Deutscher Gewerkschaftsbund

Die Krise ist jung

Was tun gegen die Jugendarbeitslosigkeit? Europas Suche nach Lösungen großer Probleme.

Europa, das bedeutet: jeden Monat Rekordzahlen. Zum Beispiel diese: Mindestens jeder Fünfte unter 25 Jahren hat keine Arbeit, sowohl in Europa als auch in der Eurozone. Spanien und Griechenland führen die Statistik an (weit über 50 Prozent), gefolgt von Portugal und Italien (je 35,1 Prozent) und Irland (34,5 Prozent). Knapp unter 30 Prozent Jugendarbeitslosigkeit herrschen in Zypern, Bulgarien oder der Slowakei.

Langsam ist Handeln angesagt. EU-Sozialkommissar Laszlo Andor schlägt, recht unverbindlich, eine "Jugendgarantie" vor: Die EU-Mitgliedstaaten sollen allen Menschen unter 25 Jahren innerhalb von vier Monaten eine Beschäftigung zusichern - oder wenigstens, man vernimmt es mit Schaudern - ein Praktikum. Die konkrete Umsetzung obliege dabei den einzelnen Staaten.

Und siehe da: Bereits zum 1. Januar 2013 führt Finnland eine Beschäftigungsgarantie für Unter-25-Jährige sowie Studierende unter 30 Jahren ein. Sie soll ihnen innerhalb von drei Monaten einen Ausbildungs- oder Praktikumsplatz zusichern. Finnland hat derzeit eine Jugendarbeitslosenquote von 17,8 Prozent. Ein Modell für die ungleich krasseren Probleme der Mittelmeeranrainer-Staaten?

AutorInnen der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) haben in ihrem gerade veröffentlichten großen Länderreport dezidierte Vergleiche angestellt, die sie in einer Fachkonferenz mit JugendvertreterInnen Ende November 2012 in Berlin diskutierten. Denn in jedem europäischen Land liegen die Dinge etwas anders: So haben die südlichen Länder oft wenig Regeln, wie eine berufliche Ausbildung auszusehen hat. Länder wie Deutschland haben hingegen komplexe Ausbildungssysteme und eine vergleichsweise niedrige Jugendarbeitslosenrate - und denken sogar über den Export des dualen Ausbildungssystems nach bzw. es kommen auch Anfragen aus dem Ausland.

"Das ist aber kein Allheilmittel", stellt DGB-Bundesjugendsekretär Florian Haggenmiller klar. Denn nur 22,5 Prozent der Betriebe bilden überhaupt aus. Und: Die Qualität der Ausbildung in verschiedenen Branchen variiert sehr stark, so steht die Gastrobranche grundsätzlich am unteren Ende der Werte. Unbezahlte Überstunden, schlechte Bezahlung - sind das die Dinge, die man auch in Spanien sehen will?

Die DGB-Jugend sagt: Duale Ausbildung ist gut - aber es müssen Standards eingehalten werden, die Mitbestimmung muss eine zentrale Rolle spielen - die Rahmenbedingungen müssen stimmen.

Andersherum gibt es auch Aktivitäten: Die Bundesregierung strebt an, topfitte spanische Jugendliche in Deutschland auszubilden bzw. gleich qualifiziertes Personal im europäischen Ausland zu akquirieren. Das Interesse der Betriebe sei hoch, heißt es.

Das richtet aber irreparablen Schaden an, denn die Qualifizierten werden auch in Spanien und Griechenland gebraucht, sagt der Bundesjugendsekretär des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Michael Trinko: "Tausend junge Ingenieure, die gehen - das ist ein volkswirtschaftlicher Schaden von 50 Millionen Euro."

Auch der DGB sieht das problematisch: In Deutschland sind fast 300.000 junge Menschen im Übergangssystem, 1,5 Millionen ohne Schulabschluss. Die brauchen auch eine Chance. Und: Wenn ausländische Jugendliche nach Deutschland kommen, muss es auch flankierende Maßnahmen geben, was Aufenthalt, Sprachförderung und Integration angeht. Abschlüsse müssen anerkannt werden, sie dürfen nicht Auszubildende zweiter Klasse sein.
 
Konsens bei allen außer den Regierungen ist: Die derzeitige europäische Austeritätspolitik führt zu nichts, sondern verschärft an sich lösbare Probleme noch. Fazit: In die Jugend muss investiert werden, wenn Europa nicht auf der Strecke bleiben soll. Die Perspektivlosigkeit der Jugend ist ein gesamteuropäisches Problem, das länderspezifische Lösungen braucht.

Die EU hat schon längst durchgerechnet, welchen Schaden die Arbeitslosigkeit und ihre Folgen hinterlässt: 153 Milliarden Euro. Trinko: "Wäre die Jugend eine Bank, hätte man sie schon gerettet."


(aus der Soli 12/12, Autor: Soli aktuell)