Deutscher Gewerkschaftsbund

Auszubildende gut behandeln!

Der Ausbildungsalltag hält manchmal böse Überraschungen bereit. "Dr. Azubi" sagt, wie man sich wehren kann. Das Erste-Hilfe-Paket.

Julia Kanzog

Azubi-Ratgeberin Julia Kanzog

 

Schlechte Ausbildungen
Der Chef ist ein Choleriker, die Vorgesetzte beleidigt Auszubildende aufgrund ihres Aussehens, die jungen Kolleg_innen werden vor den Kolleg_innen bloßgestellt, Fegen gibt es als Strafaufgabe nach Krankheit…
Wenn man Pech hat, sieht der Ausbildungsalltag im Jahr 2022 in Deutschland genau so aus. Und zwar gar nicht so selten, wie die Anfragen im "Dr. Azubi"-Forum zeigen. Damit ihr in diesen Situationen gut durch die Ausbildung kommt, haben wir ein Erste-Hilfe-Paket bei schlechter Behandlung im Betrieb zusammengestellt.

Probleme besprechen
Hier die Anfrage vom Vater von Lennart, 16 Jahre, im ersten Ausbildungsjahr: "Ich schreibe als Vater und Erziehungsberechtigter für meinen Sohn, da dieser sich zurzeit auf der Arbeitsstelle befindet. Ich habe meinen Sohn heute Morgen zum wiederholten Male mit Bauchschmerzen und zitternd zur Arbeit geschickt. In seinem Betrieb herrschen unzumutbare Arbeitsbedingungen."

"Dr. Azubi" rät: Lennart hat den ersten wichtigen Schritt gemacht. Er hat mit Menschen seines Vertrauens über seine Probleme am Ausbildungsplatz gesprochen. Das können Eltern, Freunde, Vertrauenspersonen in Schule oder Ausbildung sein. Wichtig ist, immer die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) oder den Betriebsrat einzubinden. Wenn du deine Probleme am Ausbildungsplatz nur runterschluckst, werden sich die Erfahrungen bald auf deine Seele oder deinen Körper z. B. mit Schlafstörungen, Depressionen und Magen-Darmproblemen auswirken.

Tagebuch führen
Weiter schreibt Lennarts Vater: "Mein Sohn wird immer wieder von seinem Ausbilder und Chef bloßgestellt, mit Aussagen wie z.B., wie es denn sein könnte, dass er während einer Krankheitsphase nach einem Arbeitsunfall nicht arbeiten kam. Er hätte sich ja nicht "alle Gliedmaßen durch den Unfall gebrochen" und hätte doch arbeiten kommen können.

"Dr. Azubi" rät:
Wenn Bloßstellungen und Beleidigungen häufiger vorkommen, solltest du sofort anfangen, ein Tagebuch über die Vorkommnisse zu führen. Wer hat was wann zu wem gesagt und wer war noch dabei? Oder wer hat wann was getan und wer war noch dabei?

Schreib dir alles möglichst genau auf. Auf dieses Tagebuch kannst du dann später zurückgreifen, es kann sehr nützlich sein, wenn du dich wehren willst.

Zum Gespräch bitten
Die angehende Immobilienkauffrau Anna sieht sich folgender Situation in ihrem Betrieb ausgesetzt: "Ich weiß nicht, wie ich mit manchen Sachen in meinem Betrieb umgehen soll. Meine Ausbilderinnen sagen teilweise Dinge, die ich sehr verletzend finde. Ich habe ein sehr schwaches Immunsystem, bin sehr blass und habe dunkle Ringe unter den Augen. Meine Ausbilderinnen haben mich in einem Feedback-Gespräch wissen lassen, dass sie mich zwingen können, mich zu schminken. Eine meinte neulich, sie würde mir einen Gutschein für das Solarium schenken, damit ich nicht mehr so krank aussehe."

"Dr. Azubi" rät: Du solltest möglichst früh Stellung beziehen, wenn du mit dem Verhalten von Kolleg_innen oder Vorgesetzten dir gegenüber oder auch gegenüber anderen nicht einverstanden bist. Sage klar und deutlich, wenn du etwas nicht in Ordnung findest und benenne genau, was es ist! So verschaffst du dir Respekt.

Bitte die Person zu einem Gespräch. Überlege dir zuvor einige Situationen und Beispiele, in denen das Verhalten der Person besonders verletzend und offensichtlich war. Beginne in dem Gespräch deine Sätze mit "Ich". Sage also nicht: "Sie kritisieren mich ständig!", sondern: "Ich fühle mich ständig von Ihnen kritisiert – und oft empfinde ich die Kritik als nicht gerechtfertigt!"

Versuche, dabei sachlich und selbstkritisch zu bleiben. Das Gespräch solltest du aber nicht allein führen: Es ist sehr empfehlenswert, eine Person deines Vertrauens oder am besten ein Mitglied der JAV und des Betriebsrates mitzunehmen. Es ist auch empfehlenswert, das Gespräch zu protokollieren.

Die Fürsorgepflicht
Jens, ein angehender Verkäufer, schreibt in unser Forum: "Ich mache derzeit eine Ausbildung. Schon seit längerem fühle ich mich dort einfach nicht wohl, es wird viel über mich gelästert. Und die Kollegen zeigen mir auch, dass sie mich nicht ausstehen können. Ich war deswegen auch schon in Behandlung in einer Klinik, aber ich habe versucht, mich wieder aufzuraffen."

"Dr. Azubi" rät:
Die ausbildenden Personen haben dir gegenüber eine Fürsorgepflicht, d. h., es ist ihre Aufgabe, dich vor seelischer und körperlicher Gefährdung zu schützen. Sie müssen dein Anliegen ernst nehmen, du musst sie um Hilfe bitten können. Diese Möglichkeit solltest du unbedingt auch in Anspruch nehmen. Falls dein Ausbilder nicht auf dich eingeht, kann das für dich auch einen Kündigungsgrund darstellen.

Es ist deine Gesundheit
Ganz wichtig: Deine Gesundheit ist dein wichtigstes Gut. Mobbing und schlechte Behandlung machen krank. Von daher ist es nicht verwunderlich, solltest du unter psychosomatischen Problemen wie Schlafstörungen, Magen-/ Darmproblemen, Herz-/Kreislaufproblemen oder unter psychischen Schwierigkeiten wie Weinkrämpfen, depressiven Verstimmungen und Angstzuständen leiden. Wenn die Belastung zu groß wird, solltest du einen Arzt aufsuchen und dich krankschreiben lassen.
Wenn gar nichts mehr geht und es dir nicht mehr länger möglich ist, in deinem Betrieb zu bleiben, dann kannst du auch überlegen, deinen Ausbildungsplatz zu wechseln.

Tipp: Eventuell hast du auch Anspruch auf Schadenersatz.

Hol dir hierbei auf jeden Fall Hilfe, am besten bei der zuständigen Gewerkschaft!

DGB: Was darf mein Chef?
Mobbing kann den Berufsalltag zur Hölle machen – und krank. Doch wo liegt die Grenze zwischen Meinungsverschiedenheiten und Ausgrenzung? Welche Rolle spielt der Chef? Die Rechtsexpert_innen des DGB beantworten die wichtigsten Fragen.

www.dgb.de/darf-mein-chef

Solltest du weitergehende Hilfe in Anspruch nehmen wollen, gibt es auch eine Übersicht für Mobbingberatungsstellen.
www.betriebsrat.de/mobbing-konflikt/mobbinglandkarte.html

(aus der Soli aktuell 4/2022, Autorin: Julia Kanzog)

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