Deutscher Gewerkschaftsbund

Gastronomie und Corona: Angst haben hilft nicht, sagt Olli Riek von der NGG

Wie sind die Ausbildungsbedingungen in der Gastronomie und wie wirkt sich Corona auf die Auszubildenden aus? Soli aktuell sprach mit Olli Riek von der NGG.

Olli Riek NGG

© Privat

Olli Riek, arbeitet als Kellner in Hamburg und ist für die Gewerkschaft NGG ehrenamtlich aktiv. Er betreibt die Facebook-Seite "Gastronomicus", wo er seine und anderer Leute Erlebnisse bei der Arbeit schildert. Gerade ist von ihm das Buch "Ist die Avocado auch regional? Skurrile Geschichten aus dem Restaurant" erschienen. Zuvor trat er bereits mit "Ist das Gemüse auch vegan?" in Erscheinung.

Olli, du bist für die Gewerkschaft NGG aktiv und betreibst auch eine Facebook-Seite, wo sich Menschen mit Problemen am Arbeitsplatz in der Gastronomie melden können. Melden sich da auch Auszubildende?
Ja. Bei den Auszubildenden wird oft der Ausbildungsrahmenplan nicht eingehalten, unbezahlte Überstunden mussten geleistet werden, bei Verletzung sollte man trotzdem weiterarbeiten oder auch am Wochenende permanent verfügbar sein. Oder der Chef wollte, dass man von der Berufsschule freigestellt wird wegen Personalmangel im Betrieb. Das Übliche. Viele fühlen sich ausgebeutet und werden nicht entsprechend ausgebildet. Weitere Beispiele: Strafversetzungen, Trinkgeld wird nicht ausgegeben.

"Probleme gibt es nicht nur bei den kleinen Betrieben, das betrifft auch die Top-Hotellerie und Sterne-Restaurants."

Was macht die NGG in solchen Fällen?
Wir versuchen, mit dem Auszubildenden ins Gespräch zu kommen und auch mit dem Betrieb. Das größte Problem ist, dass die Auszubildenden Angst haben. Wenn wir vorschlagen, sich mit dem Betrieb über ein Problem auseinanderzusetzen, sagen viele: Ich will nicht, dass mein Chef das weiß. Ich habe keinen Bock auf noch mehr schlechte Behandlung. Dann passiert einfach nichts.

In der Gastronomie gibt es ja vor allem kleine Betriebe. Was unternehmt ihr, um die Belegschaften zu organisieren?
Wir haben eine Kundgebung veranstaltet, es gab eine Löffelsammelaktion (#wirmüssendenlöffelabgeben). Es kamen 40 Leute. Wir sind 55.000 Beschäftigte allein in Hamburg. Die Resilienz ist extrem hoch und die Protestbereitschaft niedrig. Wir versuchen, den Leuten immer klarzumachen: Du musst in die Gewerkschaft, du hast dort nicht nur Rechtsschutz, sondern kannst dich jederzeit beraten lassen. Probleme gibt es übrigens nicht nur bei den kleinen Betrieben, das betrifft auch die Top-Hotellerie und Sterne-Restaurants.

Olli Riek

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Viele Beschäftigte in der Gastronomie befinden sich in einer finanziellen Notlage - dank Corona und fehlender politischer Unterstützung. Mit der Aktion #wirmüssendenlöffelabgeben hat die NGG eine Kampagne gestartet. Die Forderung: Beschäftigte in Kurzarbeit brauchen Hilfe. Bund und Länder müssen das endlich zur Kenntnis nehmen. Im Ausbildungsreport der DGB-Jugend und auf www.doktorazubi.de berichten Auszubildende der Gastro-Branche regelmäßig von schlechten Arbeitsbedingungen.

Das mit der Angst kann man doch verstehen – oder? Wie können sich junge Leute für bessere Ausbildungsbedingungen engagieren?
Zum Beispiel, indem sie in der NGG aktiv werden! Ich bin zum Beispiel in der Tarifkommission in Hamburg. Mithilfe von jungeNGG können sie eine JAV im Betrieb gründen oder in der Berufsschulklasse diskutieren. Sie können an unseren Kundgebungen teilnehmen oder politisch arbeiten: sich ins Arbeitsrecht einlesen für die anderen, aufklären: „Pass auf, du hast Rechte, genauso wie alle anderen auch, du musst hier jetzt nicht 16 Stunden arbeiten. Du hast das Recht, nach zehn Stunden zu sagen: So Freunde, ich mache jetzt Feierabend. Punkt, Aus, Ende.“

Du arbeitest als Kellner in einem großen Restaurant. Wie sieht man dort dein gewerkschaftliches Engagement?
Was wir an Forderungen und Verbesserungsvorschlägen haben, teilen viele Leute. Bei uns läuft das recht entspannt ab. Es ist wichtig, den Arbeitgebern zu sagen: „Das und das geht eigentlich nicht. Haltet euch an den Ausbildungsrahmenplan. Guckt da ein bisschen mehr drauf.“ Das kommt nicht zuletzt auch den Betrieben zugute.

"Wir brauchen bessere Tariflöhne und einen höheren Mindestlohn. Und wir brauchen in der Branche generell eine andere Ausbildungskultur."

Was schlagt ihr vor, um die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen zu verbessern?
Dass man auf jeden Fall die sachgrundlose Befristung abschafft. Und wir brauchen bessere Tariflöhne und einen höheren Mindestlohn. Dann müssen mehr Kontrollen stattfinden: Wenn es in einem Betrieb schlecht läuft, passiert das nicht einmal, sondern immer. Die Industrie- und Handelskammern (IHK) sind da oft zu lasch. Missstände gibt es, weil sich die Leute für unangreifbar halten. Die denken, sie kommen damit durch, weil der der Chef mit dem IHK Chef befreundet, die gehen am Wochenende zusammen Golf spielen. Wir brauchen in der Branche generell eine andere Ausbildungskultur. Das Lernen muss im Vordergrund stehen und nicht billige Arbeitskräfte. Aber klar ist auch: Wir können nur etwas erreichen, wenn wir was gemeinsam tun. In der Gruppe ist man stark: Wir haben in Hamburg Hotels mit 40 oder 50 Auszubildenden, das ist schon eine Macht.

Was ist in Corona-Zeiten mit der Ausbildung?
Das größte Problem war, dass die Betriebe die Festangestellten in Kurzarbeit schicken, weil das billiger ist, und den ganzen Betrieb mit Auszubildenden laufen lassen. Im ersten Lockdown gab es Betriebe, die wurden komplett von Auszubildenden geschmissen.

Die Restaurants sind zum Teil geschlossen, was machen die Auszubildenden jetzt mit ihrer Ausbildung?
Zum Teil sind die Auszubildenden jetzt auch in Kurzarbeit und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Dabei kann man trotz geschlossenem Betrieb viel aus dem Ausbildungsplan umsetzen, aber das passiert häufig nicht. Deshalb sind Initiativen wie das „Ausbildungshotel“ in Berlin so wichtig. Davon bräuchten wir mehr, damit Ausbildung fortgesetzt werden kann.