Deutscher Gewerkschaftsbund

Die duale Ausbildung in der Wissenschaft

Viele Länder orientieren sich an der dualen Berufsausbildung in Deutschland, und auch für die Krise in Europa soll sie das geeignete Mittel für alles sein. Wie schön. Achtung, Achtung, warnt das Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) dieser Tage: Die sehr hohe berufliche Spezialisierung in der deutschen dualen Ausbildung könnte für ein hohes Risiko sorgen, nur befristete Jobs zu bekommen oder gar erwerbslos zu werden. Wie das?

Bildungsforscher Christian Ebner vergleicht für die Zeitschrift "WZB-Mitteilungen" die vier europäischen Länder mit dualer Ausbildung: Dänemark, Deutschland, Österreich und die Schweiz. Deutschland liegt mit rund 350 anerkannten Ausbildungsberufen bei der Angebotspalette weit vorn, gefolgt von der Schweiz und Österreich mit rund 250 und Dänemark mit knapp 150. "Mit zunehmender Zahl anerkannter Ausbildungsberufe ist anzunehmen, dass die Ausbildungen spezialisierter und das Spektrum der Berufe, die ausgeübt werden können, schmaler wird", schreibt Ebner. Die dänische Entwicklung bereite aber auch zunehmend Sorgen.  

Einen mittleren Grad an beruflicher Spezialisierung findet der Autor okay. So gebe es in Österreich die Möglichkeit, eine doppelte Ausbildung mit Abschlüssen in gleich zwei Ausbildungsberufen zu machen. Zudem verfüge Österreich über berufsbildende höhere Schulen, die auch eine Hochschulzugangsberechtigung verleihen – wovon man in Deutschland in der Tat nur träumen kann. Der Bildungsforscher Lukas Graf beschreibt das deutsche Problem an gleicher Stelle so: "Im Berufsbildungssystem gibt es eine Reihe von Akteuren, denen nicht daran gelegen ist, den Anteil des allgemeinbildenden Unterrichts auf Kosten der betrieblichen Praxisanteile zu erhöhen. Das gilt insbesondere für Betriebe, die vornehmlich an Auszubildenden als billige Arbeitskräfte interessiert sind." Im Hochschulsystem wiederum seien "elitäre Ansprüche des Bildungsbürgertums" als Bremskräfte am Werk. "Schwache Lobby, wenig Interesse. Die berufliche Bildung hat in Politik und Verwaltung wenig Gewicht", heißt denn auch ein weiterer Aufsatz, von Autorin Lena Ulbricht.  

Positiv bewertet wird die Tendenz hin zu dualen Studiengängen. Allerdings bedeuten diese oft eine arge, doppelt belastende Schufterei. Und auch hier gibt’s einen Haken: "Das rasante Wachstum der dualen Studiengänge und der große Einfluss der Unternehmen auf deren Ausgestaltung", schreibt Graf, "werden eine breitere gesellschaftliche Debatte des sozialen Bildungsauftrags dieser neuartigen Ausbildungsform erfordern".


Hier geht’s zu den WissenschaftlerInnen:
www.wzb.eu/de/publikationen/wzb-mitteilungen


(aus der Soli 2/13, Autor: Soli aktuell)