Soli aktuell 7/2023

Wir streiken aktuell jeden Tag!

Tarifauseinandersetzungen, Zutritt zu Berufsschulen, Ausbildungspolitik: jungeNGG hat auf ihrer Bundesjugendkonferenz ihre Leitlinien beschlossen. Robert Thamm erläutert die Kernforderungen.

Robert Thamm
© DGB-Jugend

"Es bleibt spannend": Robert Thamm engagiert sich in jungeNGG.

Robert, ihr hattet eure Bundesjugendkonferenz. Wie habt ihr euch gefühlt, eine solch große Veranstaltung in Präsenz durchführen zu können?
Es war wunderbar, nach Jahren von Online-Konferenzen und -Ausschüssen alle wiederzusehen. Und es war mir insbesondere eine Freude zu sehen, dass die Pandemie uns als Jugendorganisation nicht geschadet hat. Wir haben es geschafft, in dem kurzen Zeitraum seit dem Ende aller Vorsichtsmaßnahmen unglaublich viele engagierte Menschen in unserer Mitte aufzunehmen. Das alles lässt mich mit Optimismus in die Zukunft blicken.

Die Gastrobranche war in in besonderer Weise von Corona und den dazugehörigen Maßnahmen betroffen. Wie ist es, als Gewerkschafter nun auf die Belegschaften in den Betrieben zuzugehen?
Man findet zum einem diejenigen, die, besonders in der Gastrobranche, viel durchgemacht haben. Dafür, dass sie in diesem Bereich geblieben sind, muss man ihnen eigentlich schon danken. Sie garantieren gerade, dass Ausbildung überhaupt noch stattfinden kann.

Zum anderen trifft man aber auch auf viele, die jetzt vor viel größeren Problemen stehen, als sie sich während der Corona-Pandemie ausmalen konnten. Da finde ich es persönlich sehr gut, dass wir ihnen mit unseren Streiks ein Ventil geben können. Und zeigen: Jetzt ist die Zeit für ihre, für unsere Forderungen!

Wie ist es in deinem eigenen Betrieb?
In den letzten Jahren habe ich vor allem studiert. Im Studium, aber auch in dem Job in der Brauerei, den ich jetzt habe, erlebe ich eine Veränderung, die Menschen haben eine andere Einstellung. Freizeit und Selbstbestimmung ist viel wichtiger geworden. Flexibilität ist das, was wir mittlerweile von den Arbeitgebern fordern, nicht das, was wir mitbringen sollen. Das bewerte ich positiv.

Viele eurer Beschlüsse auf der Bundesjugendkonferenz drehen sich um die Ausbildung – von der Betreuungsquote bis hin zur Fortbildung der Ausbilder*innen. Welche Notwendigkeiten sieht jungeNGG in diesem Bereich?
Wir alle wissen, dass gute Ausbildung von und für unsere Kolleg*innen gestaltet wird. Ausbilder*innen sind oft auch Kolleg*innen. An ihnen hängt die Qualität der Ausbildung im Betrieb und somit auch die Nachhaltigkeit der Berufsbildung allgemein.

Sind sie nicht in der Lage, Auszubildende fachlich, berufspraktisch und auf einer sozialen Ebene zu erreichen, weil sie keine Zeit haben oder selbst nicht gut genug ausgebildet sind, leidet darunter die Ausbildung allgemein. Gerade in Zeiten, wo Ausbildung ein Image-Problem zu haben scheint, ist es daher für uns wichtig, die Thematik an der Wurzel anzugehen und für eine progressive Gestaltung der Berufsausbildung zu sorgen. Dabei ist die Ausbildung der Ausbilder*innen und der Schutz durch eine Betreuungsquote eine unser Kernforderungen.

Ihr wollt auch, dass Gewerkschaftsvertreter*innen ein gesetzliches Zutrittsrecht zum Zweck der Mitgliederbetreuung und Mitgliederwerbung in Berufsschulen bekommen. Damit soll garantiert werden, dass alle Auszubildenden den gleichen Informationsstand über die Sozialpartner und ihre Rechte und Pflichten in der Ausbildung haben. Wie brisant ist dieses Anliegen?
Das ist eine Herzensangelegenheit von jungeNGG! Wir haben vor allem in Süddeutschland das Problem, dass uns Berufsschulen – die ja öffentliche Einrichtungen sind – den Zugang verwehren. Dabei sind sie der Raum, den Auszubildende während ihrer Ausbildung als sozial fördernd bewerten. Wir fordern lediglich faire Verhältnisse. Aus der eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass Lehrkräfte es immer gut fanden, wenn wir die Rolle der Sozialpartner im Unterricht dargestellt und somit dieses komplexe, aber enorm wichtige Thema begreifbar gemacht haben.

Energiepreise und Transformation dürften sich auch bei euch bemerkbar machen. Wie schaut ihr auf die Zukunft von Gastronomie und Lebensmittelproduktion?
Ich sage mal: Es bleibt spannend. Aktuell erreichen wir durch die Tarifkonflikte, dass bei beiden Themen nicht mehr allein die Arbeitgeber in der Öffentlichkeit stehen. Klar ist: Eine Energiepreiskrise kann nicht auf dem Rücken der Beschäftigten abgeladen werden.

Du hast die Tarifauseinandersetzungen genannt, die es derzeit in vielen Branchen gibt. Wie ist die Stimmung unter euren jungen Gewerkschafter*innen?
Um unseren stellvertretenden Vorsitzenden Freddy Adjan zu zitieren: "Wir streiken aktuell jeden Tag!" Vor allem meine Branche, die Brauindustrie, ist streikerfahren und immer sehr motiviert, ihre Forderungen auf die Straße zu bringen. Wenn wir in diesen Mix noch die Frustration der jungen Menschen aus den letzten Jahren hineingeben, dann glaube ich, dass einiges passieren wird.

Du wirst auch weiterhin die Interessen von jungeNGG im DGB-Bundesjugendausschuss vertreten. Worauf wird es dir dabei besonders ankommen?
Auf das, wofür ich gewählt wurde: uns eine Stimme zu geben und immer dafür zu sorgen, dass jungeNGG stark im DGB vertreten wird. Und dass wir von der Stärke und Gemeinschaft der DGB-Jugend profitieren.


(Aus der Soli aktuell 7/2023, Autorin: Soli aktuell)