Deutscher Gewerkschaftsbund

Bundesjugendkonferenz: Rede zum 9. November

Vor 75 Jahren fanden die antisemitischen Pogrome in Deutschland statt. Die Gewerkschaftsjugend gedenkt der Opfer von Antisemitismus und Rassismus in Vergangenheit und Gegenwart. Von Benedikt Röhl, ver.di Jugend

Vor 75 Jahren fanden die Pogrome und Anschläge auf die Synagogen in Deutschland statt, tausende jüdische Geschäfte und Einrichtungen wurden zerstört, etwa 400 Menschen ermordet, Frauen vergewaltigt. Zigtausende Juden wurden verhaftet und deportiert. Die Geschichte des Antisemitismus und Antijudaismus in Deutschland begann schon im Mittelalter, doch was 1933 mit einer Reihe von Diskriminierungen gegen die Juden in Deutschland begann, war die Pogromnacht der Beginn der systematischen Verfolgung und Vernichtung der in Deutschland lebenden Juden bis hin zu ihrer Vernichtung von sechs Millionen europäischer und nordafrikanischer Juden. Es waren nicht nur die SS, SA oder andere Nazifunktionäre die sich an den Pogromen beteiligten, viele aus der Bevölkerung nahmen daran teil, aus allen Schichten der Gesellschaft. Der 9. November ist Ausdruck der antisemitischen Massenbasis des Nationalsozialismus. Es ist in dieser Form einzigartig in dieser Welt.

In Deutschland war all das möglich, da viele Menschen es unterstützt, mitgemacht oder auch nur zugeschaut haben. Zuschauen ist eine der Sachen, die eine menschenunwürdige Politik möglich machen. Zuschauen und schweigen ist Zustimmung.

Noch heute ist der Antisemitismus in Deutschland populär. Der Antisemitismus ist überall anzutreffen, auch links von der Gesellschaft, auch bei uns in den Gewerkschaften. Ich erinnere mich noch an eine Ausgabe meiner Gewerkschaft ver.di mit dem Titel "Finanzkapitalismus - Geldgier in Reinkultur", mit Heuschrecken bebildert und gierigen Bankern aus Amerika die über Deutschland herfallen. Wenn Zusammenhänge im Kapitalismus nicht verstanden werden, zaubert man sich einen Sündenbock her, der für das ganze Übel in der Welt verantwortlich gemacht wird.

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@ DGB-Jugend

Die lange Geschichte der Judenverfolgung, die in der industriellen Massenvernichtung des europäischen Judentums in deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern gipfelte und auch der heute noch anhaltende Antisemitismus zeugen von der Notwendigkeit der Existenz Israels. Israel ist eine Antwort auf den grassierenden Antisemitismus in der Welt. Vielleicht nicht die perfekte Antwort, aber vielleicht die einzig mögliche, um dem Antisemitismus zu entkommen. Es gibt einen jüdischen Staat, der jeden Juden bedingungslos aufnimmt, ganz egal wie alt oder krank dieser ist. Der Spruch "Nie wieder" ist besonders in der Friedensbewegung in Deutschland populär und viele verbinden mit diesem Spruch "Nie wieder Krieg". In Israel hat es eine ganz andere Bedeutung, "Nie wieder" heißt "nie wieder Auschwitz". Nie wieder lässt man sich wie die Schafe zum Schlachter führen.

Man schaue sich heute den Antiziganismus an, Sinti & Roma sind fast überall in Europa verhasst, keiner will sie, jeder Staat will sie in ein anderes Land hetzen oder ghettoisieren. Menschen gehen wieder mit Fackeln auf die Straße, zünden Häuser an, ermorden Menschen. Und was machen die europäischen Staaten? Die lassen die Hetzer gewähren, machen Politik für die Rassisten, in dem die letzten Habseligkeiten und Häuser platt gemacht werden, aus angeblichen humanitären Gründen wie Hygienevorschriften. 500.000 Sinti und Roma haben ihr Leben in den KZs und Vernichtungslagern verloren, viele Angehörige oder Überlebende kämpfen bis heute mit den Bürokraten auf einen Anspruch auf Entschädigung oder Rente. Wer seinen Frust auf die Juden loswerden will, nutzt statt des Worts Jude einfach Israel, wer seinen Frust auf die Sinti und Roma loswerden will, nutzt statt des Worts Zigeuner einfach Rumänen oder Bulgaren.

Immer wenn ein deutscher Mob auf die Straßen geht, Flüchtlingsheime angreift, werden diese meist noch von den Politikern vor Ort unterstützt und in Schutz genommen, man müsse die Sorgen der Anwohner verstehen. Was gibt es da zu verstehen, wenn Menschen aus einem Kriegsgebiet kommen und das Einzige was ihnen entgegen schlägt, ist ein hasserfüllter Mob. Ich möchte daran erinnern, dass es mal ein Grundrecht auf Asyl gab. Viele Juden und andere Verfolgte konnten aus Nazideutschland nicht in andere Länder flüchten, weil diese nicht bereit waren, sie aufzunehmen. Vollbesetze Schiffe wurden wieder zurück geschickt, wohlwissend dass es den Tod für die flüchtenden Juden bedeutete.

Aus diesem Grund wurde dieses Gesetz geschaffen, schließlich sollte man annehmen aus vergangenen Fehlern gelernt zu haben. Nur zwei Wochen nach dem tödlich und rassistisch motivierten Mordanschlag in Mölln vereinbarten die damaligen Regierungsparteien, sowie Teile der Opposition dieses Grundrecht abzuschaffen, 1 Jahr später wurde es mit einer zwei Drittel Mehrheit im Bundestag beschlossen, die dafür nötig war. Waren sich die Politiker des Bundestages in vielen Dingen miteinander uneinig und zerstritten, fanden sie doch in der Flüchtlingspolitik eine gemeinsame Linie. Das unfassbar Traurige daran ist, dass damit eine Entscheidung zugunsten der Rassisten und Mördern gefallen war. Statt geschlossen den Opfern beizustehen, wurden die Opfer zu Tätern gemacht, einfach weil sie da und nicht Deutsch waren, ihre alleinige Existenz wurde zum Problem für Deutschland. Man kann die Verantwortung aber nicht gänzlich auf Politiker abschieben, sondern letztendlich haben sie die Stimmung der Bevölkerung wahrgenommen und eben als Volksparteien danach gehandelt. Es ist paradox, damit der verdammte Ausländer in Deutschland keinen Arbeitsplatz wegnimmt, gibt es das Arbeitsverbot und ein Gesetz, das ganz im Sinne des NPD-Slogans „Arbeit zuerst für Deutsche“ orientiert ist, so dass Flüchtlingen, wenn sie denn überhaupt eine Arbeitserlaubnis erhalten, nur die Arbeit übrig bleibt, die kein Deutscher machen will, die sogenannte Drecksarbeit. Eine Arbeit, die so niedrig bezahlt wird, dass es ihnen unmöglich macht, sich von den staatlichen Leistungen zu lösen und somit eine der Bedingungen für die Einbürgerung nicht erfüllen können. Aber auf der anderen Seite jammern Minister, Politiker und „besorgte“ Deutsche, dass die Flüchtlinge nur wegen der sozialen Leistungen hierher kommen und sich nicht integrieren. Ich nenne so etwas Fremdenhass, dafür hat es noch nie rationaler oder logischer Gründe bedurft!

Ich als junger Mensch, der heute hier frei reden darf, danke den Soldaten der Alliierten, der Roten Armee, die gegen die Deutschen gekämpft haben. Ich danke den Partisanen, die gegen die Deutschen gekämpft haben, trotz der gefürchteten Racheaktionen der SS. Und ich bewundere den Mut vieler jüdischer Widerstandskämpfer in den Ghettos oder in den Armeen. Viele Juden wurden von ehemaligen Freunden oder Nachbarn verraten und denunziert, aber ich möchte besonders auch den wenigen Menschen in der Welt danken, die damals Juden gerettet haben, in dem diese in einem Versteck Unterschlupf gewährt haben oder bei der Flucht geholfen haben und sich selber dafür in Gefahr begeben haben.

Es reicht nicht, die Toten zu betrauern. Sondern wir alle müssen aus den Fehlern lernen und dafür Sorge tragen, dass diese sich nicht wiederholen. Aber aus Fehlern können wir nur lernen, wenn wir die Erinnerungen an die Grausamkeiten wach halten und keinen Schlussstrich unter diese Geschichte ziehen, sondern die Shoa ein Teil von Deutschland bleibt. Wenn Neonazis auf der Straße den Nationalsozialismus verherrlichen, müssen wir auf die Straße gehen und uns denen in den Weg stellen. Wenn ein Schriftsteller mit rassistischen Thesen um sich wirft, dass Muslime von Natur aus dumm wären, diese Dummheit biologisch weiter vererbt werde und damit einen angeblich unveränderten Zustand beschreibt, dann muss dem mit allen Mitteln entgegen getreten werden. Denn so einer ist weitaus gefährlicher als die Neonazis auf der Straße! Was für Konsequenzen die Nazis aus ihren biologischen Rassismus gezogen haben, wissen wir alle nur zu gut.

Ich möchte jetzt ein Gedicht von Abba Kovner zitieren. Es ist übersetzt aus dem hebräischen, weswegen es sich auf Deutsch nicht reimen wird, aber inhaltlich bedeutet es mir sehr viel und es hat mich beim ersten Lesen emotional stark aufgewühlt:

Wir gedenken unseren Brüdern und Schwestern, die Häuser in den Städten und die Häuser in den Dörfern.
Die Straßen der Dörfer, welche so lebendig waren wie wilde Ströme und wie ruhige Pole hinten in der Ecke.
Den alten Mann im Zeichen seines Angesichtes
Die perfekte Mutter
Das Mädchen mit ihren Zöpfen
Das Baby, das Baby
Die tausenden Gemeinden Israels und ihre Angehörigen
Das ganze jüdische Volk
Welches von den Nazis auf europäischem Boden ausgerottet wurde
Der Mann der plötzlich aufschrie und in seinem Schrei starb
Die Frau, die ihr Baby ans Herz drückte
Und ihre Arme immer länger wurden
Das Baby, das mit seinem Fingern die Brust der Mutter, welche ausgetrocknet und gefroren ist, zu fühlen versucht
Die Beine, die Beine die versuchen zu flüchten
Es gab keine Alternative
Und die die ihre Faust ballten
Die Faust, die zum Eisen griff
Das Eisen, das zur Waffe wurde, die Vision, die Verzweiflung und der Aufstand
Sie waren Helden
Sie waren da mit offenen Augen
Sie opferten ihre Seelen für den Widerstand, aber ihre Arme waren zu kurz um zu retten
Wir gedenken dem Tag
Der Tag an seinem Höhepunkt als die Sonne über die Stätte des Blutes schien
Der Himmel war taub
Gedenken wir der den Hügeln aus Asche, welche sich unter den blühenden Gärten befinden…
Die Lebenden sollen ihren Toten gedenken, denn sie stehen uns gegenüber
Ihre Blicke schauen herum
Wir dürfen nicht ruhen, ruhen, denn unser Leben muss würdig sein sie zu gedenken.
Abba Kovner


In Deutschland gibt es für die Vereinigung Deutschlands einen Nationalfeiertag, aber keinen Nationalfeiertag für die Befreiung von Nazideutschland oder einen freien Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, nicht mal eine Minute. Wir wollen nun eine Schweigeminute einlegen, um den 13 Millionen Ermordeten des Nationalsozialismus zu gedenken.

(Schweigeminute)

Danke schön!