Deutscher Gewerkschaftsbund

Eine Auszeit nehmen

Kann man für eine Casting-Show eine Pause einlegen? Fürs Ehrenamt? Wie und wann eine Freistellung drin ist, erläutert "Dr. Azubi"-Chef-Model-Agentin Julia Kanzog.

Freistellung
Das Berufsbildungsgesetz (BBiG) sieht eine verpflichtende Freistellung der Azubis von der betrieblichen Ausbildung für die Teilnahme am Berufsschulunterricht, an Prüfungen und für Ausbildungsmaßnahmen vor, die außerhalb der Ausbildungsstätte durchgeführt werden. Ganz wichtig: Während dieser Zeiten wird die Vergütung vom Ausbildungsbetrieb weitergezahlt. Weitere Freistellungsverpflichtungen gibt das BBiG nicht vor. Dennoch können sich aus anderen Gesetzen weitere Möglichkeiten der Freistellung ergeben. 

Schulbank drücken
Im "Dr. Azubi"-Forum tauchen immer wieder Fragen zur Freistellung durch den Arbeitgeber für die Berufsschule und der damit verbundenen Anrechnung auf die Arbeitszeit auf. Der Besuch der Berufsschule ist kein Privatvergnügen, vielmehr sieht das duale System die Berufsschule als Lernort in der Ausbildung vor. Ihr Besuch ist verpflichtend. Dein Arbeitgeber muss dich für die Berufsschule bezahlt freistellen und dich auch dazu anhalten, sie zu besuchen.

Allerdings gibt es Unterschiede in der Anrechnung, je nach Alter der Auszubildenden: Bei Minderjährigen wird ein Berufsschultag, der mehr als fünf Unterrichtseinheiten umfasst, als voller Arbeitstag angerechnet.

Achtung: Das gilt nur einmal die Woche! Bei einem weiteren Berufsschultag in der gleichen Woche wird nur noch die tatsächliche Unterrichtszeit inklusive der Pausenzeiten angerechnet. Es kann also sein, dass du am zweiten Berufsschultag noch im Betrieb beschäftigt werden kannst.

Etwas anderes gilt bei Blockunterricht: Wenn die Unterrichtszeit auf fünf Tage in der Woche verteilt mindestens 25 Stunden umfasst, wird die Blockwoche mit 40 Stunden auf die Arbeitszeit angerechnet (§ 9 Jugendarbeitsschutzgesetz). Bei Volljährigen wird nur die tatsächliche Zeit in der Berufsschule inklusive Pausen angerechnet.

Das Ganze hat einen Haken: Denn eine Anrechnung erfolgt nur, wenn sich die Berufsschulzeit und die regelmäßige Arbeitszeit im Betrieb überschneiden. Wenn beispielsweise die Berufsschule immer um acht Uhr beginnt, die Arbeitszeit im Betrieb aber erst um neun, dann kann die erste Stunde nicht auf die Arbeitszeit angerechnet werden. Es kann also passieren, dass Volljährige über die vertraglich festgelegten Arbeitsstunden hinaus Zeit im Betrieb und in der Berufsschule verbringen. Die Höchstarbeitsgrenze liegt aber bei 48 Stunden in der Woche.

Dein Ausbilder muss dich für die Teilnahme an der Abschlussprüfung freistellen. Minderjährige müssen auch an dem Tag vor der schriftlichen Abschlussprüfung freigestellt werden.  

Ehrensache – Ehrenamt?  
Du engagierst dich ehrenamtlich in Jugendarbeit? Da deine Zeit neben der Ausbildung knapp bemessen ist und die Bundesländer ehrenamtliches Engagement als besonders wichtig und förderungsfähig sehen, gibt es Regelungen für eine zusätzliche Freistellungsverpflichtung, wenn du bei Jugendfreizeiten Gruppen leitest oder an Aus- und Fortbildungen teilnimmst. Die Freistellung für ehrenamtliche Tätigkeiten im Jugendbereich ist also Ländersache und daher sehr unterschiedlich geregelt. Im Durchschnitt gibt es in Deutschland pro Kalenderjahr zwölf Tage frei. Dein Arbeitgeber kann diesen Sonderurlaub nur verwehren, wenn zwingende betriebliche Gründe vorliegen.

Den Antrag auf Freistellung solltest du auf jeden Fall frühzeitig stellen. Die Freistellung erfolgt in aller Regel unentgeltlich, aber auch hier gibt es unterschiedliche Handhabungen in den Bundesländern. Oftmals besteht auch die Möglichkeit, über den entsprechenden Verband oder den Träger eine Verdienstausfallentschädigung zu beantragen.  

Weitere Freistellungsmöglichkeiten  
Natürlich hast du neben der oben genannten Freistellung einen Anspruch darauf, deinen Jahresurlaub im laufenden Kalenderjahr zu nehmen. Über deinen vertraglich festgelegten Urlaubsanspruch kannst du unter Umständen für besondere Fälle – z.B. bei einem betrieblich veranlassten Umzug, bei familiären Ereignissen (eigene Hochzeit, Todesfälle naher Angehöriger sowie die Geburt des eigenen Kindes) oder bei der Erkrankung von nahen Angehörigen – Sonderurlaub nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) beantragen. Manche Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen sehen hier besondere Regelungen vor.

Was das BGB auch vorschreibt: Solltest du im Anschluss an deine Ausbildung nicht übernommen werden, muss dich dein Arbeitgeber für Vorstellungsgespräche bezahlt freistellen. Die Regel gilt: Immer dann, wenn du unverschuldet dem Arbeitsplatz fernbleibst, besteht eine Fortzahlungsverpflichtung deines Arbeitgebers. Im Krankheitsfall gilt das bis zur Dauer von sechs Wochen, danach greift das Krankengeld. Das ist auch so, wenn die Ausbildung aus betrieblichen Gründen ruht: zum Beispiel bei Auftragsmangel oder weil die Ausbildungsstätte abbrennt.

Möchtest du in anderen Fällen eine Auszeit deiner Ausbildung beantragen, liegt es im Ermessen deines Betriebes, ob dies genehmigt wird. Die Teilnahme bei "Germany's Next Top Model" oder eine Auszeit für eine gewonnene einjährige Weltreise ist leider dein komplettes Privatvergnügen.

Weil der Grundsatz der zwei Lernorte Betrieb und Schule gilt, muss bei einer Freistellung immer auch Rücksprache mit der Berufsschule gehalten werden. Je nach Alter, Vorbildung und Bundesland unterliegst du noch der (Berufs-) Schulpflicht.

Achtung: Fehlst du unentschuldigt in der Schule, stellt dies eine Ordnungswidrigkeit dar, die einen Bußgeldbescheid zur Folge haben kann! Eine Beurlaubung vom Unterricht ist nur in besonderen, begründeten Ausnahmefällen möglich. Falls du also den Satz hören möchtest: "Ich habe heute ein Foto für dich", solltest du dich zunächst mal mit deinem Betrieb und deiner Schule auseinandersetzen.


(aus der Soli aktuell 6/13, Autor: Julia Kanzog)