Deutscher Gewerkschaftsbund

Kleingewerbe + Minijob

Hallo,
meine Situation ist die folgende: ich bin Masterstudentin, habe BAföG + den KfW Kredit schon voll ausgeschöpft. Momentan habe ich einen Minijob und erhalte eine kleine Aufstockung vom Jobcenter, welches auch meine Krankenkasse übernimmt (~180€ weil ich 30 bin). Ich habe jetzt einen Job in Aussicht, der zeitlich begrenzt von Juni bis Anfang September geht (Feldarbeit für ein Gutachterbüro). Für diesen müsste ich allerdings ein Kleingewerbe anmelden und meine Stunden per Rechnung abrechnen. Ich frage mich nun, ob das finanziell Sinn macht oder ob dann am Ende kaum was übrig bleiben würde wegen der Abgaben (Steuern usw)? Das Einkommen wäre auch nicht jeden Monat gleich hoch, je nachdem wie viele Projekte ich eben Lust habe mitzumachen. Den ersten Monat würde ich 10€ pro Stunde verdienen, danach dann 17,50€. Der Arbeitgeber meinte zu mir, dass ich bis 16.000€ im Jahr im Kleingewerbe keine Abgaben bezahlen bräuchte.

Zusammenfassend möchte ich also fragen: Ist es
kompliziert als Studentin mit Minijob zusätzlich noch ein Kleingewerbe zu haben? Macht das finanziell usw. überhaupt Sinn oder würdet ihr eher davon abraten? Wie hoch wären die Abgaben?

Vielen lieben Dank schon mal,
Tina

Tina A.: 25.03.2019 12:13:06 |
Tags:
  • RE: Kleingewerbe + Minijob

    Hallo Tina,

    vielen Dank für deine Anfrage.

    Das ist ja ganz schön komplex. Ein höheres Einkommen hat nämlich in den unterschiedlichen Bereichen Steuern, Sozialversicherung und Alg II unterschiedliche Auswirkungen.

    Aber erstmal ein paar grundlegende Fakten zum Thema Selbstständigkeit:
    Wenn du selbstständig tätig bist, bist du quasi deine eigene Chefin und dementsprechend auch selbst für deine korrekte Anmeldung beim Finanzamt und der Sozialversicherung zuständig. Auch für das Abführen von Steuern und SV-Beiträgen bist du dann selbst verantwortlich (Stichwort Steuererklärung), wenn welche anfallen. Dazu brauchst du eine Gewerbeanmeldung beim Ordnungsamt.

    Steuer: Der Steuergrundfreibetrag beträgt 9168€/Jahr. Wenn du mehr verdienst, wird Einkommenssteuer fällig – und zwar auf den Betrag, der deinen Freibetrag (plus ggf. Vorsorgeaufwendungen, weitere Freibeträge, Sonderausgaben oder höhere Werbungskosten) übersteigt. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​inb
    Bei selbstständiger Tätigkeit ist dein Gewinn (Einnahmen minus Betriebsausgaben) relevant. Ob dein Minijob mit hineinzählt, hängt davon ab, ob er über deine Steuer-ID abgerechnet wird (dann ja) oder ob er pauschal versteuert wird (dann nein). https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xge
    Dazu kommt ggf. noch die Umsatzsteuer. Machst du bei deiner Anmeldung beim Finanzamt von der sogenannten Kleinunternehmer_innenregel gebrauch, musst du in deinen Rechnungen keine Umsatzsteuer ausweisen und bis zu einem Umsatz von 17.500€/Jahr auch keine Umsatzsteuer zahlen (das meinte vermutlich dein zukünftiger Auftraggeber - das gilt aber nur für die Umsatz-, nicht für die Einkommenssteuer). https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xgy

    Sozialversicherung:
    Solange du im Alg II-Bezug bist, läuft deine KV auch darüber.
    Entfällt dein Alg II, weil dein Einkommen deinen Bedarf übersteigt und wirst du als nebenberuflich selbstständig eingestuft wirst, kannst du dich als Studentin freiwillig versichern. Allerdings ist der KV-Beitrag einkommensabhängig. Das zugrundegelegte Mindesteinkommen, auf dessen Basis dein Beoitrag berechnet wird, beträgt etwas über 1000€/Monat. Verdienst du insgesamt mehr, steigt auch deine Beitragshöhe. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​XQz
    Wirst du als hauptberuflich selbstständig eingestuft, musst du dich als Selbstständige krankenversichern.
    Außerdem sind manche selbstständige Tätigkeiten rentenversicherungspflichtig. Dann fallen 18,6% Rentenversicherung auf deinen Gewinn an. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xgw

    Beachte auch, dass für Selbstständige die üblichen Arbeitnehmer_innenrechte wie Kündigungsschutz, Anspruch auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall oder bezahlten Urlaub nicht gelten. Auch für deine soziale Absicherung (z.B. bei Auftragsflaute) bist du dann selbst verantwortlich. Und du musst dich um deinen Papierkram kümmern, wie Rechnungen sammeln, Ausgaben dokumentieren, ggf. vor- und nachbereiten etc. (auch das ist Arbeitszeit, die du berücksichtigen solltest!). Deshalb empfehlen wir, bei Honorarverhandlungen für selbstständige Tätigkeiten mind. das 2,5-fache dessen zu veranschlagen, was du in einer vergleichbaren Angestelltentätigkeit für einen angemessenen Stundenlohn hältst.
    Ob sonst noch eventuell versteckte Kosten auf dich zukommen können, hängt von der genauen Art deiner Tätigkeit ab. Ggf. brauchst du eine Berufshaftpflicht oder musst Mitglied einer Kammer werden.

    Ausführlicheres zum Thema Selbstständigkeit findest du hier: https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​Xgf sowie in unserer Broschüre „Selbstständigkeit und Studium“ https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​p6n

    Nun zu Alg II: Von allem, was du verdienst (Minijob plus Gewinn aus selbstständiger Tätigkeit) werden 100€ Erwebstätigfreibetrag abgezogen, vom Rest (bis insg. 1000€ Einkommenshöhe) nochmal 20% - der Rest wird auf deinen Leistungsanspruch angerechnet. Dieser wird sich also durch höheres Einkommen minimieren oder eventuell auch ganz entfallen (dann musst du auch die KV-Kosten wieder selbst bezahlen). https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​XVS
    Außerdem bekommst du als Selbstständige Alg II grundsätzlich nur unter Vorbehalt gewährt. Hintergrund: du weißt bei Selbstständigkeit vorher nie genau, was du verdienen wirst, und gibst dem Jobcenter daher eine Schätzung ab. Auf dieser Basisi wird dir dann Alg II unter Vorbehalt gewährt. Nach einem bestimmten Zeitraum (in der Regel 6 Monate) wird dann geguckt, was du tatsächlich verdient hast und entsprechend gegengerechnet. Hast du zu viel Alg II bekommen, musst du die Überzahlung zurückzahlen, hast du zu wenig bekommen, bekommst du eine Nachzahlung. Beachte, dass das auch zusätzlicher Aufwand ist, den du mit der Aufnahme eines Kleingewerbes hast. Aber vielleicht kommst du damit auch komplett vom Jobcenter weg. Was sich wie für dich lohnt, musst du dir selbst ausrechnen und dann entscheiden.

    Noch ein Tipp: Um dir den ganzen Stress zu ersparen, kannst du auch fragen, ob die dich in dem Gutachterbüro anstellen können. Arbeitest du dort sicher nur von Juni bis August, käme ggf. eine Anmeldung als kurzfristig Beschäftigte infrage (falls das mit deinem Alg II-Bezug kompatibel ist, da bin ich mir gerade unsicher, da kurzfristige Beschäftigung für Arbeitslose nicht geht, für Studnet_innen aber schon). Auf dein Gehalt daraus fielen dann keine Sozialversicherungsbeiträge an - weder für dich noch die Arbeitgeber_innenseite. https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​XhU
    Steuerpflicht und Abzüge bei Alg II blieben aber wie oben beschrieben. Sollte es möglich sein, wäre es aber deutlich unkomplizierter als als Selbstständige.

    Wenn du noch Fragen hast, kannst du dich persönlich in einem unserer Büros in deiner Nähe beraten lassen https:/​/​jugend.dgb.de/​-/​X2y oder dich auch gerne wieder an uns wenden.

    Beste Grüße
    Andrea
    students at work

    Dies ist ein Service deiner Gewerkschaft, bitte empfiehl uns weiter und like uns auf Facebook! https:/​/​www.facebook.com/​dgb.studentsatwork

    S@W: 15.04.2019 17:21:07


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