Deutscher Gewerkschaftsbund

Azubis und Burnout

Wenn nichts mehr geht

Soli aktuell 6-2012: Der Leistungsdruck steigt auch bei Auszubildenden. Wenn der Druck oder Ärger mit KollegInnen ständig zunimmt, kann die Situation am Ausbildungsplatz sehr belastend sein und sogar krankmachen.

Eigentlich kann sich Sabine nicht beschweren: Sie steht kurz vor ihrer Abschlussprüfung als Kauffrau für Bürokommunikation. Ihre Noten in der Berufsschule waren immer gut. In der Firma ist zwar seit Beginn ihrer Ausbildung viel Druck, aber durch ihre Zielstrebigkeit hat Sabine die Überstunden und den Stress bis jetzt gut weggesteckt.

Seit einiger Zeit merkt sie, dass sie angespannt ist und kaum noch Freizeitaktivitäten nachgeht - die Belastung nimmt zu: Schaffe ich die Abschlussprüfung?, fragt sie sich. Und werde ich nach der Ausbildung übernommen?

Mit ihren Freunden trifft sie sich schon lange nicht mehr. Statt dessen hat sie das Gefühl, ihr wächst alles über den Kopf. Jetzt kommen auch noch die Müdigkeit und ständige Schmerzen hinzu. Sabine sucht sich Hilfe bei einer Beratungsstelle …

Die Ursachen von psychischem Stress können sehr unterschiedlich sein: zu hohe Arbeitsbelastung, Druck am Arbeitsplatz, Unterforderung bis hin zu fehlender Anerkennung von Vorgesetzten oder private Probleme. Aber auch Mobbing, Gewalt oder sexuelle Belästigung am Ausbildungsplatz können Auslöser psychischer Belastung sein.

Die Auszubildende hat den ersten wichtigen Schritt getan. Sie hat die Warnsignale erkannt und nimmt ihren Körper und ihre Gefühle ernst. Denn: Langfristiger Stress kann krank machen. Und er kann auch buchstäblich auf den Magen schlagen. Nicht selten sind Bauchschmerzen, Schlafstörungen oder Energieverlust Folgen von psychischem Stress. Auch Schlimmeres wie Depressionen oder Burnout sind Anzeichen. Aber nicht jedes Unwohlsein ist gleich ein Indiz für eine psychische Belastung. Erst wenn die Symptome über einen längeren Zeitraum auftreten, ist es angeraten, sich Hilfe von einem fachlich qualifizierten Arzt zu holen.

Wichtig für Sabine ist, zu wissen, dass sie nicht alleine ist. 2011 und 2012 hat der DGB-Index Gute Arbeit jeweils ca. 6.000 ArbeitnehmerInnen zu dem Thema Arbeitshetze, Arbeitsintensivierung und Entgrenzung befragt. Die zentralen Ergebnisse zeigen, dass mehr als die Hälfte der Beschäftigten von Stress und Arbeitshetze im Arbeitsalltag betroffen ist und sie in der gleichen Zeit mehr leisten müssen. Vielen Beschäftigten fällt es schwer, nach der Arbeit abzuschalten (siehe Seite 3).

Und Sabine? Der zweite Schritt ist, dass sie sich ihren Problemen stellt. Nur wenn man für Veränderungen offen ist, gibt es Möglichkeiten, den Druck positiv zu beeinflussen und Belastungen zu bewältigen. Wer sich zurückzieht und im Stillen leidet, wird den negativen Stress nicht in positive Aktionen umlenken können.

Zunächst ist es wichtig, dass Sabine sich Zeit für sich nimmt und der Ursache auf den Grund geht. Diese Ursachenforschung kann mithilfe einer Liste umgesetzt werden. Wann fühle ich mich gestresst? Wo liegt das Problem? Was müsste sich ändern? Was kann ich ändern? Wie kann ich Abstand gewinnen? Wie kann ich Stressfaktoren vermeiden und wie kann ich eigene Kräfte mobilisieren?

Im nächsten Schritt sollte sie sich Hilfe suchen und auch in Anspruch nehmen. Das rechtzeitige Gespräch im ersten Schritt mit einer Vertrauensperson (Familie, Freunde, BerufsschulsozialpädagogInnen) ist unabdinglich. Im Betrieb ist der Betriebsrat bzw. die Jugend- und Auszubildendenvertretung ein guter Ansprechpartner (siehe Soli 5-2012).

Ganz wichtig ist es, die Person um Vertraulichkeit zu bitten und eine Gefährdungsbeurteilung schriftlich festzuhalten, um mögliche Belastungssituationen am Arbeitsplatz zu erkennen, bewerten und individuell gestalten zu können. Aus dem Arbeitsschutzgesetz ergibt sich eine Verpflichtung des Arbeitgebers, mögliche Gefährdungen für die Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer zu ermitteln.

Der Ausbilder hat seinen Auszubildenden gegenüber auch eine Fürsorgepflicht nach dem Berufsbildungsgesetz. Oftmals kann ein Gespräch mit den betroffenen MitarbeiterInnen, eine gemeinsame Definition der Ausbildungsbereiche anhand des Ausbildungsrahmenplanes oder eine Versetzung in eine andere Abteilung schon Abhilfe schaffen. Im letzten Schritt besteht auch die Möglichkeit, den Ausbildungsplatz zu wechseln oder gar einen anderen Beruf anzustreben. Dieser Schritt sollte aber gut überlegt und vorbereitet sein - und vor allem: mit fachlicher Hilfe erfolgen!

Langfristig ist es wichtig, Dauerstress zu vermeiden und Symptome ernstzunehmen. Hilfreich können hierbei sein:

  • Zeit- und Selbstmanagement unter die Lupe zu nehmen
  • sich im Ausbildungsalltag realistische Ziele zu setzen und diese auch schriftlich festhalten
  • lernen, seine Grenzen wahrzunehmen, Nein zu sagen und sich Freiräume zu schaffe
  • auf ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und Bewegung zu achten
  • weiterhin seinen Hobbys nachzugehen.
  • Unterstützung und Beratung bei Stress im Betrieb bietet eure zuständige Mitgliedsgewerkschaft an.

Infos bei Stress im Betrieb
In der Arbeitswelt gewinnen psychische Belastungen samt Stress immer mehr an Bedeutung. Für die Beschäftigten kann die anhaltende Überforderung eine Minderung von Wohlbefinden und Lebensqualität bedeuten; mittel- bis langfristig ist mit Beeinträchtigungen der Gesundheit zu rechnen. So geht’s auf keinen Fall.

Schon vor einiger Zeit hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) darauf reagiert und die Broschüre "Stress im Betrieb? Handlungshilfen für die Praxis" herausgebracht. Sie richtet sich an Arbeitgeber- wie ArbeitnehmervertreterInnen. Das Ziel: Betriebe sollen in die Lage versetzt werden, eine eigene, auf die jeweiligen betrieblichen Bedingungen abgestimmte Strategie zu entwickeln, wie im konkreten Falle mit dem Problem Stress umgegangen werden soll.


(aus der Soli aktuell 6/12, Autor: Soli aktuell)