Deutscher Gewerkschaftsbund

Stark für die Zukunft: Das Interview mit Yasmin Fahimi

Yasmin Fahimi ist die neue Vorsitzende des DGB. In der Soli aktuell spricht sie über die Themen der Gewerkschaftsjugend.

Yasmin Fahimi

© DGB/Susi Knoll

Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi, 54, kommt aus Hannover und besuchte das Gymnasium Isernhagen bis zum Abitur. Anschließend studierte sie Elektrotechnik, dann Chemie und schloss mit dem Diplom ab. Von 2000 bis 2014 war sie Gewerkschaftssekretärin, zunächst bei der IG BCE-Jugend, dann mit weiteren verschiedenen Aufgabengebieten in ihrer Gewerkschaft, zuletzt als Leiterin der Grundsatzabteilung beim IG BCE-Hauptvorstand. Sie betreute u.a. die Kampagnen "Zukunftsgewerkschaft 2020", "Gute Arbeit", "Trendwende DGB", "Innovationsforum Energiewende und Denkwerk Demokratie".

Nach einem Engagement als SPD-Generalsekretärin wechselte sie als Staatssekretärin ins Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Seit 2017 war sie Mitglied im Deutschen Bundestag und legte ihr Mandat nach ihrer Wahl zur DGB-Vorsitzenden auf dem 22. DGB-Bundeskongress im Mai dieses Jahres in Berlin nieder. Sie ist die erste Frau in diesem Amt seit Gründung des DGB im Jahr 1949.

Yasmin, der DGB-Bundeskongress hat sich auf Initiative der DGB-Jugend für eine umlagefinanzierte Ausbildungsgarantie ausgesprochen. Wie wichtig ist dir dieser Beschluss?
Sehr wichtig! Jede und jeder, die oder der eine Ausbildung machen will, soll dazu die Chance bekommen. Damit das klappt, brauchen wir die umlagefinanzierte Ausbildungsgarantie.
Unsere Volkswirtschaft lebt ja von ihrer Innovationskraft. Und Innovationen werden von Menschen gemacht.

Es muss uns gelingen, jede Generation mit höchsten Ansprüchen auszubilden und – unabhängig vom Ausbildungsniveau – in der Arbeitswelt zu integrieren. Das ist eine der großen Erfolgsgeschichten des deutschen Berufsbildungssystems: die Garantie der gesellschaftlichen Teilhabe am Wohlstand für alle Bevölkerungsgruppen. Ich will auch daran erinnern, dass die Berufswahlfreiheit ein in unserer Verfassung verankertes Recht ist.

Du hast auf dem Kongress noch ein anderes Thema im Zusammenhang mit der Jugend angesprochen.
Ja, und zwar die Wohnsituation junger Menschen, die mit der Berufswahl ja eng verknüpft ist. Bildung und Berufsbildung dürfen nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängen – und das gilt auch fürs Wohnen. Gerade Auszubildende und auch Studierende brauchen bezahlbare Mieten. Deshalb sollte die Politik dafür ein Programm "Junges Wohnen" starten – mit gleichen Bedingungen für Auszubildende und Studierende, die dann am besten auch unter einem Dach wohnen.

Du siehst in diesem Bereich sogar die Gefahr einer gesellschaftlichen Spaltung…
Ja. Wir müssen dafür sorgen, dass die akademische und die berufliche Ausbildung nicht als hierarchische Bildungsklassen gesehen werden. Die Berufsbildung ist ein eigenständiger, ein erfolgreicher Bildungsweg in die Arbeitswelt – und kein Restposten für weniger Talentierte.

Was wäre dabei möglichst schnell umzusetzen?
Jede Ausbildung sollte kostenlos sein. Es ist nicht einzusehen, dass für einige Berufe immer noch Schulgelder zu zahlen sind. Weg damit, und zwar bundesweit. Mit solchen Relikten einer überkommenen Ausbeutungsstrategie lässt sich weder der demografische Wandel erfolgreich gestalten noch eine erfolgreiche Transformationsstrategie entwickeln. Und weil Armut in diesem Land vererbt wird – und das sogar zunehmend –, müssen wir auch an dieses Thema ran. Armut hängt meistens mit ungleichen Bildungschancen zusammen. Die gibt es leider schon in der Schule und auch später im Berufsleben.

Deshalb: Wir brauchen echte Bildungschancen. Das beginnt in den Schulen, für die wir dringend mehr Lehrerinnen und Lehrer brauchen, auch um individuelle Fördermöglichkeiten zu verbessern. Und es geht weiter mit der Aus- und Weiterbildung, die einfach viel mehr Menschen offenstehen muss als es bislang der Fall ist. Erfolgreiche Erwerbsbiografien sind immer mehr davon abhängig, dass es fortwährende Angebote für Qualifizierung gibt. Deshalb brauchen wir einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung sowie mehr Mitbestimmungsrechte bei der Personalplanung und Weiterbildung.

© DGB

Gruppenbild mit Vorsitzender: Die Jugenddelegierten des 22. DGB-Bundeskongresses mit Yasmin Fahimi im Mai 2022 in Berlin

"Der Gewerkschaftsjugend sage ich: Lasst euch nie von euren Zielen und Leidenschaften abbringen. Die Gewerkschaften sind der Ort, wo wir euch stark machen."

Du warst selbst lange in der IG BCE-Jugend aktiv. Woran erinnerst du dich?
Vor allem an die vielen Ehrenamtlichen in den Betrieben, die sich in den Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) engagieren. Ohne das Engagement vor Ort geht gar nichts – ob in JAV oder Personal- und Betriebsrat. Erst die Mitbestimmung macht Unternehmen, Betriebe und Dienststellen zum Teil der Demokratie. Der Gewerkschaftsjugend sage ich: Lasst euch nie von euren Zielen und Leidenschaften abbringen. Die Gewerkschaften sind der Ort, wo wir euch stark machen.

Und Stärke ist nötig für die tiefgreifenden Veränderungen, die wir vor uns haben: Wir müssen Gesellschaft und Wirtschaft so umbauen, dass in der anstehenden Transformation mehr Arbeits- und Lebensqualität für alle erreicht wird. Wir haben die Kraft für einen neuen, kämpferischen Aufbruch in Zeiten des Umbruchs. Wir haben die Kraft, Menschen für unsere Werte, für unser Handeln und für unsere Gewerkschaftsbewegung zu begeistern.

Noch ein Wort zur aktuellen Lage: In Europa herrscht Krieg. Was können die Gewerkschaften bewirken?
Wir bekennen uns zu einem vereinten, demokratischen Europa und engagieren uns für eine kontrollierte Abrüstung weltweit. Gleichzeitig ist für mich vollkommen klar, dass wir das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine unterstützen müssen. Der Krieg in der Ukraine darf uns aber nicht verführen zu glauben, man könne Frieden mit Waffen schaffen. Was wir brauchen, ist ein Abkommen zur gegenseitigen Rüstungskontrolle in allen Regionen der Welt, eine neue internationale Initiative zur nuklearen Abrüstung weltweit und eine neue Qualität von Friedens- und Entwicklungszusammenarbeit, die faire regelbasierte Handelsabkommen miteinschließt.

Nur Demokratie, soziale Sicherheit und Menschenrechte schaffen Aggressionen aus der Welt und entziehen Despoten die Grundlage für ihre Allmachtsphantasien. Denn wer weiß besser als wir: Ohne freie Gewerkschaften gibt es keine freie Gesellschaft.

(Aus der Soli aktuell 8/2022, Autorin: Soli aktuell)