Deutscher Gewerkschaftsbund

Europa und der 1. Mai - Interview mit Devin Can

Warum bekräftigt die Gewerkschaftsjugend zum 1. Mai ihre Forderungen zur Europawahl? Soli aktuell sprach mit Devin Can, der die DGB-Jugend im EGB-Jugendkomitee vertritt.

Devin Can

© Devin Can

Devin Can vertritt die DGB-Jugend beim EGB

Devin, was hat der diesjährige 1. Mai mit Europa zu tun?
Der 1. Mai ist der Tag der arbeitenden Menschen. Schon immer wird er genutzt, um Themen, die für uns wichtig sind, auf den Plan zu bringen. Nicht nur in Deutschland. Viele europäische Kolleg_innen teilen sich diesen Tag mit uns. Und deshalb ist es nur richtig, dass wir ihn dieses Jahr so kurz vor der Europawahl unter den Slogan „Europa. Jetzt aber richtig!“ gestellt haben.

Am 26. Mai wird das Europaparlament neu gewählt. Das gängige Vorurteil, dass das keine Auswirkungen auf einen selbst hat, wird entkräftet, wenn man sich die Arbeitswelt anschaut: Immerhin verbringen wir etwa die Hälfte unseres Tages am Arbeitsplatz. Durch Anpassungen zwischen den Ländern sind hier bereits weit mehr als die Hälfte der Gesetzesänderungen in den vergangenen zehn Jahren durch EU-Richtlinien beeinflusst, oder sogar los getreten worden.

Was macht die EU so wichtig für die junge Generation?
Unsere Generation kennt Europa nur mit offenen Grenzen. Wir haben unser Leben bereits darauf ausgerichtet, jederzeit in Europa leben und arbeiten zu können. Gerade gestern erzählte mir eine Freundin, dass sie bald nach London ziehen werde. Viele meiner Freunde studieren in Wien, andere Arbeiten in Paris oder in Warschau.

In früheren Generationen hat man sein ganzes Leben neu ausrichten müssen, wenn man nur in eine andere Stadt gezogen ist. Aber unsere Welt ist kleiner geworden. Sie ist besser vernetzt und dadurch enger zusammengerückt. Auf diesem gefühlt kleineren Kontinent, wird es ohne die EU schwierig, zu leben. Ich habe in meinem Leben noch keinen Visa-Antrag gestellt und will es auch eigentlich nicht lernen müssen, um die Stadt, in der ich lebe in Richtung Westen zu verlassen.

Unsere Generation ist aber auch stark von Praktika und Ausbeutung betroffen. Wenn wir das ändern wollen, müssen wir unser politisches Handeln, also unsere Aktionen, aber auch unseren Begriff von Öffentlichkeit neu denken.

Wenn die Arbeitsgesetze aus Brüssel kommen, müssen wir eben Wahlkampf für die Europawahl machen. Wenn wir wissen wollen, was die Briten über den Brexit denken oder warum die Franzosen auf der Straße sind, können wir heute sehr einfach mit ihnen Kontakt aufnehmen. Sei es Facebook oder Reddit: Es gibt inzwischen Foren auch zu sozialen Fragen.

Still loving - Europe: Die DGB-Jugend und die Europäische Union

Die Gewerkschaftsjugend fordert einen Umbau der Wirtschaft…
Ihr geht es in erster Linie um bessere Arbeit und Ausbildung in Europa. Wir wollen, dass die Jugendarbeitslosigkeit bekämpft und der Arbeitsmarkt fairer wird. Ein Mittel dazu kann ein europäischer Mindestlohn sein, der sich an der Wirtschaftsleistung eines Landes orientiert.

Richtig emotional wird es für mich aber erst bei den beiden gesamtgesellschaftlichen Forderungen Steuergerechtigkeit und Umverteilung: Ich glaube es sind diese Themen, bei denen viele junge Menschen maßlos enttäuscht sind.

Der wirtschaftsliberale Kurs der EU, der zur Folge hat, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet, wird uns als alternativlos hingestellt. Da möchte man doch ein Wörtchen mitreden, wenn man noch vierzig Jahre Arbeitsleben vor sich hat.

Die dritte Hauptforderung richtet sich an das Versagen Europas. Als Millionen Menschen nach Europa kamen, weil unsere Wirtschaft ihnen ihre Lebensgrundlage entzog - sei es wirtschaftlich oder ökologisch -, sprangen sich die Regierungen lieber gegenseitig an den Kragen, anstatt ihre Menschlichkeit zu beweisen. Wir haben deshalb klare Forderungen, mit denen wir die Integration von Geflüchteten und die Bekämpfung ihrer Fluchtursachen vorantreiben wollen.

Wie beurteilst du den europaweit starken Trend nach rechts?
Es ist schön, wenn Politik für alle verständlich ist, aber wenn man Menschen darauf trainiert, immer die einfachste Lösung zu suchen, werden sie irgendwann nicht mehr die richtige Lösung finden. Du wirst gut, in allem was du tust.

Das gilt übrigens auch für die Politiker_innen, die selbst ständig die einfachste Antwort suchen. Daher glaubte ein AfD-Politiker auch allen Ernstes, dass die Schüler_innen in Deutschland, die für Umweltschutz auf die Straße gehen, eine Mitschuld an dem Terroranschlag von Christchurch tragen.

Die neue Rechte schafft es mit dieser Methode, viele Menschen zu überzeugen, dass alles, was man nicht sofort versteht, eine Taktik sein muss. Deshalb verbreiten sich in diesen Foren auch Verschwörungstheorien sehr schnell.

Das ist eine gefährliche Situation. Ich bin überzeugt, dass auch die Politiker_innen oder vermeintlichen Drahtzieher der populistischen Rechten sie nicht unter Kontrolle haben. Sie ist aber auch nur möglich, weil die linke Bewegung, es nicht schafft komplexe Sachverhalte herunterzubrechen.

Wie wirst du den 1. Mai verbringen?
Ich bin vor kurzem umgezogen und bin schon gespannt, wie die Kollegen hier in Aachen den Tag begehen.

Der 1. Mai und die Gewerkschaftsjugend