Deutscher Gewerkschaftsbund

Junge Frauen am Arbeitsmarkt

Oft arm und befristet

(dgb-jugend, 9. November 2010) Der DGB hat die Situation junger Frauen auf dem Arbeitsmarkt analysiert und stellt Forderungen nach mehr Bildungsinvestitionen, besserer sozialer Absicherung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Die Erwerbsorientierung junger Frauen ist im Verlauf der letzten Jahre gestiegen, in Westdeutschland ist sie aber immer noch etwas geringer als in Ostdeutschland. Der Eintritt in den Arbeitsmarkt erfolgt für junge Frauen immer öfter in atypischer Beschäftigung.

Der Anteil befristeter Verträge hat innerhalb von zehn Jahren insbesondere bei jungen Frauen rasant zugenommen. Schon mit dem Berufseinstieg verdienen Frauen durchschnittlich weniger Geld als Männer.

Zwar hat sich das Bildungsniveau der Frauen dem der Männer angeglichen und ist sogar etwas besser, das Gehaltsniveau ist jedoch immer noch deutlich geringer. 40 Prozent der unter 30-Jährigen in Vollzeit arbeitenden Frauen verdienen weniger als 1.500 Euro brutto und liegen damit im bzw. nahe am Niedriglohnbereich.

Die Arbeitslosenquote junger Frauen liegt seit Beginn des Jahrtausends nicht mehr über der der jungen Männer. Durch die Wirtschafts- und Finanzkrise ist besonders die Arbeitslosigkeit junger Männer in Westdeutschland gestiegen. Aktuell sinkt die erfasste Jugendarbeitslosigkeit bei den Männern jedoch stärker als bei den Frauen. Allerdings bleibt Jugendarbeitslosigkeit, insbesondere in Ostdeutschland ein großes Problem.

Junge Frauen sind öfter auf Hartz IV angewiesen als junge Männer. Auch bei den erwerbstätigen Hilfebedürftigen ist die Zahl junger Frauen größer. Arbeitslose Frauen, die auf Hartz IV angewiesen sind, werden nicht ausreichend gefördert. So wird erstens die Zielförderquote nicht erreicht und zweitens hauptsächlich in Ein-Euro-Jobs vermittelt, die nur geringe Integrationschancen bieten.

Die allgemein gestiegene Erwerbsquote von Frauen in Deutschland spiegelt die tatsächliche Arbeitsmarktintegration nur unzureichend wider. Es teilen sich immer mehr Frauen ein nur langsam größer werdendes Stück vom Kuchen, denn umgerechnet in Vollzeitäquivalente hat die Arbeitsmarktbeteiligung der Frauen nur in geringem Umfang zugenommen.

Die hohe Teilzeitquote in Deutschland ist ungewollt, denn jede/r vierte Teilzeitbeschäftigte (ca. 1,2 Mio.) würde lieber mehr arbeiten. Trotz höherer Arbeitsmarktbeteiligung gelangen viele Frauen (insbesondere mit Kindern) aufgrund struktureller Barrieren (fehlende Kinderbetreuung, Dominanz der Minijobs, tradierte Rollenbilder in der Gesellschaft) oftmals unfreiwillig nicht über die Rolle als Hinzu- bzw. Geringverdienerin hinaus und bleiben damit finanziell abhängig vom Partner oder dem Hartz IV-System.

Zwar hat Deutschland die EU-Vorgaben zur Beschäftigungsquote von Frauen offiziell erfüllt, allerdings in erster Linie durch die staatlich subventionierten Mini-Jobs, die sich so kein anderes Land leistet. Eine Folge davon ist, dass eine weitere Vorgabe der EU - die Reduzierung der Entgeltdifferenz - nicht erreicht wurde, da sich gerade die Mini-Jobs als Einfallstor für Niedriglöhne erwiesen haben.

Der angestrebte Ausbau der Kinderbetreuung ist ein Weg, wie es jungen Frauen ermöglicht werden kann, vollzeitnah zu arbeiten. Allerdings muss gleichzeitig auch der Niedriglohnsektor reguliert werden, damit die vermittelte Arbeit Existenz sichernd ist. Laut Koalitionsvertrag möchte die Bundesregierung jedoch in die entgegengesetzte Richtung steuern, wenn sie die geringfügige Beschäftigung - und damit auch einen großen Teil des Niedriglohnsektors - wie geplant weiter ausbauen will.p>
Forderungen des DGB:

Investitionen in Bildung: Die Bildungschancen insbesondere der jungen Migrantinnen müssen verbessert werden. Für die ca. 1,5 Mio. jungen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund zwischen 20 und 29 Jahren, die noch ohne Berufsabschluss sind, ist eine breit angelegte Nachqualifizierungsoffensive notwendig. Dem Recht auf einen Schulabschluss muss ein Recht auf Ausbildung folgen.


Ausbau der Kinderbetreuung:
Eine flexible Ganztagsbetreuung - auch am Abend oder am Wochenende - ist notwendig, um die Erwerbstätigkeit von Eltern zu ermöglichen. Der Widerspruch, dass in erster Linie Beschäftigte Anspruch auf einen Kitaplatz haben, aber für die Aufnahme einer Beschäftigung ein Kitaplatz notwendig ist, muss gelöst werden. Dafür ist eine bessere Zusammenarbeit von den für die Arbeitsvermittlung zuständigen Jobcentern und den für die Kinderbetreuung zuständigen Jugendämtern notwendig.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie:Die Verkürzung bzw. Ausweitung der Arbeitszeit auf kurze Vollzeit für beide Geschlechter - auch in Führungspositionen - erleichtert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Im Zusammenspiel mit flächendeckenden, flexiblen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen kann die Mehrfachbelastung von Eltern durch Arbeit, Haushalt und Kindererziehung verringert werden.

Gleiches Geld für gleiche Arbeit:Die Bundesregierung sollte Wege zur Entgeltgleichheit beschreiben und gesetzlich verankern. Freiwillige Vereinbarungen haben ihr Ziel verfehlt. Betriebliche Instrumente zur geschlechtssensiblen Messung der Entgeltgleichheit - die bereits in anderen Ländern erfolgreich eingesetzt werden - sind ebenso ein Teil davon wie verbindliche Anforderungen an die Wirtschaft. Dazu gehört auch, dass die Vergabe öffentlicher Aufträge an den Einsatz solcher betrieblichen Instrumente gekoppelt wird und Betroffene generell ihre Ansprüche besser durchsetzen können (z.B. durch ein Verbandsklagerecht mit erleichterter Beweisführung).

Betreuung von Arbeitslosen: Bei der Förderung von Arbeitslosen sollte statt in kurzfristige Maßnahmen vorrangig in abschlussbezogene Maßnahmen und nachhaltige Integrationen investiert werden. Für junge Menschen bedeutet das, dass sie die Chance bekommen, möglichst einen Berufsabschluss zu erwerben.

Ausbildung und Weiterbildung: Eerhöhen die Chancen auf eine Existenz sichernde Beschäftigung. Die Sensibilität für geschlechtsspezifische Benachteiligungen und die Kompetenzen im Umgang mit anderen Kulturen müssen bei den Vermittler/innen, die Arbeitslose betreuen, gestärkt werden. Bei der Förderung von Frauen darf nicht allein die Anzahl der Fördermaßnahmen als Zielmarke gelten, auch die Qualität der Maßnahmen - gemessen am Integrationserfolg - muss nachgehalten und verbessert werden.

Absicherung von Arbeitslosen:
Um junge Beschäftigte besser abzusichern, sollte die Rahmenfrist für den Anspruch auf ALG I von zwei auf drei Jahre erhöht werden. Damit wäre der Zeitraum länger, indem die für das ALG I notwendigen zwölf Monate sozialversicherte Beschäftigung angesammelt werden können.

Existenzsichernde Beschäftigung:
Durch die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns von nicht unter 8,50 Euro pro Stunde, muss der Niedriglohnsektor eingedämmt werden. Auch dürfen die Mini-Jobs nicht weiter subventioniert werden. Alle Arbeitsverhältnisse müssen vom ersten Euro an sozial gesichert sein. Die Zumutbarkeit von Arbeit für Arbeitslose im Hartz IV-System muss auf sozial abgesicherte und mit mindestens 8,50 Euro pro Stunde vergütete Beschäftigung begrenzt werden.

Infos: DGB-Bundesvorstand, Bereich Arbeitsmarktpolitik, Henriette-Herz-Platz 2, 10178 Berlin, E-Mail: ais@dgb.de

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