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Soli aktuell 2/2024

Ausbildung ohne Ausbilder*in

Auszubildende haben eine vorgesetzte Person, die ihnen die praktische Seite eines Berufs beibringt. Aber was ist, wenn keiner da ist?

Moritz Schrottenholzer
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Azubi-Ratgeber Moritz Schrottenholzer.

Hilfe, ich bin allein!
Immer wieder kommt es vor, dass Auszubildende allein an ihrem Arbeitsplatz sind, ohne Ausbilder*in. So ist es auch bei Josie. Sie hat eine Ausbildung zur Kauffrau begonnen. Im "Dr. Azubi"-Forum schreibt sie: "Ich habe im September meine Ausbildung angefangen. Nach einer Einführung in das Studio in den ersten 14 Tagen wurde ich direkt schon allein in die Dienstpläne geschrieben. Über die Woche ist teilweise noch ein zweiter Mitarbeiter oder der Studioleiter einige Stunden anwesend. Das ist aber nicht immer so. Früh und abends ist immer nur ein Mitarbeiter oder Azubi eingeteilt. Am Wochenende ist das Studio prinzipiell von einem Azubi oder Studenten allein zu leiten. Das bedeutet, dass alle anfallenden Aufgaben von mir allein zu erledigen sind."

"Dr. Azubi" rät: Du darfst als Azubi nicht allein arbeiten. Es muss immer jemand an deiner Seite sein, der dich ausbilden kann. Dies muss auch am Wochenende gewährleistet sein. Das muss nicht direkt dein Ausbilder oder die Chefin sein. Aber eine Person, die speziell für deine Fragen und zur Anleitung abgestellt ist. Sie muss fachlich und persönlich geeignet sein. Es darf kein anderer Azubi sein. Ist dies in einem Betrieb nicht gegeben, verstößt dieser gegen seine Ausbildungspflicht.

Was kannst du unternehmen?
Eine solche Situation darf eigentlich gar nicht erst entstehen. Trotzdem gehört sie für einige Auszubildende zum Alltag.

"Dr. Azubi" rät: Solltest du in eine solche Situation geraten, hier ein paar Tipps für dich:

  1. Sprich mit deinen Ausbilder*innen und mache sie darauf aufmerksam, dass du ihre Hilfe und ihr Wissen brauchst, um deinen Beruf zu erlernen. Wenn es möglich ist, schalte den Betriebsrat ein.
  2. Falls sich nach dem Gespräch nichts ändert, solltest du Ausbilder*in oder Betriebsinhaber*in noch einmal schriftlich an ihre Pflichten erinnern. Hebe dir eine Kopie des Schreibens auf!
  3. Wenn auch das nichts bringt und sich deine Ausbildungssituation nicht verbessert, solltest du dich an deine Gewerkschaft vor Ort wenden und dir rechtliche Unterstützung holen. Außerdem könntest du dich an eine*n Ausbildungsberater*in der Kammer/Innung wenden und mit ihm*ihr ein persönliches Gespräch vereinbaren. Denn sie sind dafür da, die Ausbildung in den Betrieben zu kontrollieren.
  4. Sollte sich auch nach mehreren Versuchen nichts ändern, gibt es immer noch die Möglichkeit, den Betrieb zu wechseln. Das sollte aber die letzte Option sein, da dies immer mit etwas Aufwand verbunden ist.

Betriebe, denkt nach!
Ein Betrieb sollte eigentlich großes Interesse daran haben, seine Auszubildenden ordentlich auszubilden, da er nun mal auf gute Arbeit seiner Angestellten angewiesen ist. Die unzureichende Betreuung schafft in den meisten Fällen Unmut oder sogar Überforderung bei Auszubildenden. Dies kann sich wiederum auf die Gesundheit auswirken. Es sollte also im Sinne des Betriebs sein, die Beschäftigten so zu betreuen, dass sie normal und gut arbeiten können.

Ausbildung ohne Berufsschule?
Als Allererstes vorweg: Es gibt keine Ausbildung, bei der keine Berufsschule vorgesehen ist. Die Teilnahme am Berufsschulunterricht ist Pflicht. Obwohl das sehr eindeutig ist, gibt es immer wieder Fälle, in denen man in Betrieben anderer Meinung sind. So ist es Jakob in seiner Fachinformatiker-Ausbildung passiert. Er schreibt im "Dr. Azubi" Forum: "In meinem Betrieb sind viele Auszubildende und alle haben keine richtige Berufsschule, sondern arbeiten einfach. Kann ich mich jetzt später noch in der Berufsschule anmelden im laufenden Jahr und habe ich da überhaupt Anspruch darauf?"

"Dr. Azubi" rät: Ja! Jeder Azubi hat Anspruch auf den Berufsschulbesuch. Du solltest dich dringend darum bemühen, einen Berufsschulplatz zu bekommen. Der ist zudem auch verpflichtend und Teil deiner Ausbildung. Am Ende gibt es schließlich eine Prüfung – und da zählt nicht nur der praktische Teil.

Das steht im Gesetz
Grundsätzlich gilt: An sich kann Ausbildung nur dann stattfinden, wenn am Ausbildungsplatz ein*e Ausbilder*in oder ein*e Ausbildungsbeauftragte*r anwesend ist. Laut § 14 Abs. 1 Nr. 2 des Berufsbildungsgesetzes (BBIG) müssen Ausbildende selbst ausbilden oder eine*n Ausbilder*in ausdrücklich damit beauftragen. Die Person, die für die Ausbildung zuständig ist, muss den Azubis Fragen beantworten und sie in Arbeitsvorgänge einweisen. Er*sie muss die Arbeitsergebnisse kontrollieren und dafür sorgen, dass die Azubis alle wichtigen Ausbildungsinhalte erlernen.

Daraus ergibt sich, dass er*sie eigentlich immer anwesend sein muss. Azubis dürfen also nicht allein am Ausbildungsplatz sein oder nur in Gesellschaft von anderen Auszubildenden, Praktikant*innen und Ungelernten, die als Ausbilder*innen nicht geeignet sind. Alle Verstöße gegen diese Ausbilderpflicht sind eine Ordnungswidrigkeit und können nach § 102 BBIG mit einem Bußgeld geahndet werden.

Regelung zur Berufsschule
Auch hier gibt es eine klare und eindeutige Regelung. Ausbildung ohne Berufsschule, das geht nicht. So steht es im § 15 BBIG. Es gibt Ausnahmefälle, in denen ein Azubi für einzelne Schulstunden oder Tage freigestellt werden kann. Genauer gesagt: Ein Azubi darf (auf Antrag des Betriebs) maximal zwei Unterrichtstage im Schuljahr durch die Klassenleitung beurlaubt werden (gemäß § 6 Abs. 3 der Verordnung über die Berufsschule).

Nach dem schriftlichen Antrag des Ausbildungsbetriebs entscheidet die Schulleitung über die Freistellung. Aus dem Antrag muss die Unabwendbarkeit der Freistellung ersichtlich sein. Alle vorhersehbaren betrieblichen Ereignisse (wie etwa Saison- und Terminarbeiten) stellen in der Regel keinen Grund für eine Freistellung dar.

Der Antrag hat rechtzeitig vor der Freistellung bei der Schule einzugehen. Eine eigenmächtige Freistellung durch den Ausbildungsbetrieb ohne Abstimmung mit der Schule wäre eine Verletzung des BBIG.

Noch mal zusammengefasst
Eine Ausbildung beinhaltet einen betrieblichen und schulischen Teil. Im Betrieb müssen Azubis von einer ausbildenden Person betreut werden. Darauf sollten Betriebe achten. Ist dies nicht der Fall, dann solltest du dies ansprechen und für eine gute Ausbildung einstehen.


(Aus der Soli aktuell 2/2024, Autor: Moritz Schrottenholzer)