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Soli aktuell 3/2024

Eine revolutionäre Zahnarztpraxis

Der Film "Ein Traum von Revolution" handelt von der Nicaragua-Solidarität in Deutschland. Die DGB-Jugend sammelte, auch dies Thema im Film, von Anfang an intensiv Spenden und leistete Aufbauhilfe. Thomas Gießler war dabei.

© Thomas Gießler
Der heutige Berufsbildungsexperte im DGB-Bundesvorstand Thomas Gießler (im Bus und im roten T-Shirt) in den achtziger Jahren in Nicaragua und heute.

Thomas, wie hat die DGB-Jugend zur Nicaragua-Solidarität gefunden?
Die DGB-Jugend hat die Ziele der sandinistischen Revolution wie die Landreform, die Alphabetisierungs- und Gesundheitskampagne unterstützt. So gab es im Lichthof des DGB-Hauses in Stuttgart die Plakatausstellung der Büchergilde "Chile kämpft, Nicaragua lebt".

Gab es Delegationen und wie ist es ihnen in Nicaragua ergangen?
Anfang der 1980er Jahre hat die DGB-Jugend mit der Spendenaktion "Werkzeuge für Nicaragua" den Aufbau einer Landarbeiterschule auf der Insel Solentiname unterstützt. Im DGB-Jugend-Magazin "ran" gab es einen Kartoneinsatz, aus dem eine Spendenbüchse in Form einer Werkzeugkiste gebastelt werden konnte!

Auf der Rückseite der "Solidarität", heute die Soli aktuell, stand immer die Spendenliste und der aktuelle Stand des Spendenaufkommens. Die DGB-Jugend Frankfurt/M. hat den Aufbau der "Cartonera", einer Kartonfabrik, auch mit Arbeitsbrigaden unterstützt. Die IG Metall-Jugend hat Busse bei ENABUS repariert. Außerdem gab es Ausbildungsprojekte in den Metallbetrieben METASSA und INCA. Auch die Gewerkschaften DPG, GdED, IG Medien und ÖTV hatte Soli-Projekte in Nicaragua.

Wichtig war, dass unsere Brigadistas bei einheimischen Familien wohnten, damit sie die schweren Lebensbedingungen kennenlernen. Als sie zurück nach Deutschland kamen, waren sie Multiplikator*innen für politische Bildungsarbeit. Einige sind auch in Nicaragua "hängengeblieben", haben dort Familien gegründet.

Welche Rolle hast du dabei gespielt?
Ich war Vorsitzender des DGB-Kreisjugendausschusses in Offenburg. Wir haben die millionste Mark auf das Spendenkonto der DGB-Jugend überwiesen. Auf Seminaren und Sitzungen wurde immer gesammelt. Wir haben auch Soli-Konzerte veranstaltet. 1989 habe ich selbst in Chichigalpa in einer Zuckerrohrfabrik gearbeitet. Als DGB-Landesjugendsekretär in Baden-Württemberg habe ich vom DGB-Jugendheim "Kandelblick" 30 Betten abgebaut, die mit 1,90 Meter für die Jugendlichen im Lande zu kurz waren. Sie wurden dann vom deutschen Schwarzwald zu Frauenkliniken der Landarbeitergewerkschaft in der Selva Negra, dem nicaraguanischen Schwarzwald, transportiert. Mit Kolleg*innen der IG Metall Jugend in Mittelbaden habe ich auch eine Zahnarztpraxis in Nicaraguas Hauptstadt Managua aufgebaut, ebenfalls mit Spendengeldern finanziert.

Warum hat die DGB-Jugend ihr Engagement beendet?
1990 hat die Sandinistische Befreiungsfront, die FSLN, die Wahlen verloren, daraus folgte ein Wandel im politischen und gesellschaftlichen Leben in Nicaragua. Die neue, neoliberale Regierung privatisierte viele der genannten Betriebe. Da unsere Gewerkschafter*innen jedoch nicht weiter die inzwischen privatwirtschaftlichen, kapitalistischen Betriebe unterstützen wollten, war eine Neuorientierung erforderlich. Man hat dann soziale Projekte und Städtepartnerschaften unterstützt. Im Schwerpunkt arbeiteten die IG Metall-Gruppen dann mit der Kinderorganisation NATRAS zu Fragen von Straßenkindern in Nicaragua zusammen. Mit dem Verschmelzen der Gewerkschaft Textil und Bekleidung mit der IG Metall wurde auch die Textil- und Bekleidungsbranche insbesondere in den Sonderwirtschaftszonen in Managua ein Arbeitsfeld für die Metallgewerkschaft. Einige von Gewerkschafter*innen gegründete Vereine sind heute noch in Nicaragua aktiv, wie etwa "Ayudante de Cartonera".

Fährst du heute noch nach Nicaragua?
Bis zur Corona-Zeit bin ich fast jedes Jahr privat nach Nicaragua gefahren, habe Freunde und Solidaritätsprojekte besucht und Spenden übergeben.

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Film des Monats: "Ein Traum von Revolution"
Für sie sammelte die DGB-Jugend Geld – die sandinistische Revolution. Allein in Westdeutschland engagierten sich bis zu 15.000 Menschen beim genossenschaftlichen Aufbau des Landes: Viele junge Gewerkschafter*innen, Jusos und Leute aus der Kirche ernteten Kaffee und Baumwolle, bauten Schulen, Kindergärten und Krankenhäuser.

Regisseurin Petra Hoffmann, selbst einst Aktivistin, zeichnet 40 Jahre Nicaragua-Solidarität in ihrem spektakulären Dokumentarfilm nach und versucht zu erklären, warum die sandinistische Bewegung um Daniel Ortega heute leider eine ausgewachsene Gutsbesitzer-Diktatur ist. Weggefährt*innen und Aktivist*innen von damals bis heute kommen zu Wort. Sehr, sehr supersehenswert!

"Ein Traum von Revolution". Regie: Petra Hoffmann. Der Starttermin wurde auf den 11. April 2024 verschoben.

(Aus der Soli aktuell 3/2024, Autor*innen: Soli aktuell, Thomas Gießler)