Deutscher Gewerkschaftsbund

Viel zu selten im Betrieb

Der DGB stellt fest, dass behinderte Jugendliche viel zu selten im Betrieb ausgebildet werden. Und fordert ein ganzes Bündel von Maßnahmen.

Ausbildungshemmnis Ausbildungsplatzmangel
Junge Menschen mit einer Behinderung absolvieren nur selten eine betriebliche Berufsausbildung. Das ist das Ergebnis der Studie "Ausbildung behinderter Jugendlicher – zu selten im Betrieb", durchgeführt von der Abteilung Arbeitsmarktpolitik beim DGB-Bundesvorstand. Die Chancen von benachteiligten Jugendlichen am Ausbildungsmarkt waren in den vergangenen Jahren sehr schlecht, da es viele BewerberInnen und zu wenig Ausbildungsplätze gab.

Auch momentan bildet insgesamt nur knapp jeder vierte Betrieb aus. Die Hürden für eine betriebliche Ausbildung sind demgemäß für behinderte Jugendliche oft sehr hoch. Die AutorInnen Wilhelm Adamy und Silvia Helbig kommen zu dem Schluss: "Stellenaus­schreibungen, Bewerbungsverfahren und die Ausbildung selbst sind zu selten auf ihre individuellen Fähigkeiten ausgerichtet."

Dabei nimmt die Zahl der behinderten jungen Menschen sogar leicht zu. Waren 2005 noch ca. 185.000 Jüngere zwischen 15 und 25 Jahren amtlich anerkannt behindert, so war ihre Zahl vier Jahre später auf 199.000 gestiegen.

Rechtsanspruch
Dabei sind die Voraussetzungen nicht nur schlecht. Die Ausbildung behinderter Jugendlicher erfolgt in der Regel über eine Förderung durch die Arbeitslosenversicherung. Im Gegensatz zu ihren AltersgenossInnen haben behinderte Jugendliche einen Rechtsanspruch auf eine berufliche Erstausbildung. Ca. 65.000 befanden sich 2012 in einer Ausbildung oder Maßnahme.

Jetzt das große "Aber": Der Großteil dieser geförderten Ausbildungen findet nicht im Unternehmen statt, sondern in außerbetrieblichen Einrichtungen. Dies bringt zusätzliche Probleme beim Berufseinstieg mit sich. Außerbetriebliche Ausbildungen gelten als Manko, da aus Sicht der Unternehmen die Erfahrung im "richtigen" Betrieb fehlt.

Die vorgefertigten Pfade müssen noch durchlässiger in Richtung Unternehmen werden, fordern die DGB-AutorInnen. Hierbei könne erst einmal die Erhöhung der Praxisanteile in diesen Maßnahmen ein wichtiger Schritt sein, wie er auch von der Bundesagentur für Arbeit (BA) angestrebt werde: "So werden die Berufsbildungswerke in die Pflicht genommen, den Anteil der so genannten verzahnten Ausbildung zu erhöhen."

Barrieren
Man sieht: Die BA hält passgenaue Fördermöglichkeiten bereit. So ist die finanzielle Förderung der betrieblichen Ausbildung durchaus ein genutztes Instrument bei den Arbeitgebern. Kleine Unternehmen, die bereits erste positive Erfahrungen gemacht haben, scheinen hier besonders aufgeschlossen. Anderswo sieht es weniger gut aus: Für größere Unternehmen scheint der Anreiz der finanziellen Förderung nach den DGB-Ergebnissen nicht im gleichen Maße interessant zu sein.

Die Ausbildung junger behinderter Menschen im Unternehmen ist ein Muss. Allerdings sind die Hindernisse, die dem bisher entgegenstehen, augenfällig. So verweigert sich ca. ein Drittel der beschäftigungspflichtigen Betriebe der Ausbildung und Beschäftigung behinderter Menschen mit einer Beschäftigungsquote von unter einem Prozent beinahe komplett. 77 Prozent der Betriebe erfüllen die gesetzliche Beschäftigungsquote von fünf Prozent nicht. Adamy und Helbig schließen daraus: "Unternehmen, die sich für behinderte Mitarbeiter entscheiden, brauchen kompetente und verlässliche Beratungsstrukturen. Hier besteht aufgrund des komplexen Rehabilitationssystems in Deutschland Verbesserungsbedarf."

Das muss getan werden
Damit mehr junge behinderte Menschen eine duale Ausbildung im Betrieb absolvieren können, schlägt der DGB vor:
Die Länder müssen das Schulsystem inklusiver gestalten, um so auch den Anteil von jungen behinderten Menschen ohne Schulabschluss zu reduzieren.

  • Die Ausbildungsbereitschaft der Unternehmen muss erhöht werden. Durch eine deutliche Erhöhung der gestaffelten Beiträge zur Ausgleichsabgabe auf 250, 500 und 750 Euro durch den Gesetzgeber sollen Unternehmen, die bisher in keinem oder zu geringem Umfang behinderte Menschen ausbilden oder beschäftigen, einen stärkeren Anreiz erhalten, diese Haltung zu überdenken.
  • Die Beratung und Begleitung für die Unternehmen, die behinderte Menschen beschäftigen, muss niedrigschwellig und barrierefrei sein, damit ein reibungsloser Ablauf gewährleistet ist.
  • Für Menschen mit Behinderung ist eine Ausbildung in einem vollqualifizierenden, regulären Ausbildungsberuf anzustreben. Hierbei sollten die AusbilderInnen einem individuellen Förderplan folgen, der auch den behindertenspezifischen Unterstützungsbedarf berücksichtigt.
  • Auch die Berufsschulen müssen barrierefrei sein.
  • Mit der Einführung des Hartz IV-Systems 2005 ist die Situation für behinderte Menschen deutlich komplizierter geworden. Schwerbehinderte Menschen, die auf Hartz IV angewiesen sind, werden von den Jobcentern oder Optierenden Kommunen betreut. Allerdings gibt es hier nicht zwingend speziell geschulte VermittlerInnen. Dies hat zur Folge, dass Reha-Bedarf oftmals nicht erkannt oder anerkannt wird. Wenn aber doch, dann werden die Betroffenen zur Agentur für Arbeit weitergeleitet. Der DGB fordert seit langem vom Gesetzgeber, dass schwerbehinderte Menschen aus einer Hand von der Agentur für Arbeit betreut werden. Außerdem müssen bei den Jobcentern flächendeckend spezielle Vermittler eingesetzt und eigene Budgets für Reha eingerichtet werden.


Die Kurzstudie "Ausbildung behinderter Jugendlicher – zu selten im Betrieb" ­findet ihr unter www.dgb.de/-/FwW


(aus der Soli 12/13, Autor: Soli aktuell)