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Soli aktuell 2/2024

Wir bearbeiten die richtigen Themen

Denis Davidovac über die Jugend auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall.

 Denis Davidovac
© IG Metall
Denis Davidovac ist Industriemeister Elektrotechnik und freigestellter Betriebsrat. Er ist im Leitungskollektiv der IG Metall Jugend Baden-Württemberg und in weiteren IG Metall-Gremien aktiv.

Denis, ihr hattet als Jugend auf dem IG Metall-Gewerkschaftstag einen starken Auftritt. Was war euer wichtigstes Anliegen?
Ich finde es schwierig, sich da auf ein Thema zu fokussieren, gerade da wir in einem größeren Jugendantrag sehr viele sehr wichtige Themen behandelt haben. Okay, ich persönlich hatte vor allem das Anliegen, dass die zukunftsweisenden Jugendanträge mit großer Unterstützung durchgehen. Das heißt für mich aber nicht nur ein eindeutiges oder sogar einstimmiges Ergebnis, sondern gerade auch die Unterstützung in der Sache nach dem Gewerkschaftstag!

Gab es weitere Dinge, die dir besonders wichtig waren?
Klar! Aus unserer Geschäftsstelle kam z.B. ein Antrag zur Weiterentwicklung der beruflichen Bildung, an dem ich mitgeschrieben habe. Der Antrag wurde auch glücklicherweise beschlossen. Ziel ist es, die berufliche Bildung zu stärken, lernschwächere Menschen zu unterstützen und individuelle Lebenslagen zu berücksichtigen. Und dass sichergestellt ist, dass sich das Ausbildungspersonal regelmäßig weiterqualifiziert – insbesondere in puncto Ausbildungspädagogik.

Wie viele junge Delegierte wart ihr?
Wir waren insgesamt 37 Delegierte unter 27 Jahren sowie 14 Gäste aus dem Jugendbereich. Die Gastmandate haben wir als Jugendausschuss beim Vorstand erhalten, die ordentlich Delegierten wurden in ihren Geschäftsstellen gewählt. Das ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Ich würde mir wünschen, dass der Anteil der jungen Delegierten beim nächsten Gewerkschaftstag deutlich über zehn Prozent liegt. Denn die Jugend spielt in unserer Gewerkschaft eine gewichtige Rolle. Und ich finde, dass darf sich auch am Anteil der Delegierten – deutlich – zeigen.

Gab es auch Streitpunkte?
Die längste und kontroverseste Debatte gab es zur betrieblichen Altersvorsorge durch das Sozialpartnermodell. Hier hat der Gewerkschaftstag entschieden, dass Modelle auf Basis einer reinen Beitragszusage ausgeschlossen sind. Das finde ich persönlich schade, aber so funktioniert Demokratie. In der Debatte sind einige Alternativen genannt worden. Jetzt heißt es, diese Vorschläge aufzugreifen, anzugehen und unserer Generation eine stabile Rente zu verschaffen.

Worauf werdet ihr besonders achten in den nächsten vier Jahren?
Immer noch: die Beschlüsse unserer Jugendkonferenz im letzten Jahr umzusetzen. Da gibt es große Themen wie zum Beispiel die Situation auf dem Ausbildungsmarkt und der Rückgang der Ausbildungsplätze. Aber auch für die nächsten Tarifrunden planen wir schon, denn die hohe Inflation trifft gerade junge Menschen in Ausbildung oder (dualem) Studium. Die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie beginnt im Herbst nächsten Jahres, im Frühjahr müssen unsere Pläne stehen.

Du bist als Betriebsrat mit der Transformation in eurem Unternehmen konfrontiert. Wie macht sie sich bei euch vor Ort bemerkbar?
Wir bauen gerade um, wo es nur geht. Wir haben eine breite Palette von klimaneutralen Trucks und Bussen, gleichzeitig aber eine hohe Nachfrage bei den Verbrennern. Beides gleichzeitig zu produzieren ist gerade eine Herausforderung – und auch eine Platzfrage. Trotzdem fließt gerade viel Geld in die Fabrik, damit wir die Transformation erfolgreich meistern und vielleicht sogar anführen können.

Du hast notwendige Veränderungen in den IG Metall-Strukturen erwähnt, um junge Beschäftigte anzusprechen. Um die 20 Prozent der neuen Mitglieder kommen bei euch aus dem Jugendbereich…
Ich würde mir wünschen, dass mehr junge Menschen in die zentralen Gremien der IG Metall kommen. Wir sind da bereits auf einem guten Weg und haben das ein oder andere Mandat hier und dort, klar. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass mehr Einfluss der Jugend unserer Gewerkschaft gut tun wird. Es gilt, neue Ansätze mit großem Erfahrungsschatz zu kombinieren und zum Erfolg zu kommen.

Wie schaust du mit der Gewerkschaft in die Zukunft?
Positiv! Wir bearbeiten die richtigen Themen und sind auf der Höhe der Zeit. Wir haben große Herausforderungen vor uns, und da ist der Schlüssel zum Erfolg, die Beschäftigten mitzunehmen. Natürlich spielt die politische Landschaft auch da eine Rolle – und da muss man leider sagen, dass es mit der aktuellen und vermutlich auch mit der nächsten Regierung schwierig wird, gesellschaftspolitische Themen in Gesetze zu gießen. Das ist die Zeit, in der die Betriebspolitik im Fokus stehen muss.


(Aus der Soli aktuell 2/2024, Autor*innen: Soli aktuell/Denis Davidovac)


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Die IG Metall Jugend auf dem Gewerkschaftstag
Auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall Ende 2023 brachte die IG Metall Jugend insgesamt vier Anträge ein. Sie betrafen die Perspektiven der jungen Generation in Sachen Ausbildung, Studium, Tarifpolitik, Rente und weitere jugendspezifische Themen. Ganz pragmatisch für die Arbeit in der eigenen Organisation regte die IG Metall Jugend einen zeitgemäßen Umgang mit sozialen Medien und künstlicher Intelligenz an.

Über die Antragsdebatten hinaus hatte sie IG Metall-Mitglied Etris Hashemi eingeladen, zu den Delegierten zu sprechen. Hashemi hat den Terroranschlag in Hanau vor drei Jahren schwer verletzt überlebt, sein jüngerer Bruder wurde wie neun weitere Menschen ermordet. "Vergesst diese schreckliche Tat nicht", sagte Hashemi. Die Ereignisse sollten mahnen, wohin Hass, Hetze und rechter Populismus führen könnten. Die IG Metall Jugend sieht hier Gewerkschafter*innen in einer besonderen Verantwortung. Denn Rassismus finde im Alltag statt – auch in den Betrieben. Dort gelte es, klare Kante zu zeigen.

Die IG Metall ist die größte Einzelgewerkschaft weltweit, sie hat derzeit rund 2,1 Mio. Mitglieder. Sie organisiert Beschäftigte in Metallindustrie und -handwerk, Elektro-, Textil-, Bekleidungs-, Holz- und Kunststoffindustrie sowie in IT-Betrieben.