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Studentische Aushilfe auf Abruf zu Corona-Zeiten

Hallo,

da ich nicht weiß, wo ich mich sonst melden soll und ich in diesem Forum schon viele hilfreiche Beiträge gelesen habe, möchte ich mich mit meinem Anliegen an euch wenden.

Ich bin seit nunmehr 7 Jahren in demselben Unternehmen beschäftigt. Angestellt als studentische Aushilfe mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 20 Stunden. 

Im derzeitigen Lockdown hat man mir und einer weiteren Aushilfe versichert, die Möglichkeit zu haben, arbeiten zu können. Demnach wurden wir nicht unbezahlt freigestellt (dies war beim 1. Lockdown im Frühjahr letzten Jahres der Fall), sondern befinden uns sozusagen "auf Abruf", d. h. unser Chef hat uns mitgeteilt, uns anzurufen, wenn wir gebraucht werden. Nun ist dies aber ganz und gar nicht transparent - d. h. eine Woche konnte ich 17 Stunden arbeiten, letzte Woche z. B. nur 7 Stunden. Angerufen wurde ich teilweise 1-2 Tage im Voraus, manchmal auch am selben Tag, dass ich arbeiten soll.

Da ich meine Zeit so überhaupt nicht einteilen kann, weil ich nie weiß, wann/ ob ich arbeite, frage ich mich, ob das überhaupt so rechtens ist bzw. ob ich nicht Anspruch darauf habe, frühzeitig zu erfahren, wann ich arbeiten soll?! 

Abgesehen davon rechne ich damit, ab jetzt (nach dem Weihnachtsgeschäft, wo noch mehr zu tun war) nicht mehr so häufig arbeiten zu können, da mein Chef dies bereits mitgeteilt bzw. erwähnt hat, dass wir voraussichtlich für jeweils 1 Tag pro Woche (d. h. 7 Stunden) arbeiten kommen sollen. 

Wenn ich normalerweise aber 20 Stunden pro Woche arbeite (und dies auch vertraglich festgehalten ist) und ich jetzt nur 7 Stunden arbeiten darf - dann habe ich deutliche Gehaltseinbußen und weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich dann meinen Lebensunterhalt bestreiten soll, ohne mir einen weiteren Job zu suchen. Darf mein Arbeitgeber "einfach so" meine Arbeitszeit so drastisch kürzen? Müsste er mir nicht, selbst wenn ich nur 7 Std. arbeite, meinen "normalen" Lohn weiterzahlen? 

Abschließend noch einige Informationen, falls diese relevant sein sollten:

Einen Betriebs-/ Personalrat gibt es in unserem Betrieb nicht. 

Im Betrieb sind derzeit ca. 10 Beschäftigte im "Notfallteam", also vor Ort und arbeiten. Diese bekommen 10 % mehr Gehalt als normalerweise. Alle anderen Angestellten befinden sich in Kurzarbeit und sind zuhause. 

Nur meine (ebenfalls studentische Aushilfe) Kollegin und ich befinden uns "auf Abruf" und wir werden weiterhin nach unseren Stunden bezahlt, die wir vor Ort arbeiten. 

Freundliche Grüße und vielen Dank im Voraus für die Hilfe!

Masterstudentin28: 11.01.2021 |
  • RE: Studentische Aushilfe auf Abruf zu Corona-Zeiten

    Hallo,

    vielen Dank für deine Anfrage.

    Erstmal müsste geschaut werden, ob dein aktuelles Arbeitsverhältnis tatsächlich ein Arbeitsverhältnis auf Abruf ist oder ob du vertraglich eigentlich eine feste Stundenzahl hast. Da kommt es darauf an, wie dein Vertrag formuliert ist. Ob und wenn ja, wie nebenvertragliche Absprachen getroffen wurden. Sind sie rechtsgültig? Liegt eventuell sogar eine Änderungskündigung vor? Gibt es schrifliche Vereinbarungen über die Änderungen oder nur mündliche? Was kann ggf. wie belegt werden?

    Sollte echte Arbeit auf Abruf vorliegen, hast du einen Anspruch auf eine Vorankündigungsfrist von 4 Tagen im Voraus. Kurzfristigere Abrufe kannst du ablehnen - ohne dass dir daraus Nachteile entstehen. Wirst du allerdings kurzfristiger als vier Tage zuvor abgerufen und sagst zu (was du ja nicht müsstest), bist du an diese Zusage gebunden. Das gilt aber nicht nur für dich, sondern für beide Seiten: Wirst du rechtzeitig abgerufen und fällt deinem Arbeitgeber kurz vor oder gar während deinem Einsatz ein, dass er dich doch nicht oder nur kürzer als angesagt braucht, musst du für den kompletten geplanten Einsatz bezahlt werden.

    Außerdem muss bei Arbeit auf Abruf eine wöchentliche Mindestarbeitszeit vereinbart sein, die auch bezahlt werden muss, wenn du nicht abgerufen wirst. Von dieser kann dann auch nicht beliebig abgewichen werden - maximal 25% darüber und 20% darunter sind erlaubt. Freiwllig kannst du auch darüber hinaus arbeiten, dein Arbeitgeber hat jedoch keinen Anspruch, dass du mehr als 25% oberhalb der wöchentlichen Mindestarbeitszeit arbeitest.
    Ist keine wöchentliche Mindestarbeitszeit vereinbart, gibt es die gesetzliche Auffangregel von 20h/Woche. Diese greift aber nur für den Fall, dass deine tatsächliche Arbeitszeit nicht ermittelt werden kann. Arbeitest du regelmäßig im Schnitt 15 Stunden in der Woche und kann das plausibel belegt werden, gilt die tatsächliche Arbeitszeit.

    Sollte kein Arbeitsverhältnis auf Abruf vorliegen, musst du wie vertraglich vereinbart bezahlt werden. Das bedeutet, du hättest einen Anspruch auf die Vergütung der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit - und zwar unabhängig davon, wie viele Stunden du tatsächlich eingesetzt wirst.
    Denn genauso wie die Arbeitgeber_innen auch nicht einfach aufhören können andere Betriebskosten (Miete, Versicherungen o.ä.) zu zahlen, können sie auch nicht einfach ihren Beschäftigten weniger oder sogar gar nichts bezahlen.
    Generell trägt das betriebliche Risiko der_die Arbeitgeber_in, nicht die Arbeitnehmer_innen. Das heißt, solange Arbeitnehmer_innen prinzipiell ihre Arbeitskraft anbieten, haben sie ein Recht auf Beschäftigung und Bezahlung.

    Wenn dein Arbeitgeber deine Arbeitskraft nicht annimmt, so gerät er in Annahmeverzug und ist weiterhin verpflichtet, Lohn zu zahlen (Entgeltfortzahlung nach §615 BGB). Auch eine Anordnung von Urlaub oder die Anweisung, Minusstunden aufzubauen geht nicht ohne weiteres.

    Was jedoch unter Umständen möglich ist, ist auch dich in Kurzarbeit zu schicken, also unbezahlt freizustellen. Als Werkstudentin hast du allerdings keinen Anspruch auf Kurzarbeitsgeld - und gingst somit leer aus.
    Deshalb solltest du dich sehr genau über deine Möglichkeiten und eventuelle Konsequenzen informieren. Das geht am besten bei einer anwaltlichen Beratung. Dort können dein Arbeitsvertrag und eventuelle Nebenabsprachen im Einzelfall geprüft werden. Je nachdem, was dann tatsächlich gilt, müsstest du abwägen, wie du mit der Situation umgehen willst. Auch wenn wir hier am liebsten immer alle Leute ermutigen wollen, für ihre Rechte einzustehen, kann das im Einzelfall auch nachteilige Konsequenzen haben, z.B., dass dein Arbeitgeber versucht, dich perspektivisch unbezahlt freizustellen, wenn du deinen vollen Lohn unabhängig von deiner tatsächlichen Arbeitszeit einforderst. Erstmal müsste er dann wahrscheinlich zahlen, auf Dauer kämst du aber nicht unbedingt besser weg.

    Deshalb kann ich dir nur raten, dich anwaltlich beraten zu lassen. Als Gewerkschaftsmitglied hättest du sofort ab Eintritt Anspruch auf kostenlose Rechtsberatung über deine Mitgliedsgewerkschaft. Der gewerkschaftliche Rechtsschutz (Vertretung deiner Anliegen vor Gericht) greift allerdings nur, wenn du schon vorher Mitglied warst. Auch kannst du bei euch an der Hochschule mal schauen, ob es eine kostenlose (Arbeits-)Rechtsberatung für Studierende, z.B. über den AStA gibt und dich dort erstberaten lassen.
    Gibt es das nicht und möchtest du auch kein Gewerkschaftsmitglied werden, kannst du dich ggf. über Beratungshilfe bei eine_r/m Anwält_in deiner Wahl beraten lassen.

    Schau dir auch mal unsere Corona-FAQs für Studierende an und bevor alle Stricke reißen besonders den Teil zu Sozialleistungen.

    Nutze auch unser Beratungsangebot. Wenn du noch Fragen hast, kannst du dich dort direkt beraten bzw. an kompetente Stellen vor Ort weiterverweisen lassen oder dich auch gerne wieder an uns wenden.

    Beste Grüße
    Andrea
    DGB-Jugend Studierendenberatung

    Dies ist ein Service deiner Gewerkschaft, bitte empfiehl uns weiter und like uns auf Facebook!
    Übrigens: Solidarität geht immer! Mitglied werden

    dgb-jugend: 12.01.2021


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