Deutscher Gewerkschaftsbund

Ausbildungsreport Pflege: Gefragt, aber belastend

Der ver.di-Ausbildungsreport Pflegeberufe zeigt, was sich im Gesundheitssektor verbessern muss.

Pflegereport

Sagt an, was Sache ist: der Ausbildungsreport Pflegeberufe.

Viel Arbeit, wenig Ausbildung
Die chronische Personalnot in Kliniken, Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten wirkt sich deutlich auf die Qualität der Ausbildung in den Pflegeberufen aus. Und: Die Corona-Pandemie hat ohnehin bestehende strukturelle Probleme noch verschärft. Das sind zentrale Erkenntnisse aus dem Ausbildungsreport Pflegeberufe 2021, den die Gewerkschaft ver.di jetzt veröffentlicht hat. Über 3.000 Auszubildende und Studierende haben sich an der Umfrage beteiligt.

Laut Ausbildungsreport 2020 der DGB-Jugend – den die Erhebung von ver.di zu den Pflegeberufen ergänzt – sind immerhin gut 71 Prozent der Auszubildenden nach Berufsbildungsgesetz zufrieden oder sehr zufrieden (im gerade erschienenen Ausbildungsreport 2022 sind es 73,3 Prozent). Das sagen aber nur 43 Prozent der Auszubildenden in der Pflege.

Die Ursachen: Fast die Hälfte der Befragten fühlt sich durch die Ausbildungsbedingungen häufig oder immer belastet. Viele klagen über hohen Zeitdruck (62 Prozent), mangelnde Vereinbarung von Berufs- und Privatleben (48 Prozent) sowie fehlende Pausen (43 Prozent). Über 58 Prozent berichten, dass sie immer oder häufig Probleme haben, sich in ihrer Freizeit zu erholen – eine Verdoppelung gegenüber der letzten Befragung im Jahr 2015, als der Wert bei gut 26 Prozent lag.

Überstunden
Obwohl nach den ausbildungsrechtlichen Grundlagen Überstunden nur ausnahmsweise zulässig sind, gehören sie weiterhin zum Alltag vieler Auszubildender. Ein Drittel (33,6 Prozent) der Befragten gibt an, mehr Stunden als vertraglich vereinbart leisten zu müssen. Besonders ausgeprägt ist dies in der Ausbildung zum*zur Altenpfleger*in. Hier liegt der Anteil bei 48,6 Prozent.

Als Hauptgründe für Überstunden werden "Personalmangel" (78,8 Prozent) und "Arbeitsbelastung – zu viel Arbeit in zu wenig Zeit" (58,3 Prozent) genannt. Auch hier zeigt sich, dass die chronische personelle Unterbesetzung auf die Ausbildung durchschlägt.

Versetzungen
Ein Zeichen knappen Personals ist auch die unplanmäßige und kurzfristige Versetzung. Mehr als die Hälfte der befragten Auszubildenden (55,6 Prozent) war davon betroffen. Im Vergleich zum Ausbildungsreport Pflegeberufe 2015 ist dieser Anteil gestiegen (51,1 Prozent). Besonders trifft dies Auszubildende in der Gesundheits- und Krankenpflege (2021: 69,7 Prozent, 2015: 59,7 Prozent). Die kurzfristige Versetzung kommt bei den befragten Auszubildenden im Vergleich dazu weniger häufig vor, sie ist aber mit 47,9 Prozent ebenfalls auf einem hohen Niveau.

Die Praxisanleitung verbessern
"Die Ergebnisse unseres Ausbildungsreports zeigen, wie hoch die Belastung schon während der Pflegeausbildung ist", sagt ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler. Es brauche dringend bessere Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen, um die Menschen in diesem Beruf zu halten.

Als wesentlich sieht man bei ver.di dabei die Praxisanleitung. Genau hier liegt einiges im Argen: Über 43 Prozent der Auszubildenden berichten, selten oder nie von Praxisanleiter*innen an ihre beruflichen Aufgaben herangeführt zu werden. Besonders gravierend ist das Problem in der Altenpflege, wo das für fast zwei Drittel gilt. "Eine gute und strukturierte Anleitung ist entscheidend, um Überforderung zu vermeiden und eine qualifizierte Ausbildung zu gewährleisten", sagt Hanna Stellwag, die bei ver.di im Bereich Berufspolitik/Jugend arbeitet.

Mehr Kontrolle
Das neue Pflegeberufegesetz schreibt auf Drängen von ver.di immerhin mindestens 10 Prozent geplante und strukturierte Anleitung während jedes praktischen Einsatzes fest. Ohne Zweifel hat es in diesem Aspekt eine positive Wirkung.

Allerdings wird die Vorgabe bei 55 Prozent der Auszubildenden "nur auf dem Papier" oder gar nicht eingehalten. Die Einhaltung der vorgeschriebenen Praxisanleitung müsse unbedingt kontrolliert und durchgesetzt werden, sagt Bühler. "Wir machen uns dafür stark, dass im nächsten Schritt der Anteil auf mindestens 20 Prozent erhöht wird." Darüber hinaus müsse auch die situative Anleitung im täglichen Lernprozess ermöglicht werden. Hierfür brauche es genug qualifizierte Praxisanleiter*innen, die für diese Tätigkeiten ausreichend Zeit haben und dafür freigestellt werden.

Lehrkräfte fehlen
Und der Unterricht? Auch die Zahl der Lehrkräfte an den Pflegeschulen müsse steigen, fordert Stellwag: "Auf höchstens 15 Auszubildende sollte jeweils eine Lehrkraft kommen." Um das dafür nötige Personal auszubilden, müssten die Bundesländer gebührenfreie Studienplätze in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, die den notwendigen Qualitätsstandards entsprechen.


Den Report findet ihr auf https://jugend.dgb.de/-/HKF

(Aus der Soli aktuell 1/2023, Autorin: Soli aktuell)