Soli aktuell 6/2023

Bitte nachsteuern! Zum Jugendwohnen

Die Pläne der Bundesregierung zum Jungen Wohnen sind nicht ausreichend. Von Julian Uehlecke

Kaum noch bezahlbarer Wohnraum, monatelange Zimmersuche – Wohnen ist in den letzten Jahren zu einer der zentralen sozialen Fragen geworden.

Besonders betroffen vom Mangel an bezahlbarem Wohnraum sind Auszubildende und Studierende. Von der eigenen Ausbildungsvergütung oder den 360 Euro Wohnkosten-Pauschale im BAföG lässt sich in Städten wie Berlin, Hamburg, München oder Frankfurt/M. kein WG-Zimmer (derzeit bis zu 800 Euro pro Monat) finanzieren. Eine eigene Wohnung, wie sie sich viele junge Menschen wünschen, kommt da erst recht nicht in Betracht.

In ihrem Ausbildungsreport kam die DGB-Jugend bereits 2020 zu dem Ergebnis, dass 72,3 Prozent der befragten Auszubildenden noch bei ihren Eltern oder Verwandten wohnen, obwohl 57,7 Prozent von ihnen angaben, dass sie gerne in einer eigenen Wohnung leben würden. Mitte September 2022 gab das Deutsche Studierendenwerk (DSW) bekannt, dass allein elf der insgesamt 57 Studierendenwerke zusammen auf eine Warteliste für Wohnheimzimmer mit 35.000 Studierenden kommen – und das, obwohl nicht einmal mehr jede*r zehnte Studierende überhaupt einen Wohnheimplatz hat.

Zum Vergleich: 1991 waren es noch 15 Prozent. Ausbildung oder Studium in einem Ballungsgebiet? Muss man sich mittlerweile leisten können! Die vielversprochene "Chancengleichheit"? Fehlanzeige!

Die Bundesregierung reagiert auf diese Entwicklungen mit einem Bund-Länder-Programm zum Jungen Wohnen. Insgesamt 500 Millionen Euro Fördergelder werden dieses Jahr bereitgestellt, um den Aus-, Neu- und Umbau von Azubi- und Studi-Wohnheimen zu fördern. Die Mittel können von den Ländern abgerufen werden. Jeder Euro vom Bund wird von den Ländern mit mindestens 30 Cent bezuschusst. Das heißt, dass 2023 mindestens 650 Millionen Euro fürs Junge Wohnen zur Verfügung stehen.

Das Förderprogramm kann einen wichtigen Beitrag leisten – einerseits für die jungen Menschen, andererseits gegen den Fachkräftemangel und regionale Passungsprobleme. Gleichzeitig sehen wir an einigen Stellen Nachsteuerungsbedarf:

  • Etablierte Strukturen sind bei den Studierenden bereits gegeben, bei den Auszubildenden fehlen sie. Die Programme der Länder müssen beide Gruppen gleichermaßen fördern. Das heißt: jeweils 50 Prozent für beide!
  • Interessierte Unternehmen und Träger brauchen langfristige Planungssicherheit, um Wohnheime zu realisieren. Das Programm muss daher verstetigt werden.
  • Aktuelle Bedarfsstudien zum Jungen Wohnen müssen dringend in Auftrag gegeben werden, um zu klären, ob die geplanten Mittel tatsächlich ausreichen oder angepasst werden müssen. Hier müssen die Länder jetzt handeln, damit niemand leer ausgeht!


(Aus der Soli aktuell 6/2023, Autor: Julian Uehlecke)