Deutscher Gewerkschaftsbund

Wohnst du schon?

Wer sich heute auf die Suche nach einer Wohnung begibt, braucht entweder reiche Eltern oder Unmengen an Zeit und einen unerschütterlichen Optimismus. Diese Zustände müssen sich ändern und es gibt Möglichkeiten dafür.

Wohnen

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63 Anfragen - vier Antworten

Klara Martens studiert Angewandte Literaturwissenschaft an der FU Berlin und berichtet von der Wohnungssuche. "Zuerst habe ich nebenbei gesucht, Freunde und Bekannte gefragt. Das hat nicht funktioniert. Im Februar habe ich mich dann beim Portal WG-gesucht angemeldet."

Sechs Wochen Intensivsuche. 63 Anfragen hat sie auf WG-gesucht verschickt, dazu 20 über Facebook-Gruppen. Nur viermal bekam sie überhaupt eine Antwort. "Das fühlt sich ziemlich scheiße an", sagt sie. "Nach ein paar Wochen geht das ans Selbstwertgefühl, wenn du nie eine Antwort kriegst."

Wer die Berliner Angebote bei WG-gesucht durchsieht, entdeckt kaum Zimmer für weniger als 500 Euro. Viele kosten 600 Euro oder mehr, die Preise gehen hoch bis 800 Euro. Wenn Zimmer günstiger sind, dann werden sie meist auf Zeit vermietet oder sind nur zehn Quadratmeter groß. Und in Berlin ist die Situation für Studierende noch nicht mal am schlimmsten.

Das Moses Mendelssohn Institut errechnete vergangenes Jahr, dass ein WG-Zimmer in München durchschnittlich 700 Euro kostet, in Frankfurt am Main 530 Euro. Wenn man sich klarmacht, dass mehr als die Hälfte der Studierenden monatlich nur 600 bis 1.000 Euro zur Verfügung hat, bekommt man eine ungefähre Vorstellung von der Tragweite des Problems.


Überteuert und rar

Bezahlbarer Wohnraum in Deutschland ist knapp. Fast zwei Millionen erschwingliche Wohnungen fehlen in deutschen Großstädten, wie eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie im Juni errechnete. Als bezahlbar gilt eine Bruttowarmmiete – inklusive Heiz- und Nebenkosten –, die 30 Prozent des Haushaltseinkommens nicht übersteigt. Wer also 1.000 Euro im Monat zur Verfügung hat, sollte höchstens 300 Euro fürs Wohnen ausgeben müssen.

Von solchen Mieten können viele Studierende nur träumen. Über 2,9 Millionen Studierende waren im Wintersemester 2020/2021 an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Aufgrund der Pandemie gibt es zwar weniger junge Leute aus dem Ausland, die nach Deutschland hauptsächlich in die großen Universitätsstädte kommen, aber es gibt mehr Studierende aus dem Inland. Schulabsolvent_innen fehlt es aufgrund der Pandemie an planbaren Alternativen.

Auslandsaufenthalte sind schwierig zu organisieren und Praktika und Ausbildungsstellen sind sehr schwierig zu bekommen. Viele Universitäten haben besonders hohe Bewerbungszahlen zu verzeichnen – teilweise so viele wie nie zuvor. Und alle müssen irgendwo wohnen, vorzugsweise in Uni-Nähe oder im Innenstadtbereich. Die große Nachfrage nach Wohnraum treibt die Preise weiter nach oben.


Der Preis für eine falsche Politik

Wieso ist die Wohnungssuche so schwierig und das Wohnen so teuer geworden? Ein Grund ist das knappe Angebot. Der Neubau hält schon seit Jahren nicht mit der wachsenden Nachfrage Schritt, vor allem im unteren Preissegment klafft eine gewaltige Lücke. Statt der benötigten 140.000 preisgünstigen Wohnungen sind 2020 nur gut 85.000 und damit lediglich 61 Prozent des eigentlichen Bedarfs fertig gestellt worden.

Im geförderten sozialen Wohnungsbau wurden sogar nur 38 Prozent der benötigten Wohnungen errichtet. Zudem sinkt die Zahl der preisgebundenen Sozialwohnungen immer weiter, da weniger entstehen als pro Jahr aus der Sozialbindung fallen. Die Politik hat den sozialen Wohnungsbau lange vernachlässigt, die Folgen zeigen sich jetzt. Waren es im Jahr 2002 noch rund 2,6 Mio. Wohnungen mit Preisbindung, verringerte sich ihre Zahl bis zum Jahr 2021 schätzungsweise auf nur noch rund 1,09 Mio.

Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen gilt die Sozialbindung in der Regel nur für 20 bis 30 Jahre, danach dürfen die Eigentümer_innen die Wohnungen zu Marktpreisen vermieten. Außerdem haben viele Städte und Bundesländer unter dem Druck der Privatisierungsideologie in den 1990er und 2000er Jahren weite Teile ihrer Wohnungsbestande verkauft. Das Bauland ebenso, sodass nun Flächen für den Neubau fehlen bzw. unerhört teuer geworden sind: In München, Hamburg und Berlin hat sich der Preis für Bauland innerhalb von nur sechs Jahren verdoppelt.

Mietendemo

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#Mietendemo: Wohnen für alle: Die DGB-Gewerkschaften sind in den Mieterbündnissen aktiv und fordern einen Mietenstopp.


Eigentum will Gewinn machen

Für die Schwierigkeit, als Mieter_in eine Wohnung zu finden, gibt es aber noch mehr Gründe: Denn zugleich werden immer mehr Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt. Allein in Berlin betraf das zwischen 2011 und 2020 fast 125.000 Mietwohnungen. Nach einem Verkauf versuchen die neuen Eigentümer_innen häufig, die Miete zu erhöhen oder die Mieter_innen loszuwerden – sei es, weil sie die Wohnung selbst beziehen oder sie gewinnbringend weiterverkaufen möchten. Wohneigentum ist gefragt. Nicht nur in den großen Städten – aber dort besonders – schießen die Preise in die Höhe.

2021 kosten in Berlin Wohnungen 75 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Im Bundesdurchschnitt war innerhalb eines Jahres eine Steigerung von 6,6 Prozent zu verzeichnen. Woher kommt der Run auf das Wohneigentum? Ein Grund ist, dass sich – diese Aussage mag auf den ersten Blick überraschen – immer mehr Menschen die teuren Immobilien leisten können.

Das liegt einmal an den niedrigen Zinsen. Die machen einerseits Kredite erschwinglicher, andererseits andere Anlageformen wie Bundesanleihen unattraktiver. Wer etwas Vermögen auf der hohen Kante hat, kauft sich also eine Wohnung, ob für den Eigenbedarf oder als Altersvorsorge. Zumal der Bund in den letzten Jahrzehnten den Erwerb von Wohneigentum großzügig gefördert hat, aktuell durch das Baukindergeld, das vor allem gut verdienenden Familien zugutekommt.

Aber auch die Einkommensspreizung trägt ihren Teil zum Immobilienboom bei. Denn nicht nur der Niedriglohnsektor wächst – von 16 Prozent der Erwerbstätigen Mitte der 1990er auf 24 Prozent heute –, auch die Zahl der Millionäre in Deutschland ist trotz Corona weiter gestiegen. In Deutschland gibt es jetzt 1,5 Millionen Millionäre. Auch sie wollen ihr Geld anlegen.

Der Kauf von Wohnungen ist eine relativ sichere und vor allem profitable Anlage. Ähnliches gilt für professionelle Investoren wie Versicherungen, Pensionsfonds und natürlich große Immobilienkonzerne wie Vonovia oder die Deutsche Wohnen, die Wohnungsbestände aufkaufen. Wohnungen als Anlageobjekt: das bedeutet, dass sich das Geld, das jemand in eine Wohnung investiert, vermehren soll. Und wie vermehrt es sich? Durch teureren Weiterverkauf oder höhere Mieten.


Mietendeckel in Berlin – und darüber hinaus?

Der rot-rot-grüne Berliner Senat scheiterte mit seiner Regulierung der Mieten in der Hauptstadt: Der sogenannte Berliner Mietendeckel wurde 2021 von einem Gericht gekippt. Zur Begründung erklärte das Gericht, dass die Zuständigkeit dafür beim Bund und nicht beim Land liege. Was vor Ort nicht gelang, will die Landesregierung daher nun mithilfe einer Gesetzesänderung im Bund erreichen. Ziel ist es, im Bundesrecht eine Möglichkeit für die Länder zu schaffen, in angespannten Wohnungsmärkten Mieten zu begrenzen. Auch als DGB-Jugend eine unserer zentralen Forderungen zur Bundestagswahl.


Enteignen?

Dass das Thema Miete den Menschen unter den Nägeln brennt, wird auch an der breiten Unterstützung der Initiative "Deutsche Wohnen & Co enteignen" in Berlin deutlich. Innerhalb von fünf Monate ist es gelungen, über 350.000 Unterschriften für das angestrebte Volksbegehren zu sammeln: Für Enteignungen großer Wohnungsunternehmen. Das Volksbegehren hat zudem eine bundesweite Diskussion über die Profitmacherei mit Wohnraum ausgelöst.

Nadja Holz engagiert sich bei "Deutsche Wohnen & Co. enteignen". Die Initiative hat einen vergessenen Grundgesetzartikel ausgegraben, Artikel 15, der noch nie für den Wohnungsmarkt zur Anwendung kam. Er lautet: "Grund und Boden, Naturschatze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden."

Nun fordert sie, Unternehmen, die mehr als 3.000 Wohnungen haben, zu enteignen – gegen eine Entschädigung, die weit unter dem Marktpreis liegen muss. "Das ist nötig, damit die Wohnungen anschließend zu fairen Preisen vermietet werden können", sagt Nadja Holz.

Und rechtlich ist es möglich. Zu dem Ergebnis ist sogar ein juristisches Gutachten des Senates gekommen, auch wenn der Senat es eigentlich in Auftrag gegeben hatte, um das Gegenteil zu beweisen." Am 26. September 2021 kam es zum Volksentscheid. Ergebnis: 56,4% sind dafür.


Wohnungen sind zum Wohnen da!

Aber wie soll die Enteignungsinitiative bei ihren Problemen helfen? "Indem sie die Mietenexplosion stoppt, Druck auf die Politik macht und den Wohnungsmarkt insgesamt entspannt", antwortet Nadja Holz ohne Umschweife. "Wir reden hier davon, dass etwa 250.000 Wohnungen dem Markt entzogen wurden. Die FDP beschwert sich schon, dass das Investor_innen abschrecken würde. Gut so! Denn am Ende geht es ja darum, dass Wohnungen zum Wohnen da sein sollen, nicht um mit ihnen möglichst viel Profit zu machen."


Gut zu wissen

Wohnbörsen
Du bist auf der Suche nach einer geeigneten und bezahlbaren Unterkunft? Dann können Wohnbörsen im Internet hilfreich sein. Auch einige Allgemeine Studierendenausschüsse (AStA) und Studierendenräte bieten Unterstützung bei der Zimmer- oder Wohnungssuche. Ebenfalls gute Anlaufstellen sind die lokalen Studierendenwerke. Sie verwalten die öffentlichen Studierendenwohnheime.
www.wg-gesucht.de
www.studenten-wg.de
www.studierendenwerke.de

Mieter_innen-Vereine
Bei allen Fragen rund ums Wohnrecht sind Mieter_innen-Vereine eine gute Adresse. Schau einfach, welche Angebote es bei dir vor Ort gibt. Bei einigen ist die Mitgliedschaft für Studierende ermäßigt. Und beinhaltet neben dem Anspruch auf Rechtsberatung sogar den Rechtsbeistand inklusive Prozesskostenversicherung.
mieterbund.de
www.mieterschutzbund.de
www.iv-mieterschutz.de

 

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