Deutscher Gewerkschaftsbund

Studentenstatus gefährdet? Rentenversicherungsprüfer untersagt Firma Ummeldung zum Werkstudenten

Hallo,

Ich hoffe, mir kann hier weiter geholfen werden.
Zur Situation:
Ich bin Student im 19. Fachsemester im Vollzeit - Studiengang Elektrotechnik.
Seit 2010 arbeite ich neben meinem Studium als Werkstudent bei einer Firma mehr als geringbeschäftigt (ca 850€ pro Monat).
Geführt wurde ich seitens der Firma bis 2017/2018 als Werkstudent. Durch einen (vermutlich) internen Fehler seitens des Betriebs wurde ich anscheinend als Teilzeitarbeitnehmer umgemeldet, da mir nach meinem Wechsel von der gesetzlichen in die private Krankenversicherung (Studententarif, freiwillig selbstversichert) auf einmal die Hälfte der Beiträge (Kranken- und Pflegeversicherung) vom Arbeitgeber gezahlt werden.
Nach einer kürzlich stattgefundenen Prüfung eines Deutschen Rentenversicherers (DRV) in der Firma wurde der Missstand anscheinend erstmals aufgedeckt. Durch eine Recherche meinerseits daraufhin bemerkte ich zudem, dass auf meinen vergangenen Lohnabrechnungen meine eingetragene Beitragsschlüsselnummer 0110 lautet (privatversicherter Arbeitnehmer). Eigentlich hätte ich aber mit 0100 (freiwillig selbstversichert erWerkstudent) geführt werden müssen.

Laut einer unserer Personalerinnen stelle zudem der DRV meinen Studentenstatus in Frage, den er trotz eingereichter (nahtlos aufeinanderfolgenden, ohne Urlaubssemester oder dergleichen) Immatrikulationabescheinigungen, sowie Leistungsnachweisen nicht anerkennen möchte. Bisher habe ich das nur mündlich seitens der Personalerin, das werde ich mir aber schriftlich geben lassen.

Anmerkung dazu: ich erfülle alle rechtlichen Kriterien, die meinen Studentenstatus rechtfertigen:
° Vollzeit immatrikuliert ohne Unterbrechung
° unterhalb von 25 Fachsemester (derzeit im 19.)
° Arbeitszeit von maximal 20 Std/Woche
° freiwillig privat versichert zum Studententarif

Laut Aussage der bearbeitenden Personalerin ist es dem DRV aber egal, ob ich im geringeren als dem 25. Fachsemester bin, er erkenne nicht, dass ich einen Abschluss anstreben und folglich erkenne er mir im Betrieb den Studentenstatus nicht an.

Meine Frage: Darf er das? Obwohl ich kontinuierlich Leistungen pro Semester in Form von bestandenen Modulen/Fächern abgelegt habe?
In dem Fall würde er ja das Tempo bemängeln, aber deswegen gelten doch die Arbeitszeiteinschränkungen etc.,oder?

Kann da vielleicht mehr hinterstecken, dass die Firma das Problem der Ummeldung und wohl auch Nachzahlung hat und das als Vorwand gegen mich nutzt, um zu sagen, dass ich für die Firma nicht mehr tragbar bin?
Denn genau das ist passiert und man will mich, weil ich jetzt durch die Sozialversicherungsabgaben seitens der Firma, zu teuer bin, im gegenseitigen Einvernehmen "loswerden".

Ich hoffe, ich konnte meine Situation mit allen nötigen Informationen deutlich machen.

Vielen Dank im Vorfeld. Ich bin verzweifelt.

PS: Ich werde mich morgen mit der abrechnenden Krankenkasse in Verbindung setzen, da sie wohl die 1. Anlaufstelle ist, wenn es um die Sozialvers. Abgaben geht.

Viele Grüße
Gore

Gore: 01.12.2019 13:50:14 |
Tags:
  • RE: Studentenstatus gefährdet? Rentenversicherungsprüfer untersagt Firma Ummeldung zum Werkstudenten

    Hallo Gore,

    vielen Dank für deine Anfrage.

    Beim sogenannten Werkstudent_innenstatus handelt es sich um einen Status innerhalb der Sozialversicherung (SV), den Vollzeitstudent_innen in der Regel immer dann innehaben, wenn sie nicht mehr als 20h/Woche arbeiten. Jede Regel beinhaltet aber auch Ausnahmen und Grenzen.
    Die Kriterien, anhand derer dein SV-Status eingestuft wird, basieren zudem nicht auf einem Gesetz, sondern auf Rechtsprechung, können im Einzelfall also auch abweichen und unterschiedlich ausgelegt werden.
    So können neben deiner regelmäßigen Arbeitszeit und der Vollzeitimmatrikulation daher auch die Anzahl der Fachsemester ausschlaggebend für die Ermittlung deines SV-Status sein und bei fortgeschrittener Fachsemesteranzahl auch der Umfang deines Studiums. Daran orientiert sich dann, ob dein Studium (immer noch) im Vordergrund steht oder die Arbeit. Nur wenn im Sinne der Sozialversicherung das Studium im Vordergrund steht, wirst du als Werkstudent angemeldet. Steht die Arbeit im Vordergrund, musst du voll sv-pflichtig als Arbeitnehmer angemeldet werden. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xhi

    Davon, dass das Studium im Vordergrund steht, wird in höheren Fachsemestern allerdings nicht schon dann ausgegangen, wenn du regelmäßig Leistungen in der Uni erbringst, sondern nur dann, wenn du auch tatsächlich Vollzeit studierst bzw. zumindest nachweislich mehr als die Hälfte der für den Vollzeitstudiengang üblichen Leistungen erbringst. Wenn in deinem Studiengang z.B. 30 ETCS-Punkte pro Semester üblich sind, müsstest du mindestens 16 ETCS-Punkte im Semester erbringen (ggf. auch mehr) oder anhand deines Stundenplans nachweisen, dass du z.B. nur deshalb weniger ECTS-Punkte erworben hast, weil du Seminare/Modulteile besucht hast, die sich erst im darauffolgenden Semester in ECTS-Punkten niederschlagen. Das Studiertempo hat insofern also tatsächlich Einfluss auf deinen sozialversicherungsrechtlichen Status. Bringst du nicht mehr als die Hälfte der für ein Vollzeitstudium üblichen Zeit fürs Studium auf, betrachtet dich die Rentenversicherung so wie einen Teilzeitstudenten, der in der SV im Job als Arbeitmehmer gilt.

    Die 25 Fachsemester, die noch immer im Rundschreiben zur versicherungsrechtlichen Beurteilung beschäftigter Studierender drin steht, wurden in einer Zeit als Orientierungspunkt (auch auf Basis von Rechtsprechung) festgelegt, als mit Magister- und Diplomstudiengängen noch deutlich höhere Regelstudienzeiten üblich waren. Bei Betriebsprüfungen gehen die Prüfer_innen in der Regel stichprobenartig durch und greifen sich dann studentische Beschäftigte gerne bereits ab der doppelten (Bachelor-)Regelstudienzeit raus, da sie da annehmen, dass faktisch eben eher ein Teilzeit- als ein echtes Vollzeitstudium vorliegt. Diese Annhahme kannst du nur durch entsprechende Nachweise widerlegen.
    Das Rundschreiben findest du hier: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​aGw

    Insofern kommt es auf deinen tatsächlichen Studierumfang und die konkreten Nachweise dazu an. Entsprechend kann es also schon sein, dass der Prüfer mit seiner Einschätzung im Sinne der Sozialversicherungs recht hat.
    Wenn du sicher mehr studiert hast, können du und dein Arbeitgeber aber auch gegen diese Entscheidung vorgehen (im Zweifel auf dem Klageweg). Davor solltet ihr euch aber anwaltlich beraten lassen.

    Was die Schlüsselnummern angeht, kann ich dir nicht wirklich weiterhelfen, da ich nicht weiß, ab wann die 0100 greift.
    Ich kann dir aber sagen, dass eine volle SV-Pflicht nicht so extrem viel teurer ist als der Status als Werkstudent_in. Für dich persönlich wäre der Arbeitnehmer_innenstatus vermutlich sogar günstiger.

    Der Unterschied:
    Im Werkstudent_innenstatus fallen aufs Gehalt 9,3% Rentenversicherung (RV) an und man muss selbst die Kosten für die KV tragen (wie hoch das bei deiner PKV ist, weiß ich nicht, rechne aber auch Selbstbehalte u.ä. mit rein, die es in der GKV nicht gibt).
    Bei voller SV-Pflicht sind es statt nur RV insgesamt zwar knapp 20% in die Sozialversicherung vom Gehalt, dafür fallen für dich aber keine weiteren Kosten für die KV an. Du wärst dann über den Job gesetzlich kranken-, pflege- und zudem auch arbeitslosenversichert. Je nach Einkommenshöhe ist eine volle SV-Pflicht also sogar finanziell günstiger für dich als der Status als Werkstudent. Außerdem können so Ansprüche auf Leistungen aus dem SV-System (z.B. auf Krankengeld oder später ggf. Alg I) erworben werden, auf die Werkstudent_innen keinen Anspruch haben. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​ina

    Für deinen Arbeitgeber wirst du dann zwar auch teurer, für ihn sind das aber ebenfalls dann um die 20% in die SV gesamt anstatt bisher 9,3% RV, das sind also grade einmal um die 10% mehr. Und da er dir aktuell ja sogar einen Zuschuss zur PKV gewährt (der ja bei voller SV-Pflicht wegfällt), dürften es sogar deutlich weniger als 10% Unterschied sein.
    Vielleicht hilft es, wenn du nochmal mit deinem Arbeitgeber sprichst und ihm das vorrechnest? Außerdem arbeitest du immerhin schon relativ lange da, bist entsprechend gut eingearbeitet und unzufrieden scheint er mit deiner Arbeitsleistung ja auch nicht zu sein. Sollte er für dich jemand neues einstellen, müsste die Person erst eingearbeitet werden, was ja auch Geld kostet. Vielleicht kannst du ihm die paar Prozent höhere Kosten für dich durch die volle SV-Pflicht so schmackhaft machen?
    Kündigen darf er dir jedenfalls nicht, nur weil dein SV-Status sich ändert.
    Und solange du deine Angaben immer korrekt gemacht hast (Abgabe Immabescheinigung, Studiernachweise etc.), ist die eventuelle Falschanmeldung nicht deine Schuld, sondern liegt in seiner Verantwortung. Damit auch eine eventuelle Nachzahlung von SV-Beiträgen. Im Zweifel hätte er von dir weitere Nachweise zum Umfang deines Studiums zur Prüfung deines SV-Status fordern müssen.
    Bei dir können höchstens die letzten drei Monate rückwirkend berechnet und entsprechende SV-Abgaben einbehalten werden. Solltest du dadurch rückwirkend gesetzlich krankenversichert werden, solltest du versuichen, die PKV-Beiträge für die Zeit wieder zurückzubekommen. Wie das da läuft, habe ich leider keine Erfahrung. Wärst du freiwillig in der GKV versichert, würdest du aber sämtliche Beiträge zurückbekommen.

    Ich hoffe, die Infos helfen dir weiter!

    Nutze auch unsere Beratungsangebote in deiner Nähe: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​inS
    Wenn du noch Fragen hast, kannst du dich dort persönlich beraten lassen oder dich auch gerne wieder an uns wenden.

    Beste Grüße
    Andrea
    [ˈjuːnjən]

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    S@W: 02.12.2019 16:53:15


  • RE: Studentenstatus gefährdet? Rentenversicherungsprüfer untersagt Firma Ummeldung zum Werkstudenten

    Hallo und vielen Dank für die ausführliche und zeitnahe Antwort.
    Zu allererst:
    Ihr leistet hier eine super Arbeit und bietet uns die sehr ausführlichen Informationen zudem noch kostenlos an. Dafur5ein ganz großes Lob.

    Zu meinem Sachverhalt:
    Nirgends sonst im Netz habe ich soviele Feinheiten und spezielle Informationen, meinen Fall betreffend, finden können. Ihr habt mir sehr geholfen und auch damit, dass seitens des DRV anscheinend doch, entgegen meiner Vermutung, alles im Ermessensrahmen liegt.

    Ich konnte dank der Informationen meinen Fokus daher auf andere Sachverhalte lenken, die mir halfen meine r Situation zielgerichteter zu klären.

    Beste Grüße und tausend Dank.
    Gore

    Gore: 03.12.2019 15:37:38


  • RE: Studentenstatus gefährdet? Rentenversicherungsprüfer untersagt Firma Ummeldung zum Werkstudenten

    Hallo Gore,

    danke für das Lob!
    Dafür sind wir da :-)

    Beste Grüße
    Andrea

    S@W: 03.12.2019 17:09:32


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