Deutscher Gewerkschaftsbund

Jugendarmut muss nicht sein

Lebensverhältnisse: Über 20 Prozent der jungen Menschen in Deutschland sind armutsgefährdet – oft trotz Arbeit. Das ließe sich aber ändern, wie eine neue DGB-Studie zeigt.

Vieles im Bundestag, was von Bedeutung ist, bringen die Kleinen Anfragen an den Tag. Und so musste die Bundesregierung jüngst zum Thema Jugendarmut Auskunft geben. In allerlei wirtschaftliche Erfolgsmeldungen ("VW: Erstmals neun Millionen Autos verkauft") hinein durfte sie verkünden, dass bundesweit jeder fünfte Mensch zwischen 18 und 25 Jahren arm oder armutsgefährdet ist. In Berlin, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen sogar mehr als jeder dritte. Über 70.000 junge Menschen arbeiteten im Herbst 2012 in Vollzeit und müssen trotzdem Arbeitslosengeld II (ALG II) beantragen, über 150.000 weitere sind nur geringfügig beschäftigt und deshalb von ALG II abhängig.  

Jugendliche sind besonders oft in unsicheren und schlecht bezahlten Jobs zu finden: Fast die Hälfte aller 15- bis 25-Jährigen arbeitet derzeit im Niedriglohnsektor. Sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse sind deutlich zurückgegangen. Gleichzeitig hat sich die Anzahl an jungen Menschen in der Leiharbeit verdoppelt.  

Die scheinbaren Erfolge beim Abbau der Jugendarbeitslosigkeit hätten bisher nichts daran ändern können, dass Jugendliche überdurchschnittlich mit Armut konfrontiert seien, kommentiert der DGB. In der kürzlich erschienenen Studie "Höheres Verarmungsrisiko Jugendlicher" haben sich die Arbeits- und SozialreferentInnen des DGB die junge Generation genauer angesehen. 2012 gab es zwar "nur" rund 300.000 arbeitslose Jugendliche im Alter von 15 bis 24 Jahren. Doch auf Hartz IV angewiesen waren mit insgesamt 770.000 sehr viel mehr junge Menschen allein in dieser Altersgruppe. Besonders auffallend ist, dass die Hilfequote der Jugendlichen in den Großstadtregionen meist höher ist als die für alle Personen im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 65 Jahren. Viele dürften noch zur Schule gehen; entweder im allgemeinbildenden System oder sie besuchen Ausbildungsgänge an Berufsfachschulen. Das Verarmungsrisiko dieser Jugendlichen ist hier offensichtlich längst nicht immer Ausdruck nur eigener beruflicher Integrationsprobleme, sondern relativ oft auf das Fehlen existenzsichernder Arbeitsplätze der Eltern zurückzuführen.

Unübersehbar sind zugleich die Defizite des schulischen und beruflichen Ausbildungssystems. Mitte 2012 hatten insgesamt 87 Prozent der hilfebedürftigen Jugendlichen – noch – keine abgeschlossene Berufsausbildung. Bildungsstudien haben gezeigt, dass Bildungsarmut in Deutschland mehr noch als in vielen Nachbarländern in relativ starkem Maße vererbt wird. Eltern armer Kinder entscheiden sich häufiger gegen weiterführende Schulen, weil ihre Kinder früher Geld verdienen sollen. Aber auch finanzieller Stress und familiäre Konflikte gehen schnell mit schulischem Versagen einher. Relativ geringe berufliche Perspektiven, auch des sozialen Umfeldes, fördern Resignation und Mutlosigkeit. Es verwundert nicht, wenn jugendliche Hartz-IV-EmpfängerInnen die Schule ohne Abschluss verlassen.

Die DGB-ExpertInnen folgern: "Längst ist die Bildungsexpansion vergangener Jahre einer Bildungsstagnation gewichen. In einer Gesellschaft, in der ein mittlerer Bildungsabschluss den Standard definiert, werden Jugendliche ohne Schul- oder Berufsabschluss als leistungsschwach etikettiert und sind schnell einer dauerhaften Stigmatisierung ausgesetzt."

Arbeitsmarkt- und sozialpolitische Integrationsmaßnahmen müssen diesen unterschiedlichen Lebensumständen der Jugendlichen Rechnung tragen. Als mögliche Instrumente werden vorgeschlagen:  

  • individuelle und kreative Ansatzpunkte, die die gesamten Lebensumstände einschließlich des sozialen Netzwerks in den Blick nehmen

  • neue Formen von Arbeiten und Lernen, die auch schulmüden Jugendlichen Mut machen können

  • "nachgehende Betreuung", um einen kurzfristigen Abbruch von Fördermaßnahmen möglichst zu verhindern und stabile Beschäftigung zu fördern

  • Sprachförderung für benachteiligte Jugendliche

  • vorsorgende arbeitsmarkt-, sozial- und bildungspolitische Maßnahmen, die längerfristig weit wirksamer und erfolgreicher sind als kurzfristige kurative Ansätze.  

Erfolgreich könnten diese Maßnahmen jedoch nur sein, "wenn die unterschiedlichen Politikbereiche besser zusammenwirken und auch die Bildungspolitik der Länder einen besseren Beitrag leistet, um auch alle Jugendlichen für die Herausforderungen der Arbeitswelt vorzubereiten".

Ein gutes Thema fürs Wahljahr.


DGB (Hg.): Hohes Verarmungsrisiko Jugendlicher, Berlin 2012. Im Download: www.dgb.de/-/5ZJ

 

DGB-Jugend – das fordern wir
Jugendarmut ist ein Problem, das die DGB-Jugend schon lange im Blick hat. 1,5 Mio. junge Menschen sind ohne Berufsabschluss, die Zahl der Schulabbrüche ist hoch.  

"Ausbildung fängt mit Bildung an", sagt DGB-Jugend-Referent Benjamin Krautschat. Die Gewerkschaftsjugend fordert, dass junge Leute in eine qualifizierende Ausbildung oder Erwerbstätigkeit kommen statt in Qualifizierungsmaßnahmen. Diskriminierende ALG-II-Regeln sind aufzuheben. Ganz wichtiger Punkt: die Einführung der Rente mit 67 – sie ist eine Kampfansage an die junge Generation. Denn die Rentenpläne signalisieren jungen Menschen, dass sie nun noch länger arbeiten müssen, auch wenn sie körperlich und seelisch vielleicht nicht mehr in der Lage dazu sind. "Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag mit einer Erwerbstätigenversicherung, in die alle arbeitenden Menschen einzahlen und damit eine solidarische und Existenz sichernde Rentenversicherung gewährleisten", heißt es im entsprechenden Beschluss der DGB-Bundesjugendkonferenz 2009. 

 

(aus der Soli 2/13, Autor: Soli aktuell)