Deutscher Gewerkschaftsbund

Studium digitale

Vor Kurzem konnte man in der Zeitung lesen: "Roboter zerdrückt Menschen". Auch wenn dieser dramatische Fall nicht exemplarisch für den Einsatz neuer Technologien steht, ist klar, dass es eine solche Schlagzeile vor 15 Jahren noch nicht gab und auch dass die Digitalisierung offensichtlich nicht nur positive Effekte hat.

Neue Technologien ziehen sich durch alle Lebensbereiche, bringen Erleichterungen und Flexibilität, eine neue Unübersichtlichkeit, vielleicht auch Überforderung mit sich. Nicht immer ist klar, ist das neue Tablet eine Arbeitserleichterung oder führt es vor allem zu einer Entgrenzung von Arbeit. Zum studentischen Alltag gehören neue Technologien wie selbstverständlich dazu. Wir haben uns drei Aspekte des digitalen Vormarsches angeschaut, der Studierende unmittelbar betrifft und eine erste Einschätzung aus DGB-Jugend-Sicht vorgenommen.

Junge am Laptop

© DBJR

"Dass die Digitalisierung nicht zuletzt die Bildung verändert, ist unbestritten": Die neuen Arbeitsverhältnisse bringen neue Herausforderungen.


Lernen – analog versus digital

Den Overheadprojektor kennen die meisten Studierenden höchstens noch aus vergangenen Schulzeiten. Heutzutage unterstützen Beamer und Smartboard die Lehre in den Räumen der Hochschulen. Und längst gibt es Angebote, die auch diese Räume in die digitale Welt verlegen wollen. Massive Open Online Courses (MOOCs) bieten von der digitalen Organisation der Lerngruppe bis zur virtuellen Vorlesung so viele Angebote, dass sie auf jeden Fall für reichliche Debatten gesorgt haben.

Die Initiator_innen erhofften sich den überall verfügbaren und kostenfreien Zugang zu Bildung. Ohne bürokratische Hürden und vor allem ohne Geld in der Tasche sollte der bisher privilegierte Zugang zu höherer Bildung endlich allen mit wenigen Klicks zur Verfügung stehen. Und in der Tat sind unzählige rein digitale Angebote aus dem Boden gesprossen und Lernplattformen ergänzen vielfach die Präsenzlehre an den klassischen Hochschulen. Es gibt Dozierende, die ihre Vorlesungen aufzeichnen und somit den Präsenzzwang lockern. Es gibt auch kostenlose und für alle offene Plattformen, die Bildungsangebote weltweit zur Verfügung stellen.

Doch die anfänglichen Hoffnungen wurden mittlerweile auch von der Realität eingeholt. Neben den kostenlosen Plattformen gesellten sich zahlreiche Anbieter_innen kostenpflichtiger Kurse. Wenn nicht gleich zur Kasse gebeten wird, kostet oftmals der für den Lernerfolg notwendige Support durch Lehrende oder aber die Abschlussprüfung Geld. Dazu kommen Abbruchraten von rund 90 Prozent und Klagen über die mangelnde Qualität der Kurse.

Ohne bürokratische Hürden und vor allem ohne Geld in der Tasche sollte der bisher privilegierte Zugang zu höherer Bildung endlich allen mit wenigen Klicks zur Verfügung stehen.

Auch die Lehrenden zeichnen kein durchweg positives Bild von der digitalisierten Bildung. Der Dachverband der Bildungsgewerkschaften, die Bildungsinternationale, debattierte auf seiner Welthochschulkonferenz Ende 2014 auch über MOOCs. Neben der breiten Öffnung von Bildungsangeboten standen bei den Bildungsexpert_innen auch die Schattenseiten im Fokus. So wurde darauf hingewiesen, dass auch die unbedingte Voraussetzung digitaler Angebote – ein Computer – alles andere als voraussetzungslos ist. Längst nicht alle verfügen über die entsprechende Hardware oder beherrschen den Umgang damit. Anstelle der erhofften Öffnung kann Bildung sich so weiter verschließen. Alte Mechanismen der Ausgrenzung zwischen Alt und Jung, zwischen Reich und Arm könnten sich hier verstärken statt endlich zu verschwinden. Ein weiteres Problem des Ausbaus digitaler Lernformen sind die ungeklärten Datenschutzaspekte. Ob und wie lange Studierende online lernen, sie der aufgezeichneten Vorlesung lauschen oder wie schnell sie die Übungsaufgabe gelöst haben, all das lässt sich theoretisch digital erfassen. Darum muss sichergestellt werden, dass die Daten nicht in die Leistungsbewertung einfließen oder anderwärtig weitergenutzt werden.

Die digitalen Angebote dürfen nicht zu einem Ersatz für die klassischen öffentlichen Angebote werden. Die Gefahr ist groß, denn während es mehr und mehr private Bildungsanbieter im digitalen Bildungsmarkt gibt, fehlen in der öffentlichen Bildung die Gelder. Lernen ist aber nicht nur Inhalt, sondern auch Auseinandersetzung, Dialog und kollektive Erfahrung. Ohne Menschen, ohne Gegenüber sinkt auch die Qualität in der Bildung.


Gute Bildung, gibt es nur mit guten Arbeitsbedingungen, ob analog oder digital. Dass die Digitalisierung nicht zuletzt die Bildung verändert, ist unbestritten. Wohin die Entwicklung gehen wird, ist nicht abzusehen. Für uns steht aber fest: Bildung muss für alle weltweit zugänglich sein, unabhängig vom Umfang des Geldbeutels oder von individuellen Fähigkeiten. MOOCs und Co können dabei eine sinnvolle Ergänzung darstellen, vor allem, wenn sie kostenfrei sind. Sie dürfen aber keine (weiteren) Sparmaßnahmen an der öffentlichen Bildung rechtfertigen und nicht zu Lasten der Angestellten und der Studienqualität gehen.

Den Bericht der Welthochschulkonferenz mit der Debatte um MOOCs aus Sicht der Bildungsgewerkschaft GEW findet sich hier. Weitere spannenden Stimmen finden sich in der Studierendenzeitung read.me der GEW in der Ausgabe 2/2014 mit einem Schwerpunkt zur Bildung im digitalen Zeitalter.

Nebenjobs im digitalen Zeitalter

Über die Hälfte aller Studierenden jobbt neben dem Studium. Dort machen sie bereits mit der sich schnell verändernde Arbeitswelt Erfahrungen. Antriebsmotor hinter diesem rasenden Wandel ist die Digitalisierung, die sich schon den Titel der „vierten industriellen Revolution“ gesichert hat. Intelligente Fabriken, in der Hosentasche tragbare Büros und weltweite Vernetzung sind nur einige Schlagwörter dieses alles verändernden Trends. Mit dem technischen Wandeln verändert sich zwangsläufig auch die Art zu arbeiten. Denn wenn es die Möglichkeit gibt, überall und jederzeit arbeiten zu können, steigen auch die Risiken, mehr zu arbeiten als einem gut tut und nicht genug Erholungszeiten zu haben. Menschen die außerhalb der Bürozeiten noch schnell an einer Telefonkonferenz teilnehmen oder einen Text in der Cloud korrigieren; Studierende die nachts im Netz surfen, um einen Crowdwork-Auftrag an Land zu ziehen und am besten gleich zu bearbeiten; die Szenarien sind vielfältig.

Gruppe vor PC

© DBJR

"Die Flexibilität von Jobs im digitalen Zeitalter stellt erhöhte Anforderungen": Im Vordergrund muss der Mensch stehen.

Die meisten Arbeitnehmer_innen schätzen die Flexibilität die damit einhergeht. Eine aktuelle Umfrage von TNS Infratest zeigt aber auch, dass 34% der Berufstätigen sich nicht immer gut genug qualifiziert und vorbereitet sehen, um von den neuen Technologien zu profitieren bzw. mit den technischen Entwicklungen Schritt zu halten.

Das heißt für uns, die Flexibilität von Jobs im digitalen Zeitalter stellt erhöhte Anforderungen an Arbeitsorganisation, Zeitmanagement und technische Kompetenz und machen es notwendig Arbeitsschutz, Mitbestimmung und Qualifizierung neu auszurichten. Im Vordergrund muss nach wie vor der Mensch stehen.

Ein aktuell viel diskutiertes Beispiel ist das Crowdworking. Über so genannte Crowdsourcing-Plattformen werden Aufträge vergeben, die dann von den Crowdworker_innen erledigt werden. Die sind meist selbstständig, können also von überall aus arbeiten, ihre Aufträge selbst auswählen und die Zeit selbst einteilen. Für die Auftraggeber_innen bieten sich viele Chancen. Ein nahezu unbegrenzter Zugriff auf Kompetenzen, flexible Kostengestaltung und innovative Lösungen durch die Kreativität der Cloud sind nur einige Vorteile. Auch für die Crowdworker_innen bieten sich neue Arbeitsformen, um beispielsweise Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Zudem kann die Arbeit abwechslungsreich und selbstbestimmt gestaltet werden.

Crowdworker_innen - meist selbstständig, können also von überall aus arbeiten, ihre Aufträge selbst auswählen und die Zeit selbst einteilen.

Auch Studierende nutzen diese Möglichkeit zunehmend. Doch wo gewerkschaftliche Organisationsformen fehlen, leiden oft die Arbeitsbedingungen. Viele Crowdworker_innen sind Solo-Selbstständig und können nicht auf bewährte Mitbestimmungsstrukturen zurückgreifen. Oft sind die Auftragsbeschreibungen unklar oder geleistete Arbeit wird unbegründet abgelehnt. Zumal die Bezahlung der erbrachten Leistungen sehr unterschiedlich ausfällt und man nicht überall von angemessener Bezahlung sprechen kann. Deshalb geht die Gewerkschaft IG-Metall neue Wege und hat extra für die Crowdworker_innen die Plattform FaiCrowdWork geschaffen. Dort können sie ihre Arbeitsplätze, also die Crowdsourcing-Plattformen, bewerten und anderen Kolleg_innen ihre Erfahrungen mitteilen. Zudem gibt es Möglichkeiten zur Vernetzung, Beratung und Beiträge zur Debatte.

Die Plattform findet sich unter www.faircrowdwork.org und viele weitere Beiträge der IG Metall zu diesem Thema finden sich unter www.igmetall.de/industrie-4-0-12783.htm

 

Kompetenzen für die neue Arbeitswelt

Mit der Digitalisierung ändert sich auch die Form der Arbeit. Neue Technologien erfordern nicht nur neue Kompetenzen, sondern auch deren permanente Aktualisierung. Und zwar nicht mehr nur von wenigen Spezialist_innen, sondern von einem Großteil der Berufstätigen. Damit werden Arbeitsplätze für gering qualifizierte weiter abnehmen und die Diskrepanz bei der Qualität der Arbeitsbedingungen und der Entlohnung zwischen "digitalen" und "analogen" Jobs steigen. Es ändert sich auch die Interaktion zwischen Menschen und Maschinen, die zwischenmenschlichen Arbeitsweisen und die Lerninhalte in Ausbildung und Studium. Hier ist ein Umdenken in der Bildung junger Menschen notwendig.

Denn letztendlich sollen alle vom Wandel der Arbeitswelt profitieren können. Das heißt vor allem, dass durch alle Bildungsphasen hinweg Kinder, Jugendliche und Erwachsene angeregt und unterstützt werden ihre Technologiekompetenzen zu entwickeln und auszubauen. Nicht nur sind momentan noch starke Unterschiede in der Technologieorientierung zwischen den Geschlechtern erkennbar, auch die mangelnde Durchlässigkeit zwischen hochschulischer und beruflicher Bildung schreien geradezu nach Veränderung und politischer Intervention.

Eine erste gewerkschaftliche Einschätzung findet sich hier.

Die Möglichkeit über Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg gemeinsam an Projekten zu arbeiten, fordern nicht nur häufiger gute Fremdsprachenkenntnisse; statt starrer Hierarchien wirken sich hier auch Kreativität, Dialog und Kooperation positiv aufs Ergebnis aus.

Die technologischen Veränderungen haben außerdem einen starken Einfluss auf die Arbeitsweise. Die Möglichkeit über Ländergrenzen und Zeitzonen hinweg gemeinsam an Projekten zu arbeiten, fordern nicht nur häufiger gute Fremdsprachenkenntnisse; statt starrer Hierarchien wirken sich hier auch Kreativität, Dialog und Kooperation positiv aufs Ergebnis aus. Viele Ideen entstehen überhaupt erst gemeinsam. Die zunehmende Verdichtung im Studium lässt aber zum Beispiel gerade für das Ausprobieren und Lernen solcher Techniken nicht genug Raum. Wir finden, Studienordnungen und Ausbildungsplänen berücksichtigen überfachliche Qualifikationen noch viel zu wenig und müssen dahingehend weiterentwickelt werden. Chancengleichheit in und durch Bildung heißt in einer zunehmend digitalisierten Arbeitswelt auch, alle notwendigen Kompetenzbereich in der Berufsaus- und weiterbildung abzudecken.

Mehr dazu im Interview der IG-Metall mit Bernhard Badura.