© DGB-Jugend NRW

Soli aktuell 1/2024

Politisch skandalös

Die Anpassung der Mindestausbildungsvergütung reicht nicht aus. Von Julian Uehlecke

© Simone M. Neumann
Trotz Erfolge der Gewerkschaftsjugend leider immer noch ein Thema: die Mindestausbildungsvergütung.

Seit 2020 gibt es in Deutschland eine Mindestausbildungsvergütung (MiAV). Wir hatten hart dafür gekämpft, dass ein solcher "Azubi-Mindestlohn" im Berufsbildungsgesetz verankert wird. Und wir waren erfolgreich: Erstmals waren junge Menschen per Gesetz vor besonders niedrigen Ausbildungsvergütungen geschützt.

Die anfängliche MiAV von 515 Euro im ersten Ausbildungsjahr, 2020, war zwar deutlich niedriger als von uns gefordert. Dennoch verbesserte sie die finanzielle Situation vieler Auszubildender am unteren Ende der Vergütungsskala – dort, wo Tarifverträge oft fehlen.

Zum einen sind im Gesetz deutliche Steigerungen vorgesehen: So liegt die MiAV z. B. im dritten Ausbildungsjahr um 35 Prozent höher als noch im ersten. Damit wird der steigenden Wertschöpfung der Auszubildenden in den Betrieben Rechnung getragen. Darüber hinaus werden die Grundbeträge jährlich angepasst, um Preissteigerungen auszugleichen und die Attraktivität der Ausbildung zu steigern. Für die Jahre 2020 bis 2023 wurden hierfür vorab Beträge festgelegt. Ab 2024 werden die Ausbildungsvergütungen an die durchschnittliche Entwicklung angepasst.

Leider waren zum Zeitpunkt der Verabschiedung die massiven Preissteigerungen der letzten zwei Jahre noch nicht absehbar. Schon vor der Inflation forderten wir als Gewerkschaften eine deutlich höhere MiAV, die 80 Prozent der durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütung nicht unterschreiten dürfe – branchenübergreifend und bundesweit. Zurzeit wären das mindestens 744 Euro im ersten Ausbildungsjahr.

Das Bundesbildungsministerium hat jetzt leider einen anderen Weg gewählt. Man verglich die Ausbildungsvergütungen der Jahre 2021 und 2022 und ermittelte so eine durchschnittliche Steigerung von 4,7 Prozent. Wer 2024 mit der Ausbildung beginnt, erhält so mindestens 649 Euro – ein Plus von gerade mal 29 Euro!

Politisch ist das ein skandalöses Zeichen. Denn so gleicht die Anpassung nicht einmal die hohe Inflation aus, die Auszubildende seit dem letzten Jahr besonders hart getroffen hat. Hinzu kommen vielerorts massiv gestiegene Mieten. Wer schon heute von der Hand in den Mund leben muss, kann nicht auf die Anpassung im nächsten Jahr warten. Die Konsequenz: Am Ende des Geldes bleibt für viele junge Menschen immer mehr Monat übrig. Ein selbstbestimmtes Leben ist so für viele nicht möglich. Und attraktiver werden diejenigen Ausbildungsberufe auch nicht, in denen nur das gesetzliche Minimum gezahlt wird. Kurz: Das Bildungsministerium hat mit dieser Anpassung der dualen Berufsausbildung, die von der Bundesregierung eigentlich gestärkt werden sollte, einen Bärendienst erwiesen.

Julian Uehlecke ist politischer Referent der DGB-Jugend.

(Aus der Soli aktuell 1/2024, Autor: Julian Uehlecke)