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Soli aktuell 12/2023

Die erste Hürde in der Ausbildung

Die Probezeit ist eine besondere Zeit. Erst danach beginnt ein sehr geschütztes Ausbildungsverhältnis.

Julia Kanzog
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Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog.

Wenn du nicht bleiben möchtest
Finja, die angehende Industriekauffrau im ersten Ausbildungsjahr, schreibt in das "Dr. Azubi"-Forum: "Hallo, ich fühle mich total unwohl in meiner aktuellen Firma… Seit acht Wochen geht nun die Ausbildung und mein Ausbilder hat sich nicht einmal gemeldet, wie es mir geht. Ich möchte unter anderem deswegen die Firma wechseln. Ist das während der Probezeit möglich?"

"Dr. Azubi" rät: Die Probezeit ist für dich und deinen Betrieb da, um zu prüfen, ob die Ausbildung von beiden Seiten aus weiter fortgeführt werden soll. Daher ist die Kündigung in diesem Zeitraum von beiden Seiten sehr einfach möglich. Finja kann von einem auf den anderen Tag, also fristlos, kündigen. Es braucht keine Gründe. Die Kündigung muss lediglich schriftlich dem Betrieb zugehen. Am besten übergibt Finja sie persönlich mit Zeug*in oder schickt sie mit der Post via Einschreiben. Und für alle minderjährigen Auszubildenden gilt: Eure Eltern müssen die Kündigung mitunterschreiben, damit sie gültig ist.

Neu bewerben
Die auszubildende Industriekauffrau will weiter wissen: "Und wie schreibe ich da am besten die Bewerbung, dass mein zukünftiges Unternehmen mich nicht direkt auf die Ersatzbank schiebt?"

"Dr. Azubi" rät: So viel vorab – es gibt wohl kein Patentrezept für eine Bewerbung, wenn du in einen neuen Ausbildungsplatz wechseln willst. Der Umgang mit diesem Wechsel und damit auch die Bewerbung sollten auf alle Fälle deinem Typ entsprechen.

Erst Betrieb klar machen, dann kündigen
Den ersten richtigen Schritt hat Finja schon getan. Sie sucht sich erst einen neuen Betrieb, bevor sie kündigt. So sind ihre Verhandlungschancen besser und sie kann deutlich machen, dass sie etwas an dem Betrieb auszusetzen hat und gehen möchte.

Bei der Bewerbung ist es wichtig, den aktuellen Betrieb nicht schlecht zu machen, sondern vielmehr das zu formulieren, was du in deinem neuen Betrieb erreichen möchtest. Finja könnte zum Beispiel schreiben: "Da mir eine gute Ausbildung, in der ich den Beruf qualifiziert erlernen kann, sehr wichtig ist, möchte ich meinen Betrieb wechseln. Bei Ihnen werde ich durch kompetente Ausbilder bzw. Ausbilderinnen gut betreut und unterstützt."

Der Beruf macht Spaß
Sobald sie einen neuen Betrieb in der Tasche hat, kann sie innerhalb der Probezeit problemlos kündigen. Wartet nicht zu lange damit! Finja schreibt abschließend noch in das Forum: "Ich bin total am Boden, bin quasi hingefallen und schaffe es einfach nicht, aufzustehen, positiv auf die Arbeit zu gehen und mich zu freuen. Wenn ich dagegen in der Schule bin, bin ich absolut happy, weil mir der Beruf gefällt."

Wenn du in der Probezeit gekündigt wirst
Mila, eine angehende Malerin, schreibt verzweifelt in das Forum: "Hallo Dr. Azubi, ich bin im ersten Ausbildungsjahr zur Malerin und wurde jetzt innerhalb meiner Probezeit gekündigt, wegen einer 14-tägigen Krankheit. Gleichzeitig hat man mir einen neuen Ausbildungsvertrag mit einer erneuten Probezeit von vier Monaten vorgelegt. Geht das?"

"Dr. Azubi" rät: Klar gilt es, sich in der Probezeit von seiner besten Seite zu zeigen. Dennoch kannst du krank werden, und das sollte dir nicht negativ ausgelegt werden. Eine Klage gegen die Kündigung ist aber sinnlos, da der Betrieb in der Probezeit keinen Grund für die Kündigung anzugeben braucht. Einzige Ausnahme: Wenn du schwanger, schwerbehindert oder Mitglied der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) bist, gilt ein besonderer Kündigungsschutz für dich, dann bist du auch in der Probezeit geschützt.

Wenn du in der Probezeit gekündigt wirst, hast du bis zum Zeitpunkt der Kündigung Anspruch auf alle Leistungen erworben – zum Beispiel auf Urlaub, der dann ausgezahlt werden muss. Allerdings ist Mila ein Sonderfall: Ihr Betrieb hat ja gar nicht vor, sie gehen zu lassen, sondern will mit diesem Manöver wahrscheinlich ihre Probezeit nochmal von vorne beginnen lassen.

Es gibt strenge Regelungen, wie lange die Probezeit dauern darf – und es scheint, dass ihr Betrieb diese umgehen will. Deswegen sollte Mila sich dringend Hilfe suchen und dagegen vorgehen. Sie kann sich an ihre zuständige JAV oder an ihre Gewerkschaft wenden.

Das steht im Gesetz
Für die Probezeit gilt eigentlich: Sie muss mindestens einen Monat, darf jedoch höchstens vier Monate dauern (§ 20 Berufsbildungsgesetz). Viele Standardausbildungsverträge enthalten die Regelung, dass sich die Probezeit automatisch verlängert, wenn mehr als ein Drittel der Probezeit ausfällt (zum Beispiel wegen Krankheit der*des Auszubildenden) – und das ist legal.

Aber diese Ausnahme gilt nur, wenn die Unterbrechung deiner Probezeit länger als ein Drittel der vereinbarten Probezeit dauert. Dann könnte sich die Probezeit um die Dauer der Krankheit verlängern. Das heißt: Wenn deine Probezeit drei Monate dauert und du mehr als einen Monat krank warst, kann die Probezeit theoretisch um die Zeit, die du krank warst, verlängert werden (siehe Bundesarbeitsgericht, Urteil vom 9. Juni 2016, Az.: 6 AZR 396/15).

Wenn du aber weniger lange krank warst – also weniger als ein Drittel deiner vertraglichen Probezeit – und wenn keine solche Vereinbarung mit dem Betrieb getroffen wurde, läuft die Probezeit ab.

Und wie geht es weiter?
Nach der Probezeit seid ihr in einem sehr geschützten Ausbildungsverhältnis. Beide Seiten – du und der Betrieb – können nur noch fristlos aus wichtigem Grund kündigen. Man kann dich also nur kündigen, wenn du wiederholt oder massiv gegen deine Pflichten als Auszubildende verstößt. Auf der anderen Seite kannst du auch nur dann kündigen, wenn der Betrieb extrem gegen die Pflichten verstößt und man dich nicht richtig ausbildet.

Ein Berufswechsel ist dennoch jederzeit möglich. Die Berufsfreiheit ist geschützt. Niemand kann euch zwingen, die Ausbildung fortzusetzen, wenn ihr nicht im Betrieb bleiben möchtet.

 
(Aus der Soli aktuell 12/2023, Autorin: Julia Kanzog)