Deutscher Gewerkschaftsbund

Die Küche bleibt kalt

Eine neue UNICEF-Studie deckt auf: Deutschland steht nicht nur beim Export glänzend da, auch bei der Kinderarmut liegt es vorn.

Wie kommt es, dass es in einem hochentwickelten Industriestaat wie Deutschland Kinder- und Jugendarmut gibt? Das wollte auch die Kinderhilfsorganisation UNICEF wissen. Ihrer neuen Studie "Kinderarmut messen" zufolge leben rund 30 Millionen Kinder in den 35 reichsten Staaten der Welt in relativer Armut, fast 1,2 Millionen dieser Mädchen und Jungen in Deutschland. Ihnen fehlen notwendige Dinge wie regelmäßige Mahlzeiten oder Bücher.

Neben der relativen Einkommensarmut dokumentiert die UNICEF mit Hilfe eines so genannten Deprivationsindex (Deprivation: Entbehrung, Verlust von Vertrautem, Benachteiligung) erstmals auch umfassend absolute Mangelsituationen von Kindern. Insgesamt 14 verschiedene Güter werden erfasst - vom Platz für Hausaufgaben bis zu Freizeitangeboten. Ihre Werte sollen die Lebenswirklichkeit armer Kinder in reichen Ländern konkreter abbilden.

Basis für die Berechnungen sind Zahlen einer repräsentativen Erhebung der Europäischen Union, für die 125.000 Haushalte erstmals nach Daten zu Kindern befragt wurden. Rund 13 Millionen Kindern in 29 Industrieländern fehlen mehr als zwei dieser grundlegenden Dinge.

Die Ergebnisse für Deutschland: Am häufigsten mangelt es Kindern hierzulande an regelmäßigen Freizeitaktivitäten (6,7 Prozent). 4,4 Prozent der Mädchen und Jungen haben keinen Platz, an dem sie ihre Hausaufgaben machen können. 3,7 Prozent der Kinder besitzen höchstens ein einziges Paar Schuhe. 3,1 Prozent der unter 16-Jährigen erhalten nie neue Kleider und drei Prozent leben in einem Haushalt ohne Internetanschluss. Besonders häufig entbehren Kinder in Deutschland wichtige Dinge, wenn die Eltern arbeitslos sind (42,2 Prozent) oder wenn sie einen niedrigen Bildungsabschluss haben (35,6 Prozent).

Beim Ländervergleich belegt Deutschland Platz 15 von 29 Ländern - und schneidet deutlich schlechter ab als Dänemark (2,6 Prozent) oder Schweden (1,3 Prozent), obwohl alle drei Länder hinsichtlich des Pro-Kopf-Einkommens und der wirtschaftlichen Entwicklung auf einem ähnlichen Niveau liegen.

Wie ist das möglich? Die UNICEF sieht als Hauptproblem, dass es keine nationale Agenda gegen Kinderarmut gibt. In Deutschland fehle schlichtweg ein umfassender Aktionsplan, um Kinderarmut zu senken.

Die Empfehlung: Die Bundesregierung sollte gemeinsam mit den Bundesländern genaue Ziele mit Zeitangaben festlegen, um Armut und Ausgrenzung Schritt für Schritt abzubauen. Dabei muss die gezielte Unterstützung für besonders benachteiligte Kinder oberste Priorität erhalten.

Die DGB-Jugend hat sich zum Thema eindeutig positioniert. Die Gewerkschaftsorganisationen sollen mit aller Kraft darauf hinwirken, dass die sozialen Transferleistungen wie Sozialgeld, Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld II so bemessen sind, dass Armut und Ausgrenzung verhindert werden (siehe Kasten).
Kinderarmut sei aber immer auch Elternarmut. Es brauche eine dauerhafte Integration von Hartz-IV-BezieherInnen in den Arbeitsmarkt. Durch armutsfeste Mindestlöhne und die Erhöhung des Kinderzuschlags müsse die finanzielle Situation von sozial schwachen Familien verbessert werden. Zudem solle die Infrastruktur für Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern ausgebaut werden.


Das sagt die DGB-Jugend

Kinder- und Jugendarmut ist in den letzten Jahren angestiegen. Die DGB-Jugend geht auf der Basis einer Studie der Arbeitsgemeinschaft für Jugendhilfe davon aus, dass 28 Prozent der 16- bis 24-Jährigen von Armut betroffen sind: Das sind vor allem junge Menschen, die GeringverdienerInnen sind und häufig weder Schulabschluss noch Ausbildung haben. Doch auch junge alleinerziehende Mütter haben ein großes Armutsrisiko.

Die Forderungen der DGB-Jugend lauten:

  • Die Diskriminierungen beim Arbeitslosengeld II (ALG II) müssen weg. Junge Erwachsene müssen gleiche Rechte und Pflichten haben, müssen gleich behandelt werden.

  • Es braucht eine soziale Grundsicherung. Sie muss bedarfsorientiert sein. Als erster Schritt würde eine Anhebung der ALG II-Regelsätze helfen. Die Politik muss dafür sorgen, dass die Höhe der Regelleistung jährlich an die gestiegenen Lebenshaltungskosten angepasst wird. Insbesondere muss die Politik dazu bewegt werden, die Bedarfe von Kindern und Jugendlichen an deren Lebenssituation auszurichten.

  • Die Rente mit 67 muss aus sozialen und arbeitsmarktpolitischen Gründen weg.

  • Ein neuer Generationenvertrag ist notwendig, mit einer Erwerbstätigenversicherung, in der alle arbeitenden Menschen einzahlen und damit eine solidarische und existenzsichernde Rentenversicherung gewährleisten.

  • Eine Gesundheitsreform muss die bedarfsgerechte Versorgung aller Menschen im Gesundheitssystem garantieren, Prävention, ambulante und stationäre Versorgung und Rehabilitation eng miteinander verzahnen und die Qualität der medizinischen Versorgung verbessern. Die DGB-Jugend fordert eine hochwertige gesundheitliche Versorgung, die gleichzeitig wirtschaftlich gestaltet ist. Deshalb muss die Bürgerversicherung eingeführt werden, damit alle Erwerbstätigen dort einbezogen sind und eine solidarische Krankenversicherung möglich gemacht wird.

  • Viele junge Menschen wollen Familie. Nach Ansicht der DGB-Jugend sind deshalb flächendeckend bedarfsgerechte Einrichtungen zur Kinderbetreuung und Ganztagsschulen notwendig, damit vor allem junge Eltern Kindererziehung und Beruf vereinbaren können.



DGB-Dossier Kinderarmut: www.dgb.de/-/pCm

UNICEF: Kinderarmut messen. Im Internet: ­http://tinyurl.com/UNICEF-Studie-Kinderarmut


(aus der Soli aktuell 7/12, Autor: Soli aktuell)