Deutscher Gewerkschaftsbund

Jenny sagt: Der 1. Mai ist unser Tag

Der 1. Mai hat schon viel erlebt. Aber das macht ihn heute nicht weniger wichtig. Und er soll ein wichtiges Datum für die junge Generation sein, sagt Jenny Zimmermann.

Ist der 1. Mai schon solch ein Phänomen wie Pfingsten und viele andere Feiertage? Wisst ihr, was ich meine? Es gibt einfach Bräuche, die man begeht. Wird der vermeintliche Durchschnittsmensch dann gefragt "Warum das Ganze?", hat dieser vielleicht eine leise Ahnung, sattelfest kann er das aber nicht beantworten. Es sei ja schließlich auch egal! Die Sonne lacht, es ist ein schöner Frühlingstag. Grund genug, mal wieder mit Freunden wegzugehen: auf ein Bierchen und eine Bratwurst unter freiem Himmel, dazu Musik und allerlei Unterhaltung.

Mein Gewerkschafterinnenherz blutet! Das ist unser Tag! Nicht um uns selbst oder den Frühling zu feiern: Wir müssen kämpfen, laut sein, kreativ sein, viele sein – Ansagen machen.

Also ein kleiner Exkurs: 1886 kam es im Norden der USA in vielen Industrieregionen zu Massenstreiks. Die Arbeiterinnen und Arbeiter gingen vor die Fabriktore, um für den Acht-Stunden-Tag und für eine bessere Entlohnung zu kämpfen. In Chicago kam es zum so genannten Haymarket Riot, bei dem mehrere Menschen ums Leben kamen. 1889 erklärte die Zweite Internationale den 1. Mai auf ihrem Gründungskongress zum "Kampftag der Arbeiterbewegung", der als solcher seitdem weltweit – nun ja – "gefeiert" wird.

So gesehen sind wir 125 Jahre später inhaltlich in derselben Tradition. Was hingegen die Demonstrationskultur angeht, hat sich – zumindest in der Bundesrepublik – so einiges geändert. "Massentauglich" ist der 1. Mai heute nicht mehr.

Klagen wir zuviel? Oder fehlt uns das eindeutige Feindbild? Denkt man an die heute immer noch aktuelle Forderung nach der 35-Stunden-Woche, die damalige nach einem Acht-Stunden-Tag, bei 14 Stunden Arbeit an sieben Tagen in der Woche, sind diese beiden Ansprüche vielleicht klarer, greifbarer, vor allem mobilisierungsfähiger. Aber unsere jetzigen Ansagen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind genauso wichtig. Das muss da draußen mal ankommen! Sie betreffen Millionen junger Menschen und deren Zukunft: eine qualitativ hochwertige Ausbildung für alle, die unbefristete Übernahme im erlernten Beruf statt Leiharbeit und Niedriglohn, mehr Geld für Bildung, gleiche Bildungschancen und Teilhabegerechtigkeit unter anderem durch die Abschaffung von Gebühren für Studium und Ausbildung… Für ein Europa, das die Perspektiven und Hoffnungen der jungen Generation nicht verzockt.

Ich erinnere mich an die Worte unseres griechischen Gewerkschaftskollegen Ioannis Poupkos: "Wir sind die erste Generation, der es nicht besser gehen wird als ihren Eltern." Hinter diesem Satz steckt so viel bittere Wahrheit. Es schreit danach, dass wir endlich wieder auf die Straßen strömen und für unsere Wünsche und Träume kämpfen. Jeden Tag und besonders am 1. Mai. Das sind wir allen schuldig, die sich vor uns dafür eingesetzt haben, dass wir heute "auf hohem Niveau jammern dürfen", wie uns immer unterstellt wird.


Jenny Zimmermann ist DGB-Jugendbildungsreferentin in Thüringen.

 

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