Deutscher Gewerkschaftsbund

Wir sind cool, kreativ und sexy, sagt Ronja Endres - alle Infos zum IGB-Kongress

Ronja Endres ist Vizepräsidentin im Jugendkomitee des Pan-European Regional Council (PERC), einem großen internationalen Gewerkschaftszusammenschluss. Seit kurzem vertritt sie die DGB-Jugend auch im Jugendkomitee des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB).

Ronja Endres

© Jürgen Kiontke

Ronja, du bist gerade ins IGB-Jugendkomitee gewählt worden...
Ja, ganz frisch!

Was hast du da zu tun?
Ich bin explizit als Organisatorin, also als Mitgliederwerberin dort. Ja, Denn die Gewerkschaften haben sich weltweit ehrgeizige Ziele gesetzt, was die Mitgliederzahlen angeht. Bis 2018 wollen sie sage und schreibe 30 Millionen neue Mitglieder werben. Da wird die Jugend immer wichtiger, da sie zur der Ansprache neuer Mitglieder viel beitragen kann. Der Jugendanteil beim IGB-Kongress in Berlin war da schon mal sehr gut - 19 Prozent: 150 von den ca. 700 Delegierten waren unter 27 Jahre alt. Aber in den einzelnen Panels, den Diskussionsrunden, da saßen mir noch immer zu wenig junge Leute.

Was ist anders bei der Ansprache von jüngeren Arbeitnehmern?
Man braucht schon ein gewisses Maß an Veränderung. Die Gewerkschaften müssen ihre Grundsätze und die schönen Traditionen natürlich nicht aufgeben. Es darf schon ruhig was Cooles, Kreatives und Neues sein.

Zum Beispiel?
Auf dem Kongress wurde eine "Tanzgewerkschaft" vorgestellt - die wurde für junge Arbeitslose gegründet. Die Mitglieder tanzen ihre Forderungen, na bitte schön. Da ist es echt gelungen, den Gewerkschaften einen modernen Anstrich zu geben, das ist nicht nur Frontalunterricht.

Was ist entscheidend, wenn man jung ist und sich engagieren will? Wie müssen Gewerkschaften auf Jugendliche zugehen?
Wenn ich jung bin, denke ich, ich kann alles selbst. Da ist es mir wichtig, mich auch mich selber zu verlassen. Es geht also jungen Leuten darum, größtmöglichen Spielraum zu haben. Das muss man in den Gewerkschaftsapparaten wissen. Wir wollen unsere eigenen Traditionen schaffen - und dazu brauchen wir dann auch die Erfahrung der Älteren, jemanden der uns an der Hand nimmt und uns hilft, uns weiterzuentwickeln.

Die andere Seite ist die: Die älteren Leute in manchen Gewerkschaften haben Angst. Die denken: Die Jugend kommt nur, um uns abzusägen.

Aber eigentlich können beide doch nicht ohne einander: Ohne die Älteren kann die Jugend nichts bewerkstelligen. Wer neu ist in der Gewerkschaft, kennt sich nicht aus mit Strukturen oder mit ganz praktischen Dingen: Wie verläuft eine Tarifverhandlung? Welche Rechte habe ich eigentlich?


Wer die Jugend aber wirklich in die Gewerkschaften bringen will, muss Geld fließen lassen. Die Jugend braucht Raum, Zeit, Ressourcen. Und man braucht Personal, das jung und spritzig ist und auf junge Leute zugeht. Denn die Peer-to-Peer-Kommunikation - junge Gewerkschaftssekretäre reden mit jungen Arbeitnehmern - ist die erfolgreichste. Ja, das ist manchmal alles ein Heidenaufwand... Aber es geht darum, die Potenziale zu entwickeln, und da überwiegt der Nutzen. Die Jugend ist ja nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart.

Gruppe Bühne

The congress is yours - der letzte Tag gehört der Jugend. © Jürgen Kiontke

Gibt es da Grundzüge, die überall gelten?
Die Strategien des Gewerkschaftswachstums müssen immer mit den nationalen Gegebenheiten abgestimmt werden, schließlich haben die Organisationen jeweils eine andere Tradition und Struktur. So hat man zum Beispiel in den USA gesehen: Die Mitgliederentwicklung läuft nicht so, wie man das gerne hätte. Also: Man geht in die Betriebe, spricht Leute an, die treten in die Gewerkschaft ein, die engagieren sich in Gremien...Daher wurde der Prozess eben mal umgedreht: Erst gab's den Kongress mit jungen Arbeitnehmern. Dann erst wurden Gruppen und Zirkel gegründet, die "Young Workers Groups", um die Organisierung anzugehen. Und es wurden Toolkits entwickelt wie man solche Gruppen organisieren kann – denn jede davon ist ein wenig anders.

Die Situation lässt sich aber nie verallgemeinern, da muss man pro Land genau hinschauen. Hierzulande wollen junge Leute so viel freie Hand wie möglich. Aber man muss uns trotzdem unterstützen, das wollen wir auch. Ein gutes Beispiel ist die "Operation Übernahme" der IG Metall-Jugend. Die hat so viele neue Mitglieder gebracht. Die war öffentlichkeitswirksam und sexy - und führte junge Arbeitnehmer an die Gewerkschaftsstrukturen heran. Die Gewerkschaftsjugend muss aber noch viel bekannter werden - man kennt uns zwar irgendwie, aber da geht noch einiges.

Bei welchen Zielen ist sich die Gewerkschaftswelt einig?
Mitglieder gewinnen, Mitglieder gewinnen, Mitglieder gewinnen! Und dann: Die Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation ratifizieren und umsetzen, Solidarität und Workers' Power! Ich bin jedenfalls total geflasht: So viele Menschen aus so vielen Ländern, so friedlich und so einig in der Sache. Gut fand ich übrigens auch, dass der Kongress papierlos war.

Was hat dir nicht so gut gefallen?
Bei den Diskussionen wurde natürlich versucht, allen eine Stimme zu geben. Ich will auch, dass alle gehört werden - aber das ist manchmal etwas schwer praktisch umzusetzen. Da wird die Zeit knapp. Es war schon sehr gut, dass soziale Netzwerke so offensiv eingesetzt wurden, dass der Kongress Twitter integriert hat, um die Diskussionen im Saal zu moderieren. Da hätte man ruhig auch Facebook und ein paar andere auch noch einbinden können, aber das passiert dann vielleicht das nächste Mal.

Ist es nicht gefährlich, die gesamte gewerkschaftliche Diskussion über Facebook abzuwickeln?
Die gesamte sowieso nicht, Interna dürfte wohl niemand posten. Man kann die sozialen Netzwerke als Gewerkschafterin auch durchaus steuern. Manche wollen etwa keine Fotos von sich sehen; das könnte, je nach Land, ja auch richtig gefährlich werden. Ansonsten muss ich mich damit abfinden, das man hier und da auftaucht. Ich sage mal: Auf ein paar Stellen brauche ich mich nicht mehr zu bewerben.

Werden sich die jungen Delegierten weltweit vernetzen?
Machen wir gerade. Es gibt jetzt eine Facebook-Gruppe für die jungen Kongressteilnehmer. Soziale Medien werden immer wichtiger. Ein Großteil der Debatten im Jugendkomitee läuft über Skype, weil wir uns ja nur zwei Mal im Jahr treffen können. Die schnelle Kommunikation ist so trotzdem gewährleistet. Das ist auch ein Zeichen - die IGB-Gremien werden moderner, inklusiver und jünger.

 

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