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Soli aktuell 2/2024

Alarmstufe PISA für Lehrkräfte

System Schule mit Schiffbruch – gehen nun alle von Bord?! Wir reden nur über Symptome, sagen Mine Hänel und Adrian Knapik.

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Mine Hänel und Adrian Knapik sind Bundessprecher*innen der Jungen GEW

Schule und ihre Nebenwirkungen
Überdurchschnittlich hohe Leistungseinbußen im internationalen Vergleich, in allen Kompetenzbereichen verschlechtert und ein besonders hoher Anteil sehr leistungsschwacher Schüler*innen: Was sich wie eine Hiobsbotschaft anhört, ist lediglich Symptom eines schon lange kränkelnden Bildungssystems.

Mindestens genauso schwer wie die schlechten Ergebnisse wiegen deren Nebenwirkungen. Denn: Wer möchte schon in einem immerzu unterfinanzierten, maroden Bildungssystem arbeiten, wenn es doch aufgrund des Fachkräftemangels zahlreiche Alternativen gibt? Es ist nachzuvollziehen, wenn sich viele junge Menschen mit Blick auf die im Schnitt siebenjährige Ausbildung zur Lehrkraft für einen anderen Weg entscheiden.

Arbeitsplatz Schule
Man darf nicht unterschätzen, welche Signalwirkung die Ergebnisse der PISA-Studie auf junge Menschen haben: Wer in diesem Bildungssystem arbeiten möchte, muss viel Aufbauarbeit leisten. Es ist schwierig zu erklären, warum die Ausbildung zur Lehrkraft in einem für gewöhnlich praxisfernen Studium und mit der großen Herausforderung Referendariat attraktiv sein soll. Die Lösung beinhaltet jedenfalls nicht sinnbefreite Maßnahmen wie das zur Verbesserung der Ergebnisse verhängte Handyverbot an schwedischen Schulen bis zur 9. Klasse.

Das Land als Arbeitgeber für den Arbeitsplatz Schule muss konkurrenzfähig sein. Dafür müssen beispielsweise angehende Lehrer*innen in ihrer Ausbildung stärker gefördert werden und die Praxisanteile im Studium deutlich mehr Gewicht bekommen.

Modellversuche, in denen die Ausbildung durch eine teilweise Verschmelzung des Studiums mit dem Referendariat verkürzt und die Praxis ausgebaut wird, sind dabei erste und richtige Schritte. Zusätzlich muss die Ausbildungszeit besser bezahlt werden: Denn rund 1.400 Euro netto, die einer Lehrkraft im Referendariat nach fünf Jahren Studium monatlich übrigbleiben, sind alles andere als attraktiv.

Thema Flexibilität
Komplexer wird es, wenn man das Thema bundesweit betrachtet: Da Lehrkräfte in der Regel beim Land verbeamtet sind, gestaltet sich der Wechsel in ein anderes Bundesland häufig sehr schwierig. Aberwitzig wird es jedoch, wenn man sich die 16 verschiedenen Bildungssysteme in Deutschland ansieht: Denn eine ausgebildete Lehrkraft kann heutzutage immer noch nicht davon ausgehen, dass sie ohne Probleme auch in einem anderen Bundesland eingesetzt werden kann.
Das System und das politische Interesse der Länder, wegen des Lehrkräftemangels niemanden an ein anderes Bundesland abzugeben, stehen der Flexibilität junger Menschen diametral entgegen. Dieser Flickenteppich zeigt, dass eine viel stärkere Koordination in zentralen Fragen wie der Ausbildung nötig ist.

Systemwechsel jetzt!
Die schlechten Ergebnisse der PISA-Studie sind Ausdruck eines an vielen Stellen gestrigen Bildungssystems, das nicht an die Bedürfnisse junger Lehrkräfte und Schüler*innen angepasst ist. Lösungsmöglichkeiten liegen seit geraumer Zeit auf dem Tisch. Es braucht aber den Mut, diese großflächig umzusetzen, damit nicht noch mehr Menschen von Bord gehen.


(Aus der Soli aktuell 2/2024, Autor*innen: Mine Hänel und Adrian Knapik)

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Das Bildungssystem – stark renovierungsbedürftig...

Die PISA-Studie und die Forderungen der GEW
Das Kürzel "PISA" steht für "Programme for International Student Assessment" und damit für den größten internationalen Schulleistungsvergleich. Erfasst werden die Kompetenzen von 15-Jährigen beim Lesen, in Mathematik und den Naturwissenschaften. Seit dem Jahr 2000 führt die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) die Studie alle drei Jahre durch. Die jetzigen Ergebnisse kamen mit Verspätung: Wegen der Corona-Pandemie war ein Jahr pausiert worden. Die Erhebung aus dem Jahr 2022 hatte den Schwerpunkt Mathematik.

690.000 Schüler*innen in 81 Ländern hatten je zwei einstündige Tests absolviert; in Deutschland nahmen 6.116 junge Menschen teil. Gestellt wurden sowohl Multiple-Choice-Aufgaben als auch solche, die qualifizierte Antworten erforderten. Weitere Fragen befassten sich mit den Einstellungen, Interessen, dem Schul- und Lernumfeld sowie dem Zuhause der Jugendlichen.

Die Veröffentlichung der Ergebnisse im Dezember 2023 löste in Deutschland allgemeines Entsetzen aus. Die durchschnittlich erreichte Punktezahl war innerhalb von vier Jahren in Mathematik um 25, im Lesen um 18, in den Naturwissenschaften – weiter die Disziplin, in der deutsche Jugendliche am besten sind – um 11 Punkte gesunken. Laut OECD-Faustregel entsprechen 25 bis 30 Punkte einem Schuljahr. Damit wurden in allen drei Kompetenzbereichen niedrigere Werte erreicht als 2001.

In der OECD wird vor allem der Zustand der Chancengleichheit in Deutschland kritisch betrachtet. Der Durchschnitt in Deutschland betrug gerade einmal 475 Punkte. Dabei wurde bei der Auswertung festgestellt, dass die Gruppe jener, die einfachste Aufgaben nicht lösen konnten, am unteren Ende des sozialen Gefüges besonders groß war. Im Vergleich zu den Ergebnissen 2012 stieg die Anzahl der 15-Jährigen, die es in Mathematik nicht über die unterste Kompetenzstufe hinausschafften, von 18 auf 30 Prozent.

"Wenn es uns nicht gelingt, allen Kindern und Jugendlichen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen, gefährden wir unsere Demokratie", warnt die GEW-Vorsitzende Maike Finnern. Die GEW hat ein 15-Punkte-Programm gegen Lehrkräftemangel entwickelt. Unter anderem sollen die Lehrkräfte besser entlohnt werden, damit der Lehrerberuf attraktiver wird. Zudem müssen Schulen in schwierigem Umfeld entschieden besser ausgestattet werden.


So geht es besser: Das GEW-Programm findet ihr auf www.gew.de/15-punkte-gegen-lehrkraeftemangel