Deutscher Gewerkschaftsbund

Würde kennt keine Ausnahmen – Mindestlohn für alle!

Drei Herren mit dem Mindestlohn Plakat

Thumbs up für den Mindestlohn: (v.l.) Der DGB-Vorsitzende Michael Sommer, DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller und DGB-Vorstandmitglied Reiner Hoffmann © DGB/Claudia Falk

Im Entwurf für das Mindestlohngesetz will die Bundesregierung alle jungen Menschen unter 18 vom Mindestlohn ausnehmen. Die DGB-Jugend fordert einen Mindestlohn ohne Wenn und Aber! Von Julia Böhnke

Der von der Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) vorgelegte Gesetzesentwurf zur Einführung eines Mindestlohns in Höhe von 8,50 Euro in Deutschland sieht verschiedene Ausnahmeregelungen vor. Unter anderem will die Ministerin alle jungen Menschen unter 18 vom Mindestlohn ausnehmen. Nahles begründete dies mit der Behauptung ein Mindestlohn für Jugendliche würde eine Berufsausbildung weniger attraktiv für junge Menschen machen. Die DGB-Jugend fordert einen Mindestlohn ohne Wenn und Aber: Denn Jugendliche dürfen nicht zu Arbeitnehmer_innen zweiter Klasse gemacht werden.

Lieber schnelles Geld als eine Ausbildung? Bestimmt nicht!

Das Argument, ein Mindestlohn würde junge Menschen davon abhalten eine Ausbildung zu beginnen (da sie schneller viel Geld verdienen wollen), ist absurd: Folgt man dieser Logik, würden viele junge Menschen bereits heute nach der Schule als ungelernte Arbeiter_innen eine Beschäftigung suchen. Denn bereits heute liegt vielen Branchen der Stundenlohn in der untersten Lohngruppe deutlich über dem ensprechenden Anteil der Vergütungin der Berufsausbildung: Rechnet man die Ausbildungsvergütung von Auszubildenden im Einzelhandel in NRW auf den Stundenlohn runter liegt sie bei 4,28 Euro. In der untersten Lohngruppe für an- oder ungelernte Beschäftigte wird allerdings ein Stundenlohn von 8,93 Euro die Stunde gezahlt. Ähnlich verhält es sich auch im Bauhauptgewerbe: In den neuen Bundesländern bekommen Auszubildende umgerechnet 3,86 Euro in der Stunde – in der untersten Lohngruppe sind es jedoch 10,25 Euro. Die Behauptung der Arbeitgeberverbände und Ministerin Nahles, junge Menschen würden durch „lukrative Nebenjobs“ von der Aufnahme einer Berufsausbildung abgehalten werden ist vollkommen absurd.

Statististik

Infratest hat gefragt, die Bevölkerung hat geantwortet: Die Mehrheit ist für den Mindestlohn ohne Wenn und Aber. © Infratest/dimap

Jugendlichen ist die langfristige Bedeutung einer Berufsausbildung durchaus klar: Von den neun Millionen jungen Menschen zwischen 15 und 24 die es im Jahr 2012 gab, waren mehr als drei Viertel (6,8 Millionen) entweder Schüler_innen, Studierende oder Auszubildende. Ihnen vorzuwerfen, "schnelles Geld" statt einer Ausbildung machen zu wollen, geht völlig an der Lebensrealität der jungen Menschen vorbei, die schlicht und ergreifend keinen Ausbildungsplatz bekommen, weil es bei großen regionalen Unterschieden bundesweit nach wie vor zu wenig Ausbildungsplätze gibt.

 Seit Jahren liegt die Zahl der Ausbildungsplatzinteressierten deutlich über der Zahl der Ausbildungsplätze. Zuletzt standen im Jahr 2012 ca. 627.300 Bewerber_innen 584.547 freien Ausbildungsplätzen gegenüber.

Ausnahmen bei Jugendlichen in anderen europäischen Ländern

Häufig wird auch von Gegner_innen des allgemeinen Mindestlohns das Argument ins Feld geführt, ein Mindestlohn für alle Altersgruppen würde einen schlechten Einfluss auf die Arbeitsmarktchancen bei Jugendlichen haben. Dabei wird unterstellt, dass junge Beschäftigte generell weniger produktiv seien und bei einem gegebenen Mindestlohnniveau gegenüber älteren Arbeitnehmer_innen strukturell im Nachteil wären. Als vermeintlicher Beweis hierfür wird vor allem die aktuell hohe Jugendarbeitslosigkeit in vielen Europäischen Ländern ins Feld geführt. Tatsächlich liegen die Ursachen für die Jugendarbeitslosigkeit vielmehr in konjunkturellen Faktoren. Jüngere Arbeitnehmer_innen sind von der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise in Europa generell überdurchschnittlich stark betroffen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass Jugendliche oft nur befristet beschäftigt sind und aufgrund ihres Alters weniger lange in einem Betrieb gearbeitet haben. In Zeiten der Krise ist es für Unternehmen oft wesentlich leichter und billiger junge Arbeitnehmer_innen als erste zu entlassen.

Die Mindestlohnausnahmen beziehungsweise niedrigere Mindestlöhne für junge Beschäftigte verschärfen die prekäre Arbeitsmarktsituation noch stärker: In einem Ländervergleich zwischen Dänkemark, Deutschland, Niederlanden, Großbritannien und den USA untersuchten Forscher der Russels Sage Foundation Niedriglöhne in den verschiedenen Ländern und zeigten exemplarisch für den Einzelhandel in Großbritannien und den Niederlanden, dass der geringere Mindestlohn für junge Arbeitnehmer_innen dazu führt, dass einige Branchen vermehrt auf "billige junge Arbeitskräfte" zurückgreifen: Die Anteile der unter 25-Jährigen an allen Beschäftigten lag im Einzelhandel in Dänemark bei 48,5 Prozent, in den Niederlanden bei 44,7 Prozent und in Großbritannien bei 34 Prozent. Frankreich und Deutschland lagen mit einem Beschäftigungsanteil der unter 25-Jährigen von nur 19,3 bzw. 15,6 Prozent deutlich darunter. Die Unterschiede wurden von den Forscher_innen mit den niedrigeren Mindestlöhnen für Jüngere in den Niederlanden und Großbritannien in Verbindung gebracht. Das Beispiel zeigt deutlich: Mindestlohnausnahmen schützen junge Beschäftigte folglich – sie sind ein Einfallstor für Dumpinglöhne und prekäre Arbeitsbedingungen in ganzen Branchen.

Was wir wollen

Die DGB-Jugend fordert die Einführung des flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns ohne Ausnahmen! Junge Beschäftigte dürfen nicht als Arbeitnehmer_innen zweiter Klasse missbraucht werden. Schließlich ist es vollkommen unverständlich, warum junge Beschäftigte für die gleiche Tätigkeit schlechter entlohnt werden sollten als ältere. Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) sichert allen Menschen – auch unabhängig vom Alter – gleiche Bedingungen am Arbeitsmarkt zu. Die Einführung einer altersspezifischen Ausnahme beim Mindestlohn würde eine unzulässige Altersdiskriminierung darstellen. Für die DGB-Jugend fordert klar: Einen flächendeckenden Mindestlohn von – im ersten Schritt - 8,50 Euro auch für Jugendliche und junge Beschäftigte! 


Julia Böhnke ist politische Referentin der DGB-Jugend.


Zum Weiterlesen

Argumente für den Mindestlohn: hier.

Mindestlohnkampagnen-Seite des DGB: www.mindestlohn.de

WSI Report (14/2014): hier.

KOMMENTARE

1 Thomas schrieb am 21. Oktober 2015 um 13:50 Uhr:

Letztendlich machen die ganzen Ausnahmen, die es gibt, den Mindestlohn kaputt. Hier sollte es einheitlich durchgeführt werden. Zum Thema Mindestlohn gibt es auch auf http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2015-10/35216775-stegner-mindestlohn-gilt-auch-fuer-fluechtlinge-003.htm einen Artikel.

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