Deutscher Gewerkschaftsbund

Elke Hannack: Warteschleifen sind ein Skandal

Elke Hannack ist die neue stellvertretende DGB-Vorsitzende. Im DGB-Vorstand ist sie für das Thema Jugend zuständig. Soli-aktuell-Redakteur Jürgen Kiontke sprach mit der engagierten Gewerkschafterin über ihre Vorstellungen.

Elke, warum sollte ein Azubi in die Gewerkschaft eintreten?
Er muss das auf jeden Fall, wenn er irgendetwas durchsetzen will, was gute Arbeitsbedingungen oder eine gute Ausbildungsvergütung angeht. Allein wird er nichts erreichen gegen derzeit ziemlich mächtige Arbeitgeber. Mit der Sozialpartnerschaft ist es im Moment nicht so weit her - da hat das Kapital nach wie vor bessere Chancen als ein einzelner Arbeitnehmer. Also: Organisieren. Nur gemeinsam sind wir stark.

Man merkt schon: Du bist von Hause aus Arbeits- und Sozialpolitikerin, kümmerst dich jetzt aber um die Jugend. Welches Thema setzt du oben auf die Liste?
Das Übergangssystem. Was sich da in den letzten Jahren verfestigt hat, muss man sehr, sehr kritisch auseinandernehmen. Wir haben immer mehr junge Leute, die in den Warteschleifen hängen. Die zum Teil unsinnige Maßnahmen durchlaufen müssen, an deren Ende kein qualifizierter Abschluss steht. Die meisten sind absolut ausbildungswillig und ausbildungsfähig - denen muss man auch eine Ausbildung ermöglichen. In diesem Sinne will ich viel dafür tun, dass das Recht auf Ausbildung auch gesetzlich verankert wird.

Es heißt, dass du gar nicht zum DGB wolltest - die Bundeskanzlerin persönlich soll dich zum DGB geschickt haben.
Ich habe Angela Merkel im Vier-Augen-Gespräch gesagt: "Ich habe so meinen Ruf", und die nickte nur und sagte: "Ich weiß." Sie hat mich gebeten, diese Position zu übernehmen, weil das Thema Einheitsgewerkschaft für die großen Volksparteien wichtig ist. Insofern bin ich auch gern gekommen. Aber ich werde natürlich sehr kritisch gegen jede Parteienkonstellation ins Feld ziehen, wenn es darum geht, gute Bedingungen für Beschäftigte und Auszubildende zu schaffen.

Du bist in der CDU und stellvertretende Vorsitzende des Arbeitnehmerflügels Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA).
Die CDA ist nach dem Zweiten Weltkrieg als eigenständige Organisation in der CDU entstanden, das heißt, man kann CDA-Mitglied werden, ohne CDU-Mitglied zu sein. Insofern können wir dort relativ unabhängig kritische Themen in die CDU tragen.

Was kann man aus den Gewerkschaften im Hinblick auf die Jugend in die Politik deiner Partei einfließen lassen?
Ich kenne überhaupt keine Politikerin oder Politiker, die oder der nicht an irgendeiner Stelle sagt: Die Jugend ist unsere Zukunft, da müssen wir gute Bedingungen schaffen. Aber getan wird regelmäßig nix. Ich glaube, das Bewusstsein für die Probleme ist da, aber es muss viel mehr gemacht werden, um Jugendlichen gute Startbedingungen ins Berufsleben zu geben. Und diese Forderung muss man immer wieder in die Öffentlichkeit tragen. Wenn eine Bundeskanzlerin allerdings mit dem französischen Präsidenten einen Jugendgipfel wie am 3. Juli organisiert, ohne die Sozialpartner - sprich Gewerkschaften und Arbeitgeber - einzuladen, dann ist das skandalös. Deshalb finde ich es gut, dass wir im DGB gesagt haben, dass wir einen alternativen Gipfel am selben Tag organisieren, möglichst gegenüber vom Kanzleramt. Und dann laden wir die hohen Herrschaften mal ein zu den jungen Leuten. Dann sollen die sich mal mit jungen Spaniern, Italienern, Franzosen und Deutschen auseinandersetzen. Und wirklich sagen, was sie konkret tun, um die Jugendarbeitslosigkeit einzudämmen.

Angeblich geht's der Jugend in Deutschland ja gut.
Ja, die Arbeitslosigkeit ist hier relativ niedrig. Aber da wird natürlich vergessen, dass wir ein gutes System haben, um die Jugendarbeitslosigkeit nicht exponentiell anwachsen zu lassen: die duale Ausbildung. Doch wir haben unglaubliche Unwuchten bei uns. Das wird bei der Diskussion eigentlich immer vergessen. 270.000 junge Menschen in Warteschleifen, das finde ich einen Skandal, den sich das Land nicht leisten kann.

Ist denn grundsätzlich mit der CDU und der FDP an der Regierung eine sozialere Politik möglich?
Ich glaube: in der Konstellation absolut nicht. Der CDA-Vorsitzende Karl-Josef Laumann hat das für die Sozialpolitik so ausgedrückt: eine verlorene Legislaturperiode. Es ist nichts zustande gebracht worden. Deshalb brauchen wir eine andere Parteienkonstellation nach der Wahl. Mit der FDP werden wir wichtige gewerkschaftspolitische Themen nicht bearbeiten können.

Wäre dir eine große Koalition am liebsten?
Ich habe da keine Präferenzen. Letztlich muss ich in meiner Position auf alle Parteien zugehen können. Das ist wichtig für uns, um glaubwürdig zu sein.

Die CDU koaliert mit der Linkspartei!
Ja, mir folgt ja schon der Ruf, ziemlich links zu sein und dass die CDA-Kollegen links der Sozialdemokratie stehen. Wir könnten mit einer großen Koalition ganz gut leben. Die Politik hat Aufgaben vor sich, die nur über Parteigrenzen hinweg angegangen werden können: Armut und Arbeit, Armut und Alter… Wir könnten auch mit Rot-Grün leben, keine Frage. Allerdings hatten wir schon so eine Regierung, und da haben wir Gewerkschaften viel Hoffnung reingesetzt. Wir haben wenig bis nichts und katastrophale Entscheidungen bekommen: Hartz IV, Agenda 2010, Privatisierung der Rente. Das haben wir bis heute nicht vergessen. Insofern schaue ich persönlich kritisch auf diese Parteienkonstellation. Aber: Wir müssen mit jeder Regierung zurecht kommen.

Du nimmst eher eine Mittlerposition ein.
Ja.

Muss die DGB-Jugend jetzt öfters mit der Jungen Union essen gehen?
Nö. Aber vielleicht mit der Linken. Die Junge Union ist ja so ein Thema… Wir versuchen auch, mit der jungen CDA eine Anbindung dahin zu bekommen. Aber die Junge Union hat Positionen, die nicht unbedingt gewerkschaftslike sind. Ausbildung oder Arbeitsbedingungen, das sind keine Themen für die. Die fragen eher, ob einer mit 75 noch eine neue Hüfte braucht. Ich glaube, mit denen werden wir weniger ausgehen. Mit anderen Jugendorganisationen dürfte das besser funktionieren.

Was kann die Gewerkschaftsjugend von dir erwarten?
Ich gehe nicht soweit, dass wir sagen, wir können das Übergangssystem abschaffen. Aber wir müssen es für die jungen Menschen entwickeln, die tatsächlich unterstützende Maßnahmen brauchen. Wir brauchen ein gesetzliches Recht auf Ausbildung und dafür will ich mich über die Parteigrenzen hinweg einsetzen. Es muss auch Schluss damit sein, dass jährlich 50.000 junge Leute die Schule ohne Abschluss verlassen. Und man muss sich verstärkt um die Hauptschüler kümmern, da findet eine Stigmatisierung statt. Die haben auch mit Abschluss keine Chance auf einen Ausbildungsplatz.

Sollte es denn überhaupt noch Hauptschulen geben?
Es gibt durchaus alternative Schulformen, die ein gemeinsames langes Lernen zulassen. Wie in den skandinavischen Ländern: mit Spezialisierungssträngen, die den Talenten Rechnung tragen.

Was erwartest du von der DGB-Jugend? Die muss dir ja zuarbeiten…
Das macht die auch schon. Allerdings hatte ich mir die DGB-Jugend auf Bundesebene nicht so selbstständig vorgestellt. Dass mir der Bundesjugendsekretär sagt: "Nee, nee, Elke, diese Stellenausschreibung, die machen wir schon allein. Dafür sind wir schließlich eine eigenständige Organisation." Ich finde es aber ausgesprochen gut, dass die DGB-Jugend so selbstbewusst ist. Wobei dies ja auch eine schwierige Aufgabe ist: die Jugendverbände aller Gewerkschaften zu koordinieren und auch thematisch unter einen Hut zu kriegen. Um im Bild zu bleiben: Hut ab. Die machen das supergut. Ansonsten gilt: Ich erwarte eine vernünftige und permanente Zuarbeit, was die Themen angeht, weil ich sie in die Politik und in die Öffentlichkeit tragen muss. Also her damit. Ich sehe dabei, dass die DGB-Jugend ausgesprochen kreativ ist, auch neue Aktionsformen zu testen.

Können die Gewerkschaften mit ihrer Politik die Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft verändern?
Da bin ich nicht sicher. Die Wirtschaft ist in der Verantwortung und nimmt sie nicht wahr. Gerade nach der Krise wäre es logisch, vermehrt auszubilden. Das Ausbildungsbemühen ist auf historischem Tiefstand, nur knapp 22 Prozent der Betriebe sind da noch aktiv. Deshalb bin ich für eine Ausbildungsumlage. Wir haben immer gesagt: Wer nicht ausbildet, soll zahlen. Die Betriebe würden ja - Stichwort Fachkräftemangel - auch davon profitieren.

Was sagst du zum Thema Studium? Du hast ja selbst als Packerin angefangen, wie wichtig ist dir Bildung?
Bildung war mir immer sehr wichtig. Ich habe neben meiner Schulzeit schon gearbeitet, dann nach dem Abitur; irgendwann auch unbefristet, von der Packerin ging es zur Verkäuferin und zur Erstverkäuferin. Dann Betriebsratsvorsitzende in dem Laden. Anschließend habe ich studiert. Die Familie hat mir vermittelt: Bildung ist das A und O. Und mit vernünftiger Ausbildung und Bildung hast du auch eine Chance, dein Leben zu meistern. Dass es heute nicht mehr so ist, dass jeder, der eine Ausbildung gemacht hat, auch einen Arbeitsplatz kriegt, ist eine krasse Veränderung. Früher war klar: Wer eine Ausbildung hatte, der wurde übernommen.

Viele landen heute trotz Ausbildung in prekärer Beschäftigung. Was hast du da vor? Ist es da mit der gewerkschaftlichen Forderung nach einem Mindestlohn von 8,50 Euro getan?
Mindestens 8,50 Euro. Das soll nur ein Einstieg sein. Wir wissen heute, dass auch zehn Euro nicht reichen. Man bräuchte heute schon einen Mindestlohn von knapp 14 Euro, um nach 45 Jahren eine armutsfeste Rente zu haben. Bei 8,50 Euro wurde an den Niedriglohnbereich gedacht, der heute schon 22 Prozent des Arbeitsmarktes ausmacht. Damit man einigermaßen über die Runden kommt und den Lohn nicht zusätzlich mit Hartz IV aufstocken muss. Jedes Jahr müssten die Lebenshaltungskosten berechnet und auf dieser Grundlage ein Mindestlohn entwickelt werden.

Also: Wir brauchen die Blockade für die Sozialpolitik.
Auf jeden Fall.

Die DGB-Jugend-Kampagne "Jugend macht Ansagen" - ist sie sozialpolitisch genug ausgerichtet?
Ja, eine super Kampagne, und auch super umgesetzt. Richtig kreativ und innovativ, mal ganz was anderes als die Podiumsdiskussionen oder was wir sonst immer machen. Da hat die Jugend ein Signal gesetzt: Hier kommen wir - und mit neuen Aktionsformen. Eine tolle Sache.

Sind Gewerkschaften eine verlässliche Größe für die junge Generation?
Ja. Die großen Gewerkschaften richten ihre Angebote sehr auf junge Menschen aus. Aussage: Wir wollen etwas für euch tun und kämpfen für eure Position. Vorher musste sich die Jugend immer ihren Status erkämpfen, so nach dem Motto: "Hallo, wir sind auch noch da und nicht nur eine von vielen Gruppen, wir haben eigene Positionen und wollen eigene Politik machen. Ich glaube, da tut sich was, und die Gewerkschaften nehmen die Jugendpositionen sehr viel ernster.

Welche Impulse können für die Jugend in Europa von den deutschen Gewerkschaften ausgehen?
Ich bin gegen das, was die Bundesregierung will: die duale Ausbildung einfach nach Europa exportieren und hoffen, dass dann alles gut wird. Mit dualer Ausbildung allein wirst du die Jugendarbeitslosigkeit nicht in den Griff kriegen. Ich glaube schon, dass wir Hilfestellung geben können - wenn z. B. duale Elemente als Mindeststandards eingeführt würden, wie etwa eine drei- bis vierjährige Regelausbildung, ein Berufsbildungsgesetz, gesetzliche Ausbildungsvergütungen. Dann hätten wir schon viel erreicht. Da sind wir schon in einer besonderen Verantwortung. Deutschland muss andere Länder finanziell unterstützen, damit sie eine entsprechende Infrastruktur für eine Ausbildung und gegen Jugendarbeitslosigkeit aufbauen können.

Das Geld ist aber bei den Banken gelandet.
Tja, und eigentlich müsste es in die Wirtschaftspolitik fließen. In Griechenland sind fast 70 Prozent der jungen Leute arbeitslos, man lässt eine ganze Generation ins Nichts laufen. Ich glaube nicht, dass das eine Volkswirtschaft lange aushält. Wer die stärksten Schultern hat, und dazu gehört Deutschland, muss auch am meisten tragen.

Elke Hannack, stellvertretende DGB-Vorsitzende

Elke Hannack wurde 1961 in Gladbeck geboren. 1981 dann Abitur am Anne-Frank-Gymnasium Werne an der Lippe. Sie arbeitete schon während der Schulzeit als Packerin und Verkäuferin im Kaufpark Werne an der Lippe, wurde dann später dort Betriebsratsvorsitzende und war zunächst in der Gewerkschaft Handel, Banken, Versicherungen. Gewerkschaftsmitglied ist sie seit 1984, Mitglied der CDU sogar seit 1980. Sie ist im Vorstand der christdemokratischen Arbeitnehmervereinigung CDA.
Elke studierte evangelische Theologie, arbeitete beim DGB in mehreren Positionen - von der Organisations- und Rechtsschutzsekretärin bis zur stellvertretenden DGB-Chefin in NRW. Sie wechselte zu ver.di in den Vorstand. Bei der Neubildung des DGB-Bundesvorstandes hat sie die Ressorts Jugend, Frauen, Beamte und Bildung übernommen.
Susanne M. Neumann

Kleine Fragen

Elke, wer wartet zu Hause auf dich?
Meine Frau. Ich bin verpartnert, also verheiratet, seit zehn Jahren. Im Moment ist sie arbeitslos. Der letzte Umzug von Bonn nach Berlin hat sie ihren Job gekostet. Seitdem sucht sie hier und man merkt, dass es mit 51 als Bürokauffrau schwierig ist, eine Stelle zu finden.

Musik?
Ich höre gern neue Sachen, die französische Sängerin Zaz zum Beispiel - sie verbindet Chansons mit Jazz zu neuem Pop. Hin und wieder höre ich ein bisschen Klassik. Und alles was sich schön anhört!

Kino oder Theater?
Im Moment mehr Kino.

Was schaust du dir abends so im Fernsehen an?
Letztens auf Arte: "Jurassic Park", Teil 1 bis 4.

Wie geht es dir, wenn du selbst im Fernsehen bist?
Ich war jetzt bei verschiedenen Phoenix-Runden Das mache ich ganz gerne - da wird auch mal lautstark gestritten. Die Fernsehauftritte werden auf jeden Fall noch zunehmen.

Wie stehst du zu den neuen Medien und sozialen Netzwerken?
Das werde ich angehen. Ich hab da aber in meinem Umfeld ein paar schlechte Erfahrungen gemacht: Ich kenne Leute, die machen Fotos, wo sie gehen und stehen. Die könnten auch mal fragen, ob man will, dass das alles hochgeladen wird! Während der Sitzung wird dann schon eingestellt. Oder Privates ausgeplaudert. Das hat mich abgeschreckt.

Die Gewerkschaftsjugend stellt auch allerlei auf Facebook…
Ich habe die Gewerkschaftsjugend immer beobachtet, die ist da sehr gut vertreten. Das finde ich okay, die arbeitet ja auch richtig damit.

Bist du auch ein Fan von US-Präsident Barack Obama?
Ja, eigentlich. Ich kenne zwar keinen amerikanischen Präsidenten, außer Jimmy Carter, der in der Legislaturperiode nicht mindestens einen Krieg angefangen hat. In Syrien steht es bei Obama nun auch auf der Kippe. Aber er hat angefangen, Sozialpolitik zu machen und sich für die Gesundheitsversorgung einzusetzen. Denn wer in den USA krank wird, wird arm.

Hast du schon mal Zigaretten geraucht?
Mach ich immer noch.

Marihuana?
Nein. Niemals.

Kirche oder Disko?
Disko!


(aus der Soli aktuell 8-9/13, Autorin: Soli aktuell)