© TVStud / Kay Herschelmann

Soli aktuell 12/2023

Jugend – ein Zukunftsprojekt

"Morgen braucht uns" lautete das Motto des ver.di-Kongresses. Da war doch sicher die Jugend gefragt. Oder, Joshua Kensy?

© Anne Neier
Joshua Kensy ist Vorsitzender der ver.di Jugend.

Joshua, "Morgen", sprich in der Zukunft, seid ihr am Start?
Ja! In den nächsten Jahren werden viele erfahrene Kolleg*innen aus den Babyboomer-Jahrgängen aus dem Berufsleben ausscheiden – umso wichtiger, dass wir gemeinsam junge Kolleg*innen für die aktive Mitarbeit in ver.di gewinnen. Mit unseren aktivierenden Angeboten, etwa mit unserer Jugendtarifkampagne, der breit aufgestellten Jugendbildungsarbeit oder unseren JAV-Konferenzen sind wir dabei sehr erfolgreich. Daran werden wir auch die nächsten vier Jahre anknüpfen.

Ihr hattet einen Leitantrag zur Digitalisierung. Titel: "Gute Arbeit by design". Was versteht ihr darunter?
Digitalisierung in der Ausbildung darf nicht zu Qualitätsabbau führen. Nur weil Auszubildende mit einem Tablet arbeiten, ist die Ausbildung noch nicht digital und vor allem: nicht gut. Mit der Corona-Pandemie sind die fehlenden Möglichkeiten und der Zustand der Berufsschulen deutlich geworden. Das Bild der Lehre muss endgültig aus den Köpfen in den Betrieben und Dienststellen – wir brauchen die qualitativ gute Ausbildung!

Mit der Initiative TVStud will ver.di einen bundesweiten Tarifvertrag für studentische Beschäftigte anschieben. Wie werdet ihr da vorgehen?
In der letzten Verhandlungsrunde zum Tarifvertrag der Länder, TV-L, gab es bereits eine Gesprächszusage über die Arbeitsbedingungen. Die Kolleg*innen arbeiten prekär und brauchen dringend einen Tarifvertrag. Sie haben sich in den Hochschulen und Universitäten weiter organisiert, um ihren Positionen eine laute und starke Stimme zu geben. In der Tarifrunde der Länder stehen die Forderungen von TVStud nun mit auf dem Programm und gemeinsam wollen wir diese mit – wenn notwendig – geeigneten Arbeitskampfmaßnahmen durchsetzen. Die studentischen Beschäftigten brauchen die Tarifierung, ein Entgelt von mindestens 16,50 Euro und Mindestvertragslaufzeiten von 24 Monaten! Wir holen uns, was uns zusteht!

Gerade hat die DGB-Jugend ihre Qualitätsstudie zum dualen Studium veröffentlicht. Auch da müsste einiges geregelt werden…
Das duale Studium boomt. Im Berufsbildungsgesetz sind mehr als 300 Ausbildungsberufe beschrieben, die dualen Studiengänge aber fehlen. Dual Studierende sind also der Willkür der Arbeitgeber ausgesetzt. Als ver.di wollen wir, dass die dualen Studiengänge bundeseinheitlich gesetzlich geregelt werden.

Hattet ihr weitere Forderungen im Ausbildungs- und Studierendenbereich?
Wichtig ist uns vor allem der Zugang zu Ausbildung, und gerade die aktuelle Inflation trifft uns als junge Menschen besonders stark. In den Tarifrunden fordern wir den Ausgleich der finanziellen Belastungen. Ebenso bedarf es einer wirkliche Reformierung des BAföG. Die Fördersätze müssen an die Realität angepasst und als Vollzuschuss gestaltet werden.

Ihr habt euch auf dem ver.di-Kongress demonstrativ hinter euren Kollegen Matti Gantenberg gestellt, der über psychische Gesundheit sprach. Er hatte über seine eigene depressive Erkrankung berichtet. Warum war euch das besonders wichtig?
Psychische Erkrankungen sind nach wie vor stark von Vorurteilen und Stigmatisierung in unserer Gesellschaft geprägt. Wir, die ver.di Jugend, setzen uns entschlossen dafür ein, diesen Missstand zu beseitigen und psychische Erkrankungen aus dem Schatten der Stigmatisierung zu holen. Wir sind der festen Überzeugung, dass sie genauso behandlungsbedürftig sind wie körperliche Erkrankungen. Betroffene sollen die Unterstützung und Hilfe erfahren, die ihnen zusteht.

Ebenfalls von euch kam eine Aktion gegen Antisemitismus…
Ja. Mit Entsetzen haben wir alle die Nachrichten am zweiten Oktober-Wochenende verfolgt. Der Terror und die Massaker an der israelischen Zivilbevölkerung schockt uns. Viele von uns waren schon mit der DGB-Jugend auf Israel-Delegationen und denken nun zum Beispiel an die Kolleg*innen der Wasserwerke in Sderot, an die Erzieher*innen dort oder an die Freund*innen aus den Kibbuzim an der Grenze zu Gaza, die uns als deutscher Delegation ihre Türen geöffnet haben. Wir zeigen klare Kante gegen jede Form von Antisemitismus. In der ver.di Jugend haben wir uns ein ganzes Jahr intensiv mit dem Themenfeld Antisemitismus beschäftigt, dabei Seminare durchgeführt, Bildungsmaterial erstellt und tiefgehende Beschlüsse z.B. gegen den Al-Quds-Marsch gefasst. Wir stehen in langer Solidarität mit unseren Kolleg*innen des israelischen Gewerkschaftsdachverbands der Histadrut. Diese Freundschaft leben und verteidigen wir weiter. Am Israel Chai (dt. "Das Volk Israel lebt", d. Red.) und gegen jeden Antisemitismus.

Hat die Jugend in eurer Gewerkschaft einen guten Stand?
Auf dem Bundeskongress haben wir uns aktiv eingebracht. Wir haben durch präzise und gut vorbereitete Wortbeiträge unsere Positionen an vielen Stellen erfolgreich vertreten und sind somit als Jugend in unserer Organisation geschlossen und konstruktiv aufgetreten.

Was sagt die Mitgliederentwicklung, habt ihr eine gute Perspektive?
Unsere Gewerkschaft ver.di hat einen großartigen Mitgliederzuwachs von über 100.000 Neumitgliedern seit Jahresanfang. Wir hatten uns zum Ziel gesetzt, so viele Auszubildende zu organisieren wie vor der Pandemie. Das haben wir gemeinsam geschafft. Jetzt geht es darum, neue Ziele zu formulieren und gemeinsam noch stärker zu werden.

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Großes Treffen
Der Bundeskongress der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di fand diesen Herbst in Berlin statt. 1.009 stimmberechtigte Delegierte im Alter von 19 bis 85 Jahren, davon 615 Frauen, nahmen teil. Die Jugend hatte 63 Mandate.

Frank Werneke wurde als ver.di-Vorsitzender im Amt bestätigt, ebenso seine Stellvertreterinnen Andrea Kocsis und Christine Behle.

Die ver.di Jugend organisiert 110.000 Auszubildende, junge Beschäftigte, Erwerbslose, Schüler*innen und Studierende. ver.di hat insgesamt knapp zwei Millionen Mitglieder.

https://jugend-verdi.de

(Aus der Soli aktuell 12/2023, Autorin: Soli aktuell)