Deutscher Gewerkschaftsbund

Klischee vom doofen Jugendlichen

Die Jugend ist nicht ausbildungsfähig - darin sind sich die Arbeitgeber einig. Die Hans-Böckler-Stiftung hat das organisierte Klagen jetzt untersuchen lassen.

Genörgel über die schlechte Verfasstheit der Jugend gibt's schon ewig - schon die alten Griechen beschwerten sich, wenn ungezogene junge Leute ihre Sandalen auf den teuren Steintafeln parkten! Heutige Arbeitgeber finden sich also in gepflegter Gesellschaft wieder. Bei ihnen heißt das aber schön umschrieben: "Ausbildungsreife".

Die Ansicht, dass SchulabgängerInnen nicht "reif" genug für einen Ausbildungsplatz seien, habe in den vergangenen Jahren vor allem wegen der Situation am Ausbildungsstellenmarkt Konjunktur gehabt, stellen die AutorInnen einer jüngst erschienenen Studie der Hans-Böckler-Stiftung (HBS) fest.

Ein Vorwurf mit Folgen: Ein erheblicher Teil der Jugendlichen findet auch jetzt nach der Schule keinen Ausbildungsplatz, sondern kommt nur im beruflichen Übergangssystem unter. Auch die diversen PISA-Studien hätten Zweifel an den Fähigkeiten deutscher SchülerInnen geweckt. Tendenz eindeutig: Die Defizite der BewerberInnen verhindern eine Stellenbesetzung.

Online-Befragungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) scheinen diesen Zusammenhang zu bestätigen. Laut DIHK-Betriebsumfrage 2011 haben 46 Prozent der Unternehmen mit "Ausbildungshemmnissen" zu kämpfen - häufigster Grund: der Mangel an geeigneten BewerberInnen. "Ebenso gut ließe sich der umgekehrte Schluss ziehen: Dass nämlich die Unternehmen, die nicht alle der von ihnen angebotenen Ausbildungsplätze besetzen, dafür primär die Schuld bei den Jugendlichen suchen", schreiben die HBS-AutorInnen.

Wie schon eine kürzlich veröffentlichte DGB-Expertise (siehe Soli 6-2012) kommen auch die HBS-ForscherInnen zu dem Ergebnis: Die Branchen mit den größten "Besetzungsproblemen" bieten besonders miese Arbeitsbedingungen und geringe Bezahlung.

Was die PISA-Befunde angeht, verweisen die ExpertInnen auf eine Studie im Nachbarland Schweiz: Demnach haben in der Eidgenossenschaft 60 Prozent der "Risiko"-SchülerInnen, denen der Vergleichstest besonders schlechte schulische und berufliche Aussichten bescheinigt hatte, ohne Verzögerung eine Berufsausbildung begonnen und abgeschlossen. PISA lasse also kaum verbindliche Aussagen über Entwicklungsverläufe zu.

Schüler-Bashing sei auch sonst einfach keine gute Idee. Statt Einzelne zu stigmatisieren, sollten die Unternehmen alle Jugendlichen in die betriebliche Ausbildung integrieren und etwaige Defizite durch berufsbegleitende Hilfen ausgleichen. Die AutorInnen raten Unternehmen, sich ihrerseits für die Ausbildung fit zu machen: Die pädagogischen Kompetenzen des betrieblichen Ausbildungspersonals müssten endlich verbessert werden.


Rolf Dobischat, Gertrud Kühnlein, Robert Schurgatz: Ausbildungsreife, HBS, Düsseldorf 2012, 98 S. Im Download: www.boeckler.de/pdf/p_arbp_189.pdf


(aus der Soli aktuell 7/12, Autor: Soli aktuell)