Deutscher Gewerkschaftsbund

Die Grenze überschritten

"Sie könnten ein Dirndl ausfüllen": Ein Politiker macht einer Journalistin gegenüber anzügliche Bemerkungen – zu Anfang des Jahres gab das eine Riesendiskussion! Soli-aktuell-Kolumnistin Julia Kanzog berichtet, was sich junge Menschen in der Ausbildung anhören müssen.

Sexuell abwertende Bemerkungen oder Handlungen stellen Auszubildende vor eine schwierige Situation. Denn die Angst, nicht ernst genommen zu werden oder die Ausbildung abbrechen zu müssen, ist groß. Außerdem ist es für junge Menschen nicht immer einfach, die Grenzen wahrzunehmen. "Wo hört nett sein auf und wo beginnt sexuelle Belästigung am Ausbildungsplatz?" – diese Frage wird im "Dr. Azubi"-Forum immer wieder verzweifelt gestellt.

Sexuelle Belästigung am Ausbildungsplatz, das sind oftmals anzügliche Bemerkungen und Witze. Eine Azubine berichtet mir im Forum, dass der Chef ihr täglich sagt, dass ihre Brüste aus ihrer Bluse rausquillen und sie ein Nuttenparfüm trägt. Dieser Art sexistische Kommentare über das Äußere stellen eine klare Grenzüberschreitung dar. Dazu zählt auch das ungewünschte Zeigen von pornografischen Bildern am Arbeitsplatz.

Über körperliche Berührungen (Kneifen und Po-Klapsen, Berühren der Brust) wird ebenfalls berichtet. Eine Forum-Userin schreibt, dass sie zum wiederholten Male von ihrem Chef auf den Po gehauen und auf den Schoß gezogen wurde. Eine andere klagt, dass ein Mitarbeiter ihr ungefragt Nackenmassagen gibt. Obendrein hat der Belästiger ihre Brust begrapscht und versucht, sie zu küssen. Eine Auszubildende schreibt, dass ein Gast ihr gegenüber während der Zimmerreinigung handgreiflich im Sinne von sexueller Belästigung wurde.

Ganz klar ist: Aufforderungen zu sexuellen Handlungen oder Verkehr, die nicht in beiderseitigem Einvernehmen stattfinden, stellen immer eine Belästigung dar. Oft hört der Druck nicht auf: Nachdem eine Auszubildende sich einer Annäherung durch den Chef widersetzt hatte, ließ er sie wissen, dass sie ihren Ausbildungsplatz verlieren werde, wenn sie es jemanden erzählen würde. Glauben würde ihr sowieso keiner. Aus den Einträgen im "Dr. Azubi"-Forum werden viel Hilflosigkeit und auch Unwissenheit deutlich. Kein Wunder.

Ganz klar ist: Das Ausüben eines Machtverhältnisses, das Ausspielen der höheren Position im Betrieb und die damit verbundene Androhung von beruflichen Nachteilen, wenn die Zudringlichkeiten zurückgewiesen werden – all dies fällt unter sexuelle Belästigung. Und du entscheidest, wann du dich belästigt fühlst.

Versprechen von beruflichen Vorteilen bei sexuellem Entgegenkommen, wie beispielsweise die Bewilligung eines Zusatzkurses während der Ausbildung oder gute Zeugnisnoten bei sexuellem Kontakt sind eine Grenzüberschreitung, die keine Auszubildende hinnehmen muss und soll.

Wichtig: Die Userinnen im Forum sind den ersten Schritt gegangen: Sie sind sich ihrer Gefühle bewusst geworden. Denn um mit dieser schwierigen Situation klarzukommen, ist es sehr wichtig, mit einem Menschen deines Vertrauens zu sprechen: ArbeitskollegInnen, Freunde, Verwandte, LehrerInnen der Berufsschule … Du kannst dich auch immer anonym bei Beratungsstellen vor Ort informieren. In größeren Betrieben gibt es häufig eine Frauenbeauftragte und einen Betriebsrat bzw. eine Jugend- und Auszubildendenvertretung, die dich unterstützt.

Deine AusbilderInnen haben dir gegenüber eine Fürsorgepflicht nach dem Berufsbildungsgesetz. Ihre Handlungsmöglichkeiten reichen von der Versetzung des Belästigers bis hin zu seiner Kündigung. Die Gesetze sind hier eindeutig: Falls dein Ausbilder dein Anliegen nicht ernst nimmt oder sich nicht darum kümmert, kann er unter Umständen schadensersatzpflichtig sein – und du hast die Möglichkeit, deine Ausbildungsleistung bei laufenden Bezügen zu verweigern.

Das solltest du auf jeden Fall schriftlich mitteilen und dir dafür rechtlichen Rat bei deiner zuständigen Gewerkschaft holen. Denn es ist oftmals schwierig, Belästigung zu beweisen. Deshalb ist es gut, schriftlich festzuhalten, was sich wann, wo und mit welcher Person abgespielt hat. Um deinem Tagebuch mehr Beweiskraft zu verleihen, kannst du es auch eidesstattlich durch einen Anwalt absegnen lassen. Falls du fristlos kündigen oder den Belästiger anzeigen möchtest, kannst du so deinen Aussagen Glaubwürdigkeit verleihen.

Du solltest auf jeden Fall aktiv und offensiv gegen die Belästigung vorgehen: Stell die belästigende Person zur Rede, am besten im Beisein von ZeugInnen. Setz dich auch körperlich zur Wehr, um unangenehmes Berühren zu verhindern. Und drohe rechtliche Folgen an: Denn du hast die Möglichkeit, den Täter zu verklagen.

Sexuelle Belästigung kann weitreichende Auswirkungen haben. Eine Auszubildende im Forum schreibt, dass es ihr psychisch nicht gut geht, sie die Lust an ihrem Ausbildungsberuf verloren hat und keine Lust mehr hat, zur Arbeit zu gehen. Körperliche und seelische Krankheiten wie Angst, Depression, Ess- und Schlafstörungen, Kopfschmerzen und Alpträume können Folgen von Belästigung sein. Letztlich ist es vielleicht notwendig, den Ausbildungsplatz zu wechseln und das Ausbildungsverhältnis aus wichtigem Grund fristlos zu kündigen. Die zuständige Gewerkschaft hilft dir dabei, das Problem zu lösen.


In der Soli 12-2011 hatten wir das Thema schon einmal aufgegriffen – die DGB-Jugend hatte in ihrem damaligen Ausbildungsreport das Thema sexuelle Belästigung untersucht.


(aus der Soli 4-13, Autor: Julia Kanzog)