Deutscher Gewerkschaftsbund

Brasilien und die Fußball-WM - Ein Beitrag von Tanja Trost

Vor einem Jahr gingen die Menschen in Brasilien für ein besseres Leben und gegen die bestehende Politik auf die Straßen. Zwischen dem 12. Juni und 13. Juli findet nun die Fußballweltmeisterschaft der Männer statt. Im Oktober sind zudem Präsidentschaftswahlen. In den kommenden Wochen wird sich nicht nur entscheiden, welche Mannschaft den Pokal holt, sondern auch, wer das Land in den kommenden vier Jahren leiten wird.

Tanja Trost, junge Frau

© Privat

Proteste, Streiks, Demonstrationen: Was derzeit in den Medien über Brasilien berichtet wird, passt nicht zur üblichen "Sommer-Samba-Copacabana"-Berichterstattung. "Não vai ter Copa" (Es wird keine WM geben) skandieren viele Menschen auf den Straßen, was Fußballfans weltweit zittern lässt. Denn während sich Deutschland mit Fahnen, Bierangeboten und neuen Flatscreens schmückt und jeden Schritt der Nationalmannschaft analysiert, kommt die Fußballbegeisterung in Brasilien nur schleppend in Gang. Viel zu deutllich wurden die Probleme Brasiliens durch die Proteste des vergangenen Sommers: Fehlende Infrastruktur, ein ungerechtes Bildungs- und Gesundheitssystem sowie die hohe Korruption. Und auch, wenn von den Protesten augenscheinlich meist nur die radikalisierten Jugendbanden der Black Blocs übrigblieben, wurde in der breiten Bevölkerung ein Denkprozess eingeleitet, den Brasilien mehr als dringend benötigt.

Machtkämpfe in Politik und Medien
Die politische Bewertung der WM hat die Präsidentin Dilma Rousseff bereits vorweggenommen, als sie verkündete, dass diese WM, "a Copa das Copas" (die beste WM aller Zeiten) werden wird. Seitdem ist der "Copa das Copas" der offizielle Schlachtruf der Regierungspartei PT und all ihrer politischen Anhänger. Die Opposition nahm Stimmungen gegen die Regierung bereitwillig auf und startete eine große Kampagne - zur fehlenden Umsetzung der Infrastrukturprojekte, den Protesten und der Sorge der Brasilianer um ihr Land. An einer wirklichen Aufklärungen der Korruptionsfälle, der Verschwendung der Steuergelder oder den explodierten Kosten der WM-Stadien war jedoch bislang auch die Opposition nicht interessiert. Vielmehr probieren beide Seiten alles, um ihre Kandidaten für die Wahlen zu pushen. Das zunehmende Abflauen der Wirtschaft könnte jedoch allen einen Strich durch die Rechnung machen.

Brasilien mit Ball

Copas das Copas - Die schönste WM aller Zeiten, wie es auf dem Regierungsportal Brasiliens heißt. © Screenshot DGB-Jugend

Der hegemoniale Meinungsapparat Globo – zu dem Fernsehsender und Zeitungen genauso gehören, wie auch die wichtigsten Newspages – lieferte für die Opposition die passenden Bilder. In einem Land mit schlechter Lesekompetenz und vielen Analphabeten ist das Fernsehen klares Hauptmedium und damit meinungsprägend. So konnten wir live verfolgen, wie gewaltbereite Jugendliche in Rio de Janeiro oder Sao Paulo Läden plünderten oder wie Streiks in Recife außer Kontrolle gerieten. Diese Aufnahmen wurden in Endlosschleifen mit schnellen Schnitten, unterlegt von dramatischer Musik, direkt in die Wohnzimmer gesendet. Es ist daher wenig verwunderlich, dass Familien und friedliche Demonstranten diesen dargestellten Gewaltexzessen fernbleiben. Auch in den sozialen Netzwerken tobt eher ein Kampf um Schuldzuweisung und Diffamierung als um Antworten auf die Probleme. Oder die FIFA ist die Wurzel allen Übels. Die Regierung Rousseff startete ihrerseits vor zwei Wochen eine "Copa-das-Copas"-Medienkampagne über die angebliche Vorfreude der Brasilianer auf die WM und die Gäste, die von der guten Infrastruktur und den Stadien beeindruckt sind. Zwar kritisiert die Opposition die steuerfinanzierte Wahlwerbung der Regierung, aber die Kritik geht zwischen der alltäglichen Propaganda aller Seiten und den täglichen Telenovelas wieder schnell unter.

Die Bevölkerung ist gespalten
Und irgendwo inmitten der politischen und medialen Machtkämpfen liegen die Realitäten der Menschen. Auf einen Nenner bringen lässt sich die Bevölkerung jedoch nicht. Zu sehr ist das Land regional und wirtschaftlich gespalten: Während der von Einwanderern aus Europa und Asien geprägte Süden mit seinen Metropolen Rio de Janeiro, Sao Paulo und Porto Alegre als Wachstumsmotor gelten, stehen der Norden und der Nordosten noch immer als unterentwickeltes Sorgenkind der brasilianischen Wirtschaftsmacht da. Hinzu kommen massive Ungleichheiten in der Verteilung von Armut und Reichtum und der stark verankerte Rassismus.

An der Ungleichheit im Land haben auch die Sozialprogramme der Regierungen Lula und Rousseff wenig geändert, wenn sich auch der tägliche Überlebenskampf der Menschen deutlich reduziert hat. Für politische Partizipation bedarf es jedoch nicht nur eines vollen Magens, sondern auch der Entfaltungsmöglichkeiten und der politischen Bildung, die in den Städten höher ausgeprägt ist als auf dem Land. Daher fanden die Proteste auch vorwiegend in den Städten des Südens statt, in denen die junge Generation der sogenannten neuen Mittelschicht für ihre Zukunft kämpfte. Diese Generation geht arbeiten, zahlt Steuern, konsumiert, bereist die Welt und fordert von der Regierung als Gegenleistung ein gutes Bildungs- und Gesundheitssystem. Dieses wird ihnen derzeit trotz vieler Versprechungen nur unzureichend gewährt.

In die Proteste eingereiht haben sich gegenwärtig die Landlosen, die Vertriebenen durch den Stadionbau, die indigenen Völker, die Unzufriedenen und die Enttäuschten. Dennoch gehen weite Teile der Bevölkerung nicht auf die Straßen, da sie es sich als Tagelöhner nicht leisten können, auch nur einen Tag der Arbeit fern zu bleiben, andere weil sie vom System profitieren - und dritte, weil sie in den Protesten keinen Sinn sehen oder sich vor Gewaltausbrüchen seitens des Staates oder der Protestierenden fürchten.Die Regierung setzt derweil auf Propaganda und den Sieg ihrer Nationalmannschaft, der die Fußball-WM in ein brasilianisches Sommermärchen verwandeln soll. Wenn am 13. Juli im legendären Maracanã-Stadion das Endspiel stattfindet, wird sich gezeigt haben, ob das Turnier der "Copa das Copas" wurde - und wer als politischer Sieger vom Platz gehen wird.


Tanja Trost war DGB-Jugendbildungsreferentin in Baden-Württemberg. Derzeit lebt sie in Brasilia.

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