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Soli aktuell 1/2024

Campen fürs Wohnen

Patrizia Weidinger und Lennart Söncksen haben für die DGB-Jugend 24 Stunden in Ingolstadt gezeltet.

© Privat
"Wir werden keine Ruhe geben": Patrizia Weidinger und Lennart Söncksen engagieren sich ehrenamtlich für die DGB-Jugend in Sachen Wohnen und Soziales.

Ihr habt ein 24-Stunden-Wohnen in Ingolstadt veranstaltet. Wie ist das abgelaufen?
Lennart: Wir haben morgens auf dem Ingolstädter Paradeplatz Zelte und Pavillons aufgebaut. Es war uns nicht nur wichtig, auf das Thema aufmerksam zu machen, sondern auch, selber noch mehr darüber zu lernen. Deshalb haben wir am Vormittag unsere Ingolstädter Landtagswahlkandidat*innen eingeladen, um sie zu befragen. Jeder konnte sich aktiv an der Diskussion beteiligen. Wir hatten eine Expertin eingeladen, die uns erklärt hat, wie das AzubiWerk München funktioniert (siehe Soli aktuell 1/2023) und wie es bezahlbaren Wohnraum schafft. Wer wollte, konnte sich kreativ austoben. Wir haben mit den Passant*innen Banner und Taschen bemalt.

Wie kam es zu der Idee?
Patrizia: Im Hinblick auf die Landtagswahl hatten wir uns überlegt, welche Dinge für unsere Generation derzeit am wichtigsten sind und wie die in den Wahlprogrammen platziert sind. Das Thema bezahlbarer Wohnraum für Azubis und Studierende stach da stark hervor. Die DGB-Jugend hatte bereits in Rosenheim ein Wohncamp umgesetzt. Das fanden wir sofort richtig cool.

Ratet ihr zum Nachahmen?
Lennart: Unbedingt! Haben wir ja auch gemacht – mit vollem Erfolg! Wir hatten richtig viel Spaß, haben viel gelernt und konnten auch viele Menschen mit unserem Thema erreichen. Ich denke, das war ein Weg, der sehr gut funktioniert hat. Immer wieder sind Menschen stehen geblieben, haben mit uns diskutiert. Einer engagiert sich jetzt aktiv in der DGB-Jugend!

Wie wohnt ihr selbst?
Patrizia: Während meines Studiums wohnte ich in einer sehr schäbigen Vierer-WG in der Ingolstädter Innenstadt. Die Gartentür schloss nicht richtig, im Winter war es superkalt und im Sommer kamen die Mäuse rein. Wir hatten vier(!) verschiedene Heizarten – in jedem Zimmer eine andere: Holz, Öl, Gas, Radiator! Irgendeine war immer kaputt. Für mein 13-Quadratmeter-Zimmer, gemeinsame Küche und Bad habe ich über 400 Euro im Monat bezahlt, Heizung bzw. "Heizung", WLAN, GEZ-Gebühr und anderes gingen natürlich extra. Nach dem Studium haben mein Freund und ich zum Glück gute Jobs gefunden und wir konnten uns eine schöne Wohnung leisten.

In der Politik spricht man gern von jungen Menschen als künftigen Fachkräften. Dass die aber Platz brauchen, ist dagegen selten ein Thema… Wie seht ihr das, tut sich auf dem Gebiet überhaupt etwas?
Lennart: Zu wenig und vor allem viel zu langsam. Es gibt immer mehr Leuchtturm-Projekte, wie das AzubiWerk in München, aber das alleine reicht nicht. Gerade zu Semesterbeginn sind viele Studierende auf Notunterkünfte der Studierendenwerke angewiesen. An Azubis wird beim sozialen Wohnungsbau noch weniger gedacht, weil "die wohnen ja eh alle noch daheim". Rund ein Drittel wohnt aber gar nicht bei den Eltern. Vor allem finanzielle Gründe halten die restlichen Azubis davon ab, von zu Hause auszuziehen. Kein Wunder: Mit einer Mindestausbildungsvergütung von nun 649 Euro kann man sich Wohnen in den Städten schlichtweg nicht leisten. Auch die Wohnpauschale beim BAföG von maximal 360 Euro ist einfach zu gering. Wir werden bei dem Thema keine Ruhe geben!

Ihr hattet SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert zu Besuch. Der hat mal gesagt, er finde in Berlin-Tempelhof, wo er herkomme, auch keine Wohnung. Wer sich in der Hauptstadt umsieht, hält Obdachlosigkeit für einen Normalzustand – ganze Zeltsiedlungen sind entstanden. Was könnte gegen die Wohnungsnot helfen?
Patrizia: Das Bauen neuer Wohnungen sowie das Sanieren und Renovieren bereits bestehender Bauten. Dabei ist natürlich darauf zu achten, was gebaut wird – vielleicht ja mal weniger Luxusapartments. Wir sehen vor allem die Länder und Kommunen in der Pflicht, den Bau von sozialem Wohnraum selber zu finanzieren, um Wohnraum permanent bezahlbar zu halten. Dafür müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen auf Landesebene den aktuellen Herausforderungen angepasst werden. (Sozialer) Wohnungsbau gehört nach wie vor nicht zu den Pflichtaufgaben der Kommunen in Bayern, was unter anderem große Einschränkungen bei den Finanzierungsmöglichkeiten zur Folge hat. Vor allem kleine und mittelgroße Kommunen werden dadurch gehindert, Wohnungen zu bauen. Auf der anderen Seite müssen Länder und Kommunen den Rahmen für privaten Wohnraum richtig abstecken. Es ist gut, dass Privatwohnraum gebaut wird, aber seine Kommerzialisierung mit dem Ziel, noch den letzten möglichen Cent aus der Gehaltsabrechnung unserer Mitbürger*innen zu quetschen, ist perfide und geht nicht mit unserer Vorstellung einer solidarischen Gesellschaft überein.

Kühnert durfte euer Plakat mit Forderungen mit nach Hause nehmen. Was stand da alles drauf?
Lennart: Die Aussage von unserem damaligen und heutigen Ministerpräsidenten Markus Söder. Der hatte den Bau von 10.000 sozialen Wohnungen versprochen. Unseren Recherchen zufolge waren es tatsächlich: null. Hier und da Wohnungen von privaten Firmen teuer abzukaufen, ist im besten Fall ein Tropfen auf den heißen Stein. Im schlimmsten Fall ein Zeugnis der Unfähigkeit, planerisch und wirtschaftlich zu gestalten. Oder ein Eingeständnis, dass ihn und sein Kabinett junge und einkommensschwache Bayern nicht interessieren.

Wohnen ist ein Menschenrecht. Ist das in Deutschland noch gewahrt?
Patrizia: Wir sehen das Recht auf Wohnen als einen wichtigen Bestandteil des öffentlichen sowie politischen Diskurses. Wir werfen den Verantwortlichen nicht vor, dass sie den Artikel 11 des UN-Sozialpakts – das Recht auf einen angemessenen Lebensstandard – missachten. Dennoch muss hierbei der Fokus auf die "stetige Verbesserung der Lebensbedingungen" noch deutlicher sichtbar werden.


(Aus der Soli aktuell 1/2024, Autorin: Soli aktuell)