Deutscher Gewerkschaftsbund

Die DGB-Jugend beim IGB-Weltkongress

Jugend weltweit: Joscha Wagner war als Delegierter der DGB-Jugend beim Weltkongress des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) am 2. bis 7. Dezember 2018 in Kopenhagen.

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IGB-Weltkongress: mehr als 1.000 Menschen, darunter 779 Delegierte aus 131 Ländern, die 250 Organisationen repräsentierten

Joscha, du warst für die DGB-Jugend beim IGB-Kongress. Das Motto lautete "Building Workers' Power". Nun, ist das gelungen?
Dieses Motto war durch den Untertitel "Die Regeln neu festlegen" ergänzt. Natürlich kann ein Kongress allein diese Forderungen nicht umsetzen – ich habe das Motto eher als Auftrag für die kommenden vier Jahre verstanden. Aber doch, ich denke, dass es durchaus gelungen ist, die internationale Gewerkschaftsbewegung für die Zukunft zu stärken, in organisatorischer wie inhaltlicher Hinsicht.

Wie viele Delegierte gab es insgesamt? Wie groß war die deutsche Delegation? Und weißt du, wie viele Delegierte unter 27 Jahren alt waren?
Insgesamt waren mehr als 1.000 Menschen beim Kongress anwesend, darunter 779 Delegierte aus 131 Ländern, die 250 Organisationen repräsentierten. Die Altersgrenze "Jugend" liegt beim IGB bei 35 Jahren. Unsere Delegation bestand aus 16 Delegierten, dazu kamen noch Berater- und Beobachter_innen. Die Anzahl der unter 35-Jährigen in unserer Delegation variierte zwischen drei und fünf Kolleg_innen, damit stellten wir wohl eine der jüngsten Delegationen.

Insgesamt war ein Jugendanteil von 15 Prozent je Delegation angepeilt, der mit 9,6 Prozent jedoch deutlich unterschritten wurde. Das haben wir auch im Plenum deutlich kritisiert - und die Verbände aufgefordert, der jungen Generation eine Chance zu geben, die zukünftigen Probleme selbst anzupacken.

Welche Probleme sind, weltweit gesehen, für die Gewerkschaften die brisantesten?
Einerseits autoritäre Regierungen, die fast immer auch eine neoliberale Politik durchsetzen und die Rechte von Gewerkschafter_innen einschränken. Sei es in Europa, wie etwa in Österreich, dort soll etwa die betriebliche Jugendvertretung abgeschafft werden; oder nun auch verstärkt in Lateinamerika. Andererseits die Krise des Multilateralismus, die unsere Handlungsmöglichkeiten auf internationaler Ebene einschränkt. Am Ende hängt beides aber, siehe den US-Präsidenten Donald Trump, auch wieder miteinander zusammen.

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Jugend macht Ansagen: Joscha Wagner beim IGB-Weltkongress, Kopenhagen im Dezember 2018

Spielen die Interessen der jungen Beschäftigten in der internationalen Gewerkschaftsszene eine Rolle? Wie wurde über "Jugend" diskutiert?
Die Anliegen unserer Generation finden sich an zahlreichen Stellen des beschlossenen Gesamtpapiers, etwa hinsichtlich des Zugangs zu Bildung, Armut trotz Arbeit, Jugendarbeitslosigkeit, aber auch im Hinblick auf Kinderarbeit. Sie spielen also durchaus eine Rolle.
Tatsächlich wurden diese Themen jedoch überwiegend von der "Jugend" selbst angesprochen. In diesem Zusammenhang hatte ich mir mehr Engagement der "Erwachsenen" erhofft.

Was drängt beim Thema junge Beschäftigte am meisten? Welche Lösungsansätze wurden angesprochen?
Drängend scheint in vielen Ländern, überhaupt erst einmal gute und zukunftssichere Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen zu schaffen. In zahlreichen Redebeiträgen ging es immer wieder um mangelnde Existenzsicherung von jungen Menschen, die oft durch Ausnahmen, etwa bei Mindestlöhnen, global bestehen.

Als DGB-Jugend haben wir daher unser Konzept der Mindestausbildungsvergütung im Plenum vorgestellt und dafür auch großen Zuspruch erhalten.

"In zahlreichen Redebeiträgen ging es immer wieder um mangelnde Existenzsicherung von jungen Menschen, die oft durch Ausnahmen, etwa bei Mindestlöhnen, global bestehen."

In Deutschland spricht die Gewerkschaftsjugend über die Digitalisierung der Ausbildung und gesetzliche Veränderungen bei der Berufsbildung. Inwiefern sind diese Themen im internationalen Kontext interessant?
Unsere Diskussionen spiegeln sich global, auch wenn das hiesige Modell der dualen Berufsausbildung in dieser Form fast einzigartig ist. International spielt vor allem die grundlegende Verrechtlichung und Regelung der Ausbildung eine Rolle, da in den meisten Ländern junge Menschen nicht ausgebildet, sondern nur auf einen Beruf angelernt werden. Dies geschieht zu oft ohne gesetzliche Vorgaben, das wurde deutlich kritisiert. Letztendlich betreffen die beiden angesprochenen Themen alle jungen Menschen, auch wenn die konkreten Herausforderungen je nach Land und Region unterschiedlich ausgeprägt sind.

Konnte die Gewerkschaftsjugend Anträge einbringen, und wenn ja, welche?
Die Antragsberatung war auf dem Kongress anders gestaltet als für uns üblich. Statt einzelnen Anträgen wurde ein umfassendes Gesamtpapier diskutiert, das auf vier Säulen fußte: Frieden, Demokratie und Rechte; Regulierung der Wirtschaftsmacht; Globale Verschiebungen - Gerechte Übergänge; Gleichstellung. An jedem Tag wurde eine Säule im Plenum diskutiert, wenngleich Überschneidungen in der Debatte natürlich nicht ausblieben.

Wir haben im Übrigen die Änderungsanträge des DGB unterstützt.

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Die Anliegen der jungen Generation fanden sich an zahlreichen Stellen, etwa hinsichtlich des Zugangs zu Bildung, Armut trotz Arbeit, Jugendarbeitslosigkeit, aber auch im Hinblick auf Kinderarbeit

Du hattest damit gerechnet, dass die Veranstaltung einen Plattformcharakter hat, wo man Themen, die weltweit Relevanz haben, diskutiert werden. Hat sich dies bewahrheitet und ist es dir gelungen, neue Partner für die Ziele der Gewerkschaftsjugend zu finden?
Diesen Charakter hatte die Konferenz, definitiv. Allerdings waren die ersten Tage eher durch den Wahlkampf zur Wahl der Generalsekretärin geprägt, sodass zumindest in der Generaldebatte die Inhalte manchmal etwas in den Hintergrund gerückt sind und es eher um strukturelle und organisatorische Fragen ging. Da der IGB mit starker Stimme gegenüber internationalen Institutionen auftreten muss, war dies nicht weniger wichtig.

Darüber hinaus wurde in thematischen Foren über relevante Themen, wie die Zukunft der Arbeit, Organizing und soziale Ungerechtigkeit diskutiert.

Die "Jugend" hat sich am Rande des Kongresses natürlich auch organisiert. Gemeinsam wollen wir im Hinblick auf den nächsten Kongress für einen höheren Anteil Jugendlicher in den Delegationen werben und streiten.

"Inhaltlich war schnell ersichtlich, dass Uneinigkeit hinsichtlich des Umgangs mit dem Nahost-Konflikt bestand."

Wie hat dir die Organisation gefallen?
Da bin ich zwiegespalten. Die Location war super vorbereitet, die mediale Gestaltung und Begleitung sehr professionell. Allerdings gab es bisweilen Unstimmigkeiten hinsichtlich der Transparenz der Redeliste, und überhaupt war die politische Organisation teils problematisch. Ich hätte mir beispielsweise deutlich mehr Zeit für die Plenardebatte, die täglich für nur dreieinhalb Stunden angesetzt war, gewünscht.

Großen Respekt habe ich vor der Arbeit der Simultanübersetzer_innen, die den gesamten Kongress in 13 verschiedene Sprachen übersetzten.

Welche besonderen Vorkommnisse gab es, war etwas besonders auffällig?
Inhaltlich war schnell ersichtlich, dass Uneinigkeit hinsichtlich des Umgangs mit dem Nahost-Konflikt bestand. Einige Redebeiträge in diesem Kontext entgleisten völlig, was die Schuldzuweisungen an Israel und die dabei verwendete Sprache betraf. Hier zeigte sich, dass die kürzlich erfolgte Erneuerung unseres Beschlusses zu Israel-Boykotten seitens der DGB-Jugend absolut richtig und notwendig war. Wir werden prüfen, inwiefern wir zukünftig den Umgang mit Antisemitismus zum Thema auf der internationalen Ebene machen können.

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Inhaltliche Perspektiven, Reformbedürftigkeit der multilateralen Institutionen, Verbesserungsvorschläge - fuhren mit Gewinn nach Hause: (v. l.) Joscha Wagner, Josef Holnburger und Jana Störtzer von der DGB-Jugend

An welchen Punkten gab es Dissens, wo ist sich die internationale Gewerkschaftsbewegung uneins?
Überwiegend im Hinblick auf die Organisation des IGB. Das zeigte sich auch im äußert knappen Wahlergebnis bei der Wahl zur Generalsekretärin. Die Herausforderin Susanna Camusso aus Italien, die übrigens von unserer Delegation unterstützt wurde, konnte erst vor drei Monaten ihren Wahlkampf beginnen und dabei im Gegensatz zur wiedergewählten Sharan Burrow nicht auf die Infrastruktur des IGB zurückgreifen.

Trotzdem erreichte Susanna 48 Prozent der Stimmen – das war im Vorfeld nicht zu erwarten – was wohl auch an ihrer engagierten dreisprachigen Rede lag, in der sie konkret die aktuellen Probleme im IGB angesprochen hat.

Unterm Strich: Wie kann die DGB-Jugend von der Konferenz profitieren?
Vor dem Hintergrund der unzähligen Erfahrungen, die ich persönlich gemacht habe, aber die wir auch als DGB-Jugend auf der Konferenz sammeln konnten, bin ich durchaus zufrieden. Wir können zahlreiche inhaltliche Perspektiven, beispielsweise hinsichtlich der Reformbedürftigkeit der multilateralen Institutionen und den Verbesserungsvorschlägen seitens der Gewerkschaftsbewegung, mit in unsere Strukturen nehmen und die gemachten Erfahrungen teilen. Das ist aus meiner Sicht der größte Gewinn.

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