwas ändert. Dafür gehe ich am 8.März auf die Straße – weil das Grundgesetz alleine unsere Gesellschaft nicht verändern wird.


(Aus der Soli aktuell 3/2024, Autorin: Sophie Vossel)