Deutscher Gewerkschaftsbund

Die Ausbildungsgarantie in Deutschland und Österreich I: Kristof Becker

Kristof Becker hat sich in Österreich die dortige Praxis der Ausbildungsgarantie angesehen.

DGB-Bundesjugendsekretär Kristof Becker

© DGB-Jugend/Jörg Farys

DGB-Bundesjugendsekretär Kristof Becker.

Kristof, du bist mit einer Delegation der DGB-Jugend nach Wien gefahren, ihr wolltet euch die Umsetzung der Ausbildungsgarantie in Österreich anschauen. Mit wem konntet ihr dort sprechen?
Zuerst einmal mit den Kolleg_innen der Österreichischen Gewerkschaftsjugend und den dortigen Mitgliedsgewerkschaften. Das war ein sehr intensiver und langer Austausch. Wir haben Bundesarbeitsminister Martin Kocher sprechen können. Alles sehr spannend natürlich – und eine große Ehre!

Was hat dich am meisten beeindruckt?
Wir haben uns zwei überbetriebliche Ausbildungsbetriebe angeschaut und wie die Ausbildungsgarantie in Österreich konkret von statten geht. Auf dieses Modell wird ja gern verwiesen – manche Akteure in Deutschland sagen, man kann das eins zu eins übertragen. Wir haben festgestellt: So einfach ist das nicht! Es gibt Dinge, die grundsätzlich anders sind.

Was können wir von Österreich lernen?
Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass beim Übergang zwischen Schule und Beruf viel mehr Acht gegeben wird: Wenn von der Schule ein Zeichen kommt, dass ein junger Mensch ohne Anschluss abgeht, geht man gezielt auf die Person zu und versucht, etwas Maßgeschneidertes für sie zu finden. Das passiert bei uns nicht.

Kann man die Ausbildungsstellenmärkte in Deutschland und Österreich vergleichen?
Das österreichische System hat einen anderen Stellenwert wie unseres. In Deutschland ist der Anteil der Abiturient_innen in der dualen Ausbildung deutlich höher, die Auszubildenden sind deutlich älter. In Österreich wiederum ist der Ausbildungsmarkt regional stark differenziert, im Westen gibt es viel mehr Ausbildungsplätze als im Osten. Außerdem gibt es berufsfachliche Schulen, die mit der Matura (das österreichische Abitur, d. Red.) enden. Die duale Ausbildung haben beide Länder, dennoch sind 4es sehr verschiedene Systeme.

Wie siehst du die Ausbildungsfinanzierung über den Arbeitsmarktservice?
Das wird gern erwähnt – schaut, die Österreicher bekommen die Ausbildungsgarantie ja ganz ohne Umlage hin. Aber so ist es nicht: Das erste Jahr Ausbildung bekommen die Betriebe komplett erstattet – also genau das, was wir auch fordern. Es gibt klare Anreize für Betriebe, auszubilden. Die Gelder stammen zwar nicht aus einem Fonds, aber aus staatlichen Mitteln. Aber das hat auch Schwächen: Es gibt Betriebe, die gar keine Auszubildenden mehr einstellen, die bedienen sich ausschließlich bei der überbetrieblichen Ausbildung (ÜBA). Ich finde zwar gut, dass die jungen Leute vermittelt werden, aber diese Ausbildungsstätten sind ja keine Personalagentur! Es kann nicht der Anspruch sein, sich die vorgebackenen Ausgebildeten zum Fertigbacken in den Betrieb zu holen! Es ist eine Herausforderung, dass das bei uns nicht passiert.

In welcher Rolle würdest du die ÜBA im Zusammenhang mit einer umlagefinanzierten Ausbildungsgarantie sehen?
Acht Prozent der österreichischen Auszubildenden sind in überbetrieblichen Ausbildungsstätten. Wir wollen den Anteil der außerbetrieblichen Ausbildung so gering wie möglich halten. Unser Ziel ist die Stärkung der betrieblichen Ausbildung.

Gerade ist in Deutschland der Berufsbildungsbericht erschienen. Der dualen Ausbildung geht es gar nicht gut – nicht mal mehr 20 Prozent der Betriebe bilden noch aus. Ist sie nicht sowieso ein Auslaufmodell?
Auf gar keinen Fall! Alle Ausbildungswege haben ihre Daseinsberechtigung: Es ist gut, dass Menschen studieren; dass Menschen ein duales Studium absolvieren. Und es ist gut, wenn Menschen eine duale Berufsausbildung absolvieren: Sie werden in der Regel sehr gut ausgebildet, haben großartige Perspektiven, sind vielseitig einsetzbar. Ich würde jedem jungen Menschen raten, eine duale Berufsausbildung zu machen.

Warum geht die duale Ausbildung in beiden Ländern zurück, obwohl die Ausgebildeten dringend gebraucht werden?
An vielen Stellen fehlen eben auch Anreize für Betriebe, auszubilden. Der Ausbildungsreport der DGB-Jugend zeigt, dass viele Betriebe und Branchen einiges bei den Ausbildungsbedingungen verbessern könnten, um die Ausbildung attraktiver zu machen.

Siehst du Kooperationsmöglichkeiten der Gewerkschaftsverbände beider Länder, um möglicherweise eine umlagefinanzierte Ausbildungsgarantie europaweit anzuschieben?
Ich bin mir sicher, dass die Ausbildungsgarantie kommt. Wir werden alles dafür tun, sie steht im Koalitionsvertrag. Es wird mehr betriebliche Ausbildung geben, und daran werden wir den Erfolg dieser Garantie messen. Überall in Europa brauchen junge Menschen Perspektiven – man müsste jedoch prüfen, wie übertragbar dieses Modell ist. Ich glaube, dass eine europaweite Initiative eine gute Idee wäre.

Die umlagefinanzierte Ausbildungsgarantie in Deutschland
Die DGB-Jugend hat die klare Erwartung an die Regierung, dass sie einen Fokus auf die betriebliche Ausbildung legt. Und im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien SPD, FDP und Die Grünen ist sie ja auch festgeschrieben, die Ausbildungsgarantie.

Nun geht es um die konkrete Ausgestaltung, um Finanzierung und Organisation. Die DGB-Jugend fordert einen umlagefinanzierten Zukunftsfonds, in den alle Betriebe einzahlen. Aus diesem werden die ausbildenden Betriebe einerseits so unterstützt, dass sie mehr ausbilden. Andererseits werden mit ihm auch die außerbetrieblichen Ausbildungszentren finanziert und gestärkt.

Vielen Akteuren in Deutschland ist klar: Es braucht mehr duale Ausbildung als derzeit praktiziert wird. Als Perspektive für junge Menschen und gegen den Fachkräftemangel.
Beschluss des DGB-Bundesjugendausschusses zur umlagefinanzierten Ausbildungsgarantie.

(Aus der Soli aktuell 7/2022, Autorin: Soli aktuell)

Das sagt Christian Hofmann