Deutscher Gewerkschaftsbund

JAV - Die Seelenfeuerwehr

Wenn die Seele brennt: Der Burnout ist zwar keine anerkannte Krankheit. Aber wer ihn hat, den setzt er außer Gefecht. Wenn er auftaucht, ist die JAV gefragt: Mit der "Gefährdungsbeurteilung" kann sie psychische Brandherde löschen.

Der Druck steigt

Zahlreiche gewerkschaftliche Befragungen haben ergeben, dass psychische Belastungen am Arbeitsplatz erheblich zugenommen haben. Und so ist auch die Zahl der psychisch erkrankten ArbeitnehmerInnen in den letzten Jahren stetig gestiegen - in allen Branchen und Berufsgruppen.

Die Betroffenen werden immer jünger: Auch Auszubildende, PraktikantInnen, VolontärInnen und andere Beschäftigte, die von der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) vertreten werden, kann es treffen. Eine der Hauptursachen: die Zunahme von arbeitsbedingtem Stress.

Auch fies: widersprüchliche oder unklare Anweisungen, schlecht aufeinander abgestimmte Arbeitsabläufe bzw. mangelhafte Arbeitsorganisation. Und fehlende Anerkennung durch Vorgesetzte und AusbilderInnen kann obendrein richtig Stress verursachen.

Für die Bewältigung von Stress und dessen Folgen existieren in den Betrieben und Dienststellen bedauerlicherweise kaum Angebote. Im Klartext: Häufig gibt es überhaupt keine Hilfe. Von daher sind sowohl Betriebs-/Personalrat als auch die JAV gefragt.

Ob es in irgendeiner Form Ärger gibt, lässt sich zunächst auf klassische Weise in Erfahrung bringen: Warum das Problem Arbeitsbelastung nicht zum Thema einer Betriebs- bzw. Jugend- und Auszubildendenversammlung machen?

Der nächste Schritt: im Rahmen einer Betriebsbegehung nachfragen, einen entsprechenden Fragebogen verteilen und etwaigen Hinweisen nachgehen.
Haben sich Auszubildende/ArbeitnehmerInnen bezüglich der Arbeitsbelastung geoutet, unbedingt ein persönliches Gespräch mit dem Betroffenen führen! Werden zu hohe Anforderungen gestellt? Sind die Auszubildenden unter Druck geraten, weil von ihnen - wie nicht selten, aber rechtswidrig - eine besondere Arbeitsleistung gefordert wird?

Hier kann die JAV den Betriebs-/Personalrat einschalten, um zu erreichen, dass seitens der AusbilderInnen der Ausbildungsplan bzw. die Vorgaben des Gesetzgebers eingehalten werden. Liegt es an der Person des Ausbilders, kann dieser sogar auf Druck des Betriebsrats abberufen werden (vgl. § 98 Abs. 2 Betriebsverfassungsgesetz; BetrVG). Man kann auch die Aufsichtsbehörden oder die zuständige Kammer einschalten. Sollten die Probleme aus der Berufsschule herrühren, kann man vielleicht im Betrieb Nachhilfe organisieren.

Gefährdungsbeurteilung - ein Kerninstrument

Im Großen und Ganzen geht es darum, Arbeits- und Ausbildungsbedingungen so zu gestalten, dass psychische Belastungen mit den entsprechenden Folgen bereits im Vorfeld verhindert werden. Dabei spielt der Arbeitsschutz eine herausragende Rolle: Einstiegstor für Betriebs-/Personalräte ist hier der § 5 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG). Aus dieser Bestimmung ergibt sich eine Verpflichtung des Arbeitsgebers, mögliche Gefährdungen für die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten zu ermitteln. Diese so genannte Gefährdungsbeurteilung soll dazu dienen, dem Arbeitgeber aufzuzeigen, welche Maßnahmen des Arbeitsschutzes erforderlich sind. Sie muss in allen Betrieben oder Dienststellen unabhängig von ihrer Größe und dem Betriebszweck durchgeführt werden - denn Betriebs-/Personalräte haben die Aufgabe, zu überwachen, ob die Arbeitgeberseite ihren gesetzlichen Verpflichtungen nachkommt.

Wichtig ist, dass sich die Gefährdungsbeurteilung auch auf psychische Belastungen erstreckt. Das Ergebnis dient dann der Planung und Durchführung von konkreten Arbeitsschutzmaßnahmen.

Die Beurteilung erfordert erst einmal eine Bestandsaufnahme - den "Ist-Zustand". Das Ergebnis muss mit dem Soll-Zustand verglichen werden, der sich aus Schutzzielen und Verpflichtungen des ArbSchG sowie natürlich weiterer Rechtsvorschriften wie beispielsweise der Arbeitsstättenverordnung ergibt. Der Arbeitgeber muss dann die Lücke zwischen Ist- und Soll-Zustand durch geeignete Maßnahmen schließen.

Während dieses gesamten Vorgangs sind ­ Betriebs-/Personalrat involviert (§ 87 BetrVG und § 75 Bundespersonalvertretungsgesetz). So ist die Auswahl des Verfahrens der Gefährdungsbeurteilung genauso Teil der Mitbestimmung wie die Auswahl von zutreffenden Schutzmaßnahmen und natürlich die Kontrolle ihrer Einhaltung.

Mitbestimmung heißt auch, dass die ArbeitnehmervertreterInnen dem Arbeitgeber aufgrund ihres Initiativrechts Maßnahmen vorschlagen können, damit psychische Belastungen gar nicht erst entstehen.

Bei einer Nichteinigung zwischen den Betriebspartnern würde letztlich eine Einigungsstelle entscheiden.

Tipp: Kommt es zu Unstimmigkeiten, sollten die Gewerkschaften eingeschaltet werden - sie bemühen sich seit Jahren mittels Kampagnen um die Umsetzung des Arbeitsschutzgesetzes.

Arbeitsauftrag für die JAV: Beim Betriebs-/Personalrat anfragen, ob eine Gefährdungsbeurteilung erfolgt ist bzw. auf entsprechende Möglichkeiten hinweisen.

Hinweis: Manchmal können auch kleine Aktionen helfen - wie die Ende 2011 bekannt gewordene Betriebsvereinbarung bei VW, wonach ArbeitnehmerInnen den dienstlichen E-Mail-Eingang nach Feierabend und am Wochenende nicht mehr abrufen können. Denn die in vielen Berufen vorausgesetzte Dauererreichbarkeit führt letztlich zu Stress.

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