Deutscher Gewerkschaftsbund

Studium, Nebenjob und Projektarbeit

Liebes Team von S@W,

Ich habe ein relativ komplexes Problem, bei dem mir bisher keine Stelle so richtig weiterhelfen konnte. Ich studiere im neunten Semester und werde bis nächsten Sommer meine Bachelorarbeit abgeben. Nebenbei arbeite ich auf 450€-Basis als Kellnerin.

Meine Familiensituation ist recht schwierig: meine Mutter hat nicht genug Geld, um mich finanziell zu unterstützten. Mein Vater und ich haben keinen Kontakt und er sträubt sich dagegen, mir auch nur einen Cent mehr Unterhalt zu zahlen, als nötig. Das Studentenwerk hat mir während des gesamten Studiums kein BAfÖG gezahlt, weil mir von meinem Vater deutlich mehr Unterhalt im Monat zustehen würden, ich diesen Umstand vor Gericht aber nicht ohne Risiko durchsetzen kann. Aus diesem Grund bin ich dazu "gezwungen", nur auf 450€-Basis arbeiten zu können, da bei einer Anstellung als Werkstudentin der Krankenversicherungsbeitrag dazu kommt und mein Vater keinen Unterhalt mehr zahlen müsste. Demnach würde ich mehr arbeiten und weniger Geld ausgezahlt bekommen. Ich bin aber leider auf jeden Cent angewiesen, insbesondere auf das Trinkgeld, das ich als Kellnerin verdiene.

Nun habe ich im Sommer ein spannendes Praktikum im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft gemacht und darüber viele Menschen kennengelernt, die mir Angebote für Projekte gemacht haben, in denen ich mitarbeiten könnte. Der Umfang ist ganz unterschiedlich. Akutell führe ich für eine selbstständige Kreativschaffende probeweise die Social Media Präsenz und sie könnte sich gut vorstellen, fest mit mir zu arbeiten. Nun habe ich das Problem, dass ich mich für diese Arbeit nicht bezahlen lassen kann, weil ich nicht mehr als 450€ im Monat verdienen darf und meine Chefin mir nicht gestattet, weniger bei ihr zu verdienen und dafür 10-15 Stunden im Monat in dem Projekt zu arbeiten.

Ich würde so gerne eine Lösung für das Problem finden, weil sich durch die Projektangebote super gute Chancen bieten, die mich auf meinem Weg deutlich weiter bringen, als ein Job als Kellnerin. Gleichzeitig kann ich meine bisherige Beschäftigung nicht aufgeben, weil ich auf das Geld angewiesen bin. Ich habe bereits darüber nachgedacht, mich neben dem Studium selbstständig zu machen und darüber die Projektarbeiten annehmen zu können, aber leider kann mir dabei niemand wirklich weiterhelfen und ich finde nirgendwo verlässliche Informationen. So ist mir das Risiko zu groß und ich weiß überhaupt nicht, worauf ich mich einlassen würde.

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir bei meinem Problem weiterhelfen könntet!

Herzliche Grüße

T. S.: 29.11.2019 16:11:28 |
Tags:
  • RE: Studium, Nebenjob und Projektarbeit

    Hallo T.,

    vielen Dank für deine Anfrage.

    Das ist wirklich eine relativ komplexes Problemlage und ich bin mir gerade nicht sicher, ob das tatsächliche eine Fragestellung für ein Onlineberatungsforum ist. Zumal ich anhand deiner Angaben etliche Fehlinformationen sehe, die dir scheinbar im Laufe der Zeit gegeben wurden (insb. zu BAföG, Unterhalt und eigenem Einkommen). Aber ich versuche es mal.
    Für BAföG ist es jetzt allerdings im 9. Semester sowieso zu spät, daher lasse ich das jetzt raus.

    Fangen wir mal bei der Familienversicherung an:
    Die Einkommensgrenze in der gesetzlichen Familienversicherung beträgt aktuell 445€/Monat (das entspricht ca. 528€/Monat brutto bei abhängiger beschäftigung, da die anteilige Werbungskostenpauschale noch berücksichtigt wird) ODER 450€/Minijob. Ab 2020 steigt die Einkommensgrenze auf 455€/Monat, was brutto ca. 538€/Monat entspricht. Du kannst als Werkstudentin also ab Januar bis zu 538€/Monat brutto verdienen, ohne dass die kostenlose Mitversicherung in der gesetzlichen Familienversicherung entfällt. Erst wenn du mehr verdienst, musst du dich selbst studentisch kranken- und pflegeversichern (um die 100€/Monat). https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​XQz
    Einkünfte aus selbstständiger Tätigkeit zählen ebenfalls mit hinein. Hier ist dein Gewinn (Einnahmen minus Betriebsausgaben) relevant und es zählt die Einkommensgrenze von 445€ bzw. 455€/Monat (ohne Werbungskostenpauschale).
    Nicht zum für die Familienversicherung relevanten Einkommen gehört dein Kindergeld, Einkünfte die unter die Übungsleiter_innenpauschale fallen (bis zu 2400€/Jahr bzw. 200€/Monat) sowie Einkommen aus kurzfristiger Beschäftigung (ohne Begrenzung nach oben).

    Kurzfristige Beschäftigung ist eine weitere Form der geringfügigen Beschäftigung und liegt vor, wenn der Job von vornheirein auf maximal 3 Monate oder 70 Arbeitstage (in höchstens 26 Wochen im Jahr) befristet ist. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​XhU
    Das wäre also schon mal eine Möglichkeit, wie dich die potentielle Arbeitgeberin anstellen könnte, ohne dass das Einfluss auf deine Familienversicherung hätte. Einkommen aus kurzfristiger Beschäftigung ist außerdem sowohl für dich als auch die Arbeitgeber_innenseite sozialversicherungsfrei.

    Die sogenannte Übungsleiter_innenpauschale greift dann, wenn es sich um Einnahmen aus (neben anderen) "nebenberuflichen künstlerischen Tätigkeiten" für bestimmte Träger (z.B. gemeinützige Vereine, aber auch die Hochschule und andere Anstalten öffentlichen Rechts) handelt. Schau mal hier unter Nr. 26: https:/​/​www.gesetze-im-internet.de/​estg/​__3.html
    Die selbstständige Kreativschaffende als potentielle Arbeitgeberin fällt da zwar nicht drunter, aber vielleicht hilft dir die Info dennoch weiter, weil eins der anderen Angebote da hineinfallen könnte! https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xgd

    Beim Thema Selbstständigkeit kommt es sehr darauf an, in welchem Bereich du mit welcher Tätigkeit in welchem Umfang und mit welcher Einkommenshöhe tätig bist.
    Grundsätzlich musst du dich als Selbstständige selbst beim Finanzamt https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xgy und der Sozialversicherung https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xgw anmelden und bist auch für das Abführen von Steuern und SV-Beiträgen selbst verantwortlich (Stichwort Steuererklärung).
    Außerdem gelten für Selbstständige die üblichen Arbeitnehmer_innenrechte wie Kündigungsschutz, Anspruch auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall oder bezahlten Urlaub nicht gelten. Auch für deine soziale Absicherung (z.B. bei Auftragsflaute) bist du dann selbst verantwortlich. Und du musst dich um deinen Papierkram kümmern, wie Rechnungen sammeln, Ausgaben dokumentieren, ggf. vor- und nachbereiten etc. (auch das ist Arbeitszeit, die du berücksichtigen solltest!). Deshalb empfehlen wir, bei Honorarverhandlungen für selbstständige Tätigkeiten mind. das Doppelte dessen zu veranschlagen, was du in einer vergleichbaren Angestelltentätigkeit für einen angemessenen Stundenlohn hältst.
    Ausführlicheres zum Thema Selbstständigkeit findest du hier: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xgf sowie in unserer Broschüre „Selbstständigkeit und Studium“ https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​p6n

    Auch das Thema Unterhalt ist sehr komplex, da vieles auf Rechtsprechung basiert und gesetzlich nur sehr wenige Eckpunkte festgelegt sind. So kann eigenes Einkommen zwar den Unterhaltsanspruch mindern (das kann übrigens auch bei einem Minijob schon der Fall sein), muss aber nicht. Da zählt im Zweifel immer der Einzelfall.
    Für die Frage der Einkommensanrechnung auf deinen Unterhalt ist es aber nicht relevant, ob du als Minijobberin oder als Werkstudentin arbeitest. Vielmehr kommt es darauf an, was dir zusteht/dein Vater zahlen könnte, ob er seiner (voll) Verpflichtung nachkommt, in welchem Umfang du arbeitest, ob das dein Studium beeinträchtigt etc.
    Hier solltest du dich im Zweifel anwaltlich (Zivil-/Familienrecht) beraten lassen.
    Du kannst bei euch an der Uni/FH mal schauen, ob es eine kostenlose Rechtsberatung für Studierende, z.B. über den AStA gibt und dich dort erstberaten lassen.
    Gibt es das nicht, kannst du dich ggf. über Beratungshilfe bei eine_r/m Anwält_in deiner Wahl beraten lassen und, wenn nötig, Prozesskostenhilfe beantragen. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​i0H

    Und noch ein Tip: Wenn du dir beim BAföG-Amt einen Ablehnungsbescheid holst (das sollte im 9. FS kein problem sein), kannst du eventuell noch zusätzlich Wohngeld beantragen. Die Ablehnung vom BAföG-Amt ist aber Voraussetzung dafür - hier reicht also ein sich auf Null belaufender (aber eigentlich positiv beschiedener) BAföG-Bescheid nicht. Der Unterhalt, den du erhältst, zählt dort allerdings als Einkommen, da müsstest du mal schauen, ob dein Einkommen gering genug ist. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​XVC

    Die Aufnahme einer weiteren Beschäftigung kann/darf dir deine Minijobarbeitgeberin übrigens nicht verbieten, einen weiteren Job kannst du einfach aufnehmen, du musst ihr nur dessen Aufnahme (sowie alles weitere für deine Anmeldung relevante) mitteilen.
    Was du sonst noch beachten solltest, wenn du mehrere Jobs kombinierst, kannst du hier nachlesen: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​XhB

    Viel Erfolg!
    Wenn du noch Fragen hast, kannst du dich gerne wieder an uns wenden.

    Beste Grüße
    Andrea
    [ˈjuːnjən]

    Dies ist ein Service deiner Gewerkschaft, bitte empfiehl uns weiter und tritt unserer Facebookgruppe bei: https:/​/​www.facebook.com/​groups/​DeinNetzwerkfuersStudium/​

    Solidarität geht immer! Mitglied werden: https:/​/​jugend.dgb.de/​dgb_jugend/​ueber-uns/​mitglied-werden

    S@W: 02.12.2019 14:14:40


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