Soli aktuell 7/2023

So geht das nicht weiter, sagt Jim Frindert

Nirgendwo ist die Lage am Ausbildungsmarkt so drastisch wie in Berlin. Jim Frindert sagt, warum.

Jim Frindert
© Andi Weiland

Jim, der gerade erschienene Berufsbildungsbericht (siehe Seite 1) der Bundesregierung stellt dem deutschen Bildungssystem kein gutes Zeugnis aus. In der Hauptstadt ist die Lage besonders schlimm. Auf welche Schwierigkeiten stoßen junge Menschen bei euch, wenn sie einen Ausbildungsplatz suchen?
In Berlin werden einfach viel zu wenige betriebliche Ausbildungsplätze angeboten. Zuletzt konkurrierten 20.900 Bewerber*innen um 15.020 betriebliche Plätze. Nirgends haben es junge Menschen schwerer, in eine Ausbildung zu starten. Das hat auch damit zu tun, dass gerade mal elf Prozent der Berliner Betriebe ausbilden. Damit liegt die sogenannte Ausbildungsbetriebsquote deutlich unter dem – ohnehin schon schlechten – Bundesdurchschnitt von 19 Prozent.

Im Ländervergleich belegt Berlin den letzten Platz, so wie auch bei nahezu allen anderen relevanten Kennzahlen der Ausbildungsmarktstatistik. Die Situation ist katastrophal: Nur 52,3 Prozent der im Berufsorientierungsjahr 2021/22 institutionell erfassten Ausbildungsinteressierten kamen schließlich in eine Ausbildung. Während Jahr für Jahr tausende junge Menschen auf der Suche nach einer Ausbildung leer ausgehen, rasen wir sehenden Auges in einen eklatanten Fachkräftemangel: Bis 2035 fehlen in Berlin laut Industrie- und Handelskammer rund 414.000 Fachkräfte. Hier muss die Landesregierung eingreifen und mithilfe einer Ausbildungsumlage eine Trendumkehr einleiten.

Zum Ausbildungsjahr 2024/2025 soll in Bremen ein branchenübergreifender Ausbildungsunterstützungsfonds eingeführt werden, der durch eine Umlage von den Bremer Arbeitgebern finanziert wird. Wäre dieses Modell auch etwas für Berlin?
Die Einführung einer landesgesetzlichen Ausbildungsumlage wäre in jedem Bundesland sinnvoll! Es geht uns dabei um ein solidarisches Finanzierungsmodell der dualen Berufsausbildung. Alle Arbeitgeber sind auf gut ausgebildete Fachkräfte angewiesen, doch nur die allerwenigsten tun auch etwas dafür. Seit der Jahrtausendwende ist die Anzahl neu abgeschlossener Ausbildungsverhältnisse bundesweit um satte 25 Prozent zurückgegangen. So geht es nicht weiter! In Berlin waren wir unter Rot-Grün-Rot auf einem guten Weg, diesem Missstand ein Ende zu bereiten. Noch im Dezember wurden Eckpunkte für eine Umlage vorgestellt, nach denen alle Berliner Betriebe 0,47 Prozent ihrer Bruttolohnsumme in einen Umlagetopf hätten zahlen sollen. Konkret hätte das bedeutet: 300 Millionen Euro für die Stärkung der dualen Berufsausbildung – jährlich!

Berlin hat neu gewählt und nun eine schwarz-rote Landesregierung…
Die Ausbildungsumlage hat es zwar auch in den neuen Koalitionsvertrag geschafft, allerdings soll sie nur kommen, wenn nicht bis zum 30. April 2025 mindestens 2.000 zusätzliche betriebliche Ausbildungsplätze geschaffen werden. Damit wurde eine riesige Hintertür eingebaut, die Gefahr ist groß, dass sie nie kommen wird.

Warum? Es ist naheliegend, dass Betriebe nun schlichtweg etwas großzügiger ausschreiben. Dafür reicht eine einfache Meldung an die Bundesagentur für Arbeit. Abgesehen von der Willkürlichkeit der Zahl darf es nur um zusätzliche neu abgeschlossene Ausbildungsverträge gehen. Alles andere ist unsinnig. Für eine nachhaltige Stärkung der Berliner Ausbildungssituation ist eine Umlage unabdingbar.

Wie geht ihr als DGB-Jugend Berlin-Brandenburg weiter vor?
Wir werden den Prozess zur Erarbeitung eines Gesetzentwurfes sehr engmaschig begleiten, denn am Ende muss ein mögliches Gesetz auch wirksam sein. Auf eine Verschleppung durch fragwürdige Kriterien oder einen Etikettenschwindel werden wir uns nicht einlassen. Und: Wir sind nicht alleine! Ob Landesjugendring, Fridays for Future, Azubis4Future, der Schüler*innenausschuss Berufliche Schulen, von BUND- bis DIDF-Jugend oder R2G-Parteijugenden: Wir sind viele, wir sind laut und wir lassen uns nicht veräppeln.
 

(Aus der Soli aktuell 7/2023, Autorin: Soli aktuell)