Deutscher Gewerkschaftsbund

Sprachrohr für die Jugend

Von der JAV-Arbeit ins internationale Gremium: Melanie Hackl vertritt die DGB-Jugend beim EGB.

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Melanie Hackl vertritt die DGB-Jugend seit Juni 2022 bei der Jugend des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB). Sie hat Informatik dual studiert und einen Masterabschluss in Digital Health. Sie ist Betriebsrätin bei der Bayer AG und in den Gremien von IG BCE- und DGB-Jugend aktiv.

Melanie, zuletzt hat die EGB-Jugend von sich reden gemacht, weil sie Scheinpraktika in der EU anprangerte, ausgerechnet in Belgien, wo sozialversicherungspflichtige Arbeit als unbezahltes Praktikum angeboten wurde. Die EU-Kommission mit Sitz in Brüssel veranstaltet ein "Europäisches Jahr der Jugend", ohne in diesem Bereich Maßnahmen zu ergreifen, obwohl faire Praktika die Qualifizierung junger Menschen fördern. Wusste das in Brüssel niemand?
Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Die EGB-Jugend hat durch Kampagnen zum Thema "Jugendgarantie" schon seit Jahren auf mangelnde Qualitätsstandards und damit auch unbezahlte Praktika hingewiesen. Dieses Jahr haben wir auch explizit eine Kampagne zum Thema "Ban unpaid internships (finally!)" gestartet, um nochmals explizit auf das Thema hinzuweisen. EGB wie auch EGB-Jugend sind aber als Sozialpartner mit der Kommission im Austausch, um die Qualitätsstandards von Trainee-Stellen und Praktika zu verbessern.

Wieso hast du dich entschlossen, auf EGB-Ebene aktiv zu werden?
Die Wirtschaft ist global aufgestellt. Firmen handeln global und treffen so auch Entscheidungen. Außerdem gibt es enorme Ungerechtigkeiten in den Lieferketten. Nehmen wir das Beispiel T-Shirt-Produktion: Die Arbeitsbedingungen der Näher*innen in den Fabriken Osteuropas, Asiens und Lateinamerikas sind von Akkordarbeit und schlechter Bezahlung geprägt.

Die Wertschöpfung und damit der Gewinn liegt dann bei den Marken selbst. Hier müssen gesetzliche Regelungen her – und das am besten mit einem europäischen Lieferkettengesetz.

Wir als Arbeitnehmerbewegung haben schon internationale Gremien wie den EGB – und sollten genau hier gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen in Europa und der Welt arbeiten. Deswegen habe ich mich entschieden, auf EGB-Ebene aktiv zu werden und hier mitzugestalten und mitzubestimmen.

Welche speziellen Erfahrungen bringst du für dieses Ehrenamt mit?
2019 durfte ich für die IG BCE den EGB-Kongress in Wien besuchen. So konnte ich europäische Gewerkschaftsarbeit hautnah erleben. Kurz danach wurde ich Mitglied im Arbeitskreis Internationales der DGB-Jugend. Durch Seminare und Sitzungen konnte ich schon einige europäische Themenschwerpunkte mitnehmen.

Des Weiteren bin ich in der Chemie-Tarifkommission und habe in den letzten vier Jahren drei Verhandlungsrunden mitgestalten dürfen.

Dieses Jahr hatte ich noch die Ehre, für das Deutsche Nationalkomitee für internationale Jugendarbeit beim Jugend-Gipfel der G20 – der Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer – mit dem Themenschwerpunkt "Jugendbeschäftigung" dabei zu sein. Dort habe ich mit jungen Menschen aus den G20-Ländern Empfehlungen für die G20-Leader entwickelt. Außerdem war ich dreieinhalb Jahre in der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) und bin jetzt seit April Betriebsrätin bei Bayer in Berlin.

Was nimmst du nach deiner Wahl im DGB-Bundesjugendausschuss mit nach Brüssel?
Auf jeden Fall ein gutes Gefühl, Motivation und Dankbarkeit für das Vertrauen, das mir ausgesprochen wurde. Thematisch nehme ich Punkte wie die Ausbildungsgarantie mit, die sehr gut in das Thema "Jugendgarantie" passt.

"Gemeinschaftlich und solidarisch kämpfen wir für bessere und faire Arbeits- und Lebensbedingungen."

Wie schätzt du die Lage der jungen Menschen in Europa ein, was Ausbildung und Arbeitsmarkt angeht?
Durchwachsen. Es gibt gute Ausbildungssysteme wie etwa in Deutschland und Österreich, doch auch hier sehen wir Einbrüche im Angebot. In vielen Ländern Europas haben wir das Problem, dass Einstiegsstellen meist nur als Praktika angeboten werden und es so zunächst keine nachhaltige Beschäftigungsform gibt. Auch befristete Verträge gehören zur Normalität junger Beschäftigter in Europa.

Wie hat sich die Corona-Krise auf junge Menschen ausgewirkt?
Junge Menschen sind eine der am meisten von Corona betroffenen Gruppen. Angefangen bei Online-Unterricht und -Vorlesung bis hin zu Jobverlust und fehlenden Möglichkeiten, sich weiterzubilden, ist vieles dabei. Durch Jobverlust gerade bei Studierenden sind viele in die Arbeitslosigkeit ohne Sicherheitsnetz gefallen und damit auch in finanzielle Schwierigkeiten gekommen.

Welche Vorschläge macht die EGB-Jugend in Bezug auf mögliche Corona-Maßnahmen im kommenden Winter?
Aktuell fokussieren wir uns darauf, vorhandene Werkzeuge wie die Jugendgarantie – die Zusage für Menschen unter 25 Jahren für Beschäftigung, Ausbildung oder Praktikum – zu positionieren. Wir werden uns in Zukunft weiterhin mit Maßnahmen für mögliche nächste Wellen beschäftigen.

Spielt der Krieg in der Ukraine bei euch eine große Rolle? Welche Position nimmt die EGB-Jugend dazu ein?
Ja! Als EGB-Jugend stehen wir hinter der Resolution des EGB, die die Aufforderung zum Waffenstillstand und die Forderung nach finanziellen Hilfen umfasst. Wir als Jugend werden uns damit beschäftigen, welche Rolle wir in Friedensprozessen spielen können und sollten.

Was bedeutet Gewerkschaftsarbeit für dich und welche Ziele hast du dir persönlich für deine Amtszeit vorgenommen?
Gemeinschaftlich und solidarisch für bessere und faire Arbeits- und Lebensbedingungen zu kämpfen. Als Ziel habe ich mir gesetzt, aktiv an den Themen, die wir uns als EGB-Jugendkomitee-Vorstand setzen, zu arbeiten – und das Sprachrohr für unsere Themen auf den verschiedensten Ebenen zu sein.

Auch möchte ich die Arbeit der EGB-Jugend in der DGB-Jugend noch mehr bekannt machen. Da ist dieses Interview schon einmal ein guter Anfang!


(Aus der Soli aktuell 9-10/2022, Autorin: Soli aktuell)