Deutscher Gewerkschaftsbund

Azubis - keine Ratten

Tarifkampf 2012 - eine "Übernahme-Schlacht": Die IG Metall-Jugend stellt Gesamtmetall-Präsident ­Martin Kannegiesser zur Rede.

Die Übernahme nach der Ausbildung in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis scheint trotz guter Konjunktur ein ganz heißes Eisen zu sein: So sieht sich die IG Metall-Jugend gezwungen, die aggressive Rhetorik des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall im Tarifkonflikt 2012 zurückzuweisen, in dem die IG Metall 6,5 Prozent mehr Lohn und die unbefristete Übernahme nach der Ausbildung fordert.

Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser hatte diese Leitforderung in der Tageszeitung "Die Welt" vom 19. Februar 2012 als "Rattenfängerei" bezeichnet: Wer mit "erfahrenen Lehrmeistern" spreche, so Kannegießer, wisse, dass die Motivation der Jugendlichen deutlich sinke, wenn sie "mit dem Lehrvertrag quasi schon die Festanstellung auf Lebenszeit in der Tasche" hätten. "Bei dieser Forderung geht es in erster Linie wohl um Mitgliederwerbung der IG Metall unter jungen Leuten. Das war einst die Methode des Rattenfängers von Hameln, der mit seinen Schalmeienklängen unsere Kinder verführte."

Nun ist das Instrument der Wahl bei den Gewerkschaften, die derzeit alle das Thema Übernahme groß schreiben, immer noch die Trillerpfeife. Aber auf Details kommt es wohl nicht an. "Wer ernsthaft die Forderung hunderttausender Auszubildender nach einer sicheren Perspektive als 'Verführung Minderjähriger' diffamiert, hat endgültig den Kontakt zur betrieblichen Realität verloren und jede Moral seinen Verbandsinteressen geopfert", sagt IG Metall-Bundesjugendsekretär Eric Leiderer (siehe auch das Interview mit Soli aktuell zur Mitgliederentwicklung).

Die DGB-Jugend hatte bereits in ihrem letzten Ausbildungsreport festgestellt, dass eine unklare Übernahmesituation oft die Regel ist. DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf: "Die meisten Auszubildenden wissen bis kurz vor Beendigung ihrer Ausbildung noch nicht, ob sie von ihrem Betrieb übernommen werden oder nicht."

Die Betriebe vernachlässigten zudem ihre Aufgabe, qualifizierte Nachwuchskräfte zu sichern und so dem von ihnen selbst beklagten Fachkräftemangel vorzubeugen.
Bei einer Gesamtübernahmequote von - nach Zahlen des Bundesinstituts für Berufsbildung - 57 Prozent drängt sich der Verdacht auf, dass Betriebe und Verbandspräsidenten sich ihrer eigenen Verantwortung für die Sicherung qualifizierter Fachkräfte nicht bewusst sind. Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, wird die DGB-Jugend in diesem Frühjahr Auszubildende, die vor der Prüfung stehen, nach ihren Übernahmeaussichten befragen.

Die IG Metall-Jugend hatte im Anschluss an das Interview einen E-Card-Server eingerichtet. Tenor: Azubis sind keine Ratten. Kannegiesser wurde per Mail aufgefordert, sich öffentlich zu entschuldigen.

Sage noch einer, die Jugend wäre unpolitisch: Innerhalb weniger Stunden nach Freischaltung hatten schon 300 junge Menschen den Appell unterzeichnet.


(aus der Soli aktuell 3/12, Autor: Soli aktuell)